China: Mit geliehenem Vollgas

26. Januar 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Die Freude, die im Westen bei jeder chinesischen Wachstumsbotschaft ausbricht, wird nur noch vom Glauben an jede noch so skurrile ökonomische Kennzahl übertroffen. Die angerichtete Konjunkturspeise wird dann – erstaunlicherweise vor allem von westlichen Politkern – mit einem unfassbaren Vertrauen in eine Planbarkeit von Wirtschaftsprozessen garniert… Selbst der Bau leerstehender Städte durch die chinesischen Großplaner wird so zum Aushängeschild einer blühenden Marktwirtschaft. Wer braucht schon Transparenz, auch unter Hausbesitzern in anderen Ländern galten Mieter oft als lästig. In den besten Zeiten des spanischen Immobilienbooms beispielsweise galten auch fleißig die Miete zahlende Bewohner als ein Qualität minderndes, lästiges Detail. Besser ein Jahr warten, auf die Miete verzichten und das Haus einfach unbenutzt zu einem höheren Preis weiterverkaufen. Blödsinn? Realität.

Wohin das Spiel in Spanien führte, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zum korrekten Bilanzieren der katastrophalen Verluste ließ man sich zwar noch nicht hinreißen, aber wer will diesbezüglich schon als Nestbeschmutzer vorangehen. Lieber erst einmal die spanischen Sparkassen verstaatlichen, das vereinfacht auch die Übertragung der Verluste auf die Bürger. Das ganze wird dann „Neustrukturierung des Bankensektors in Spanien“ genannt, als Ausrede müssen die Basel 3 Regulierungen (gähn) herhalten, ein paar Mal wird die üblichen Floskel von der „Vermeidung einer Kreditklemme“ in der aktuellen Kamera geäußert und dann muss ja endlich auch mal Schluss sein mit der Nörgelei!

In China kann man sich auf Grund der Strukturen die Verstaatlichung ohnehin sparen. Den Umweg über eine private Ökonomie hat man sich bis auf ein paar Kleinigkeiten gleich ganz erspart. Die großen Erfolgsmeldungen aus den gläsern und stählern glitzernden Küstenregionen ersticken daher jeden Ansatz einer Diskussion über mögliche Probleme eines ausufernden und nicht sonderlich transparenten Kreditwesens oder aber eine Analyse der teils absurden Wege des Bauwesens.

Wie so manch anderer Daueraufschwung verführt auch der aktuelle Hype am chinesischen Immobilienmarkt zur Annahme, dies wäre der Beginn eines ewig währenden Anstiegs.

Die Argumente sind von allen anderen – gescheiterten – Experimenten bekannt und wiederholen sich gebetsmühlenartig auch in diesem Fall. Wirtschaftswachstum, Binnenmarkt, wachsende Mittelschicht, wachsende Bevölkerung, und so fort. Der Witz an der Sache ist, dass viele Argumente durchaus auf generell richtige Sachverhalte hinweisen. Dennoch gewinnt man den Eindruck, derartige Fakten rechtfertigen jedes beliebige Preisniveau, was nicht der Fall ist. Aktien, Immobilien, alles könnte unendlich viel kosten und wäre trotzdem unterbewertet. Wie die Historie zeigt, ist das nicht der Fall. Übertreibungen gibt es nach oben und nach unten, aber Verhältnisse wie das von Wohnungspreisen zu Einkommen lassen sich nicht vollkommen trennen. Ihr Verhältnis kann lediglich in gewissen Grenzen schwanken.

Wie heißt es aber so treffend? „Things matter when they matter!“ Wann sich die strukturellen Probleme im chinesischen Finanzsektor und in der Baubranche am Markt durchsetzen – wer weiß das schon. Ignorieren sollte man sie aber nicht, will man nicht als letztes Glied der finanziellen Nahrungskette mit der heißen Kartoffel in der Hand in einem verlassenen Bauprojekt in der inneren Mongolei enden.

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