Chaos voraus?

28. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die Welt, so ein Fazit der Internationalen Kapitalanleger-Tagung der ZfU International Business School, die letzte Woche in Zürich stattfand, ist unübersichtlicher geworden und in einem raschen Wandel begriffen. Selten gingen die Einschätzungen so weit auseinander wie bei diesem hochkarätigen Experten-Treffen. Erwartungsgemäß beschäftigten der Absturz in China und der Crash der Ölpreise die Teilnehmer besonders stark. Wie das alles zusammenhängt, erfahren Sie unter anderem in unserem ausführlichen Tagungsbericht und einem Interview, das wir am Rande der Veranstaltung mit dem bekannten US-Analysten Dr. Ed Yardeni geführt haben – natürlich im neuen Smart Investor 2/2016, der zum Wochenende erscheint.

Zu den Märkten

Zum inzwischen dritten Mal hielt der DAX bei einem Niveau von knapp über 9.300 Punkten. Nach dem Absturz vom August 2015 und dem Test dieses Niveaus im September war es vor wenigen Tagen erneut so weit. Auch diesmal konnte der Absturz knapp über 9.300 Punkten gestoppt werden. Danach erfolgte die Gegenbewegung. Ist damit nun alles wieder in Ordnung? Wir denken Nein.

Der Trend dürfte – unabhängig von allfälligen Zwischenerholungen und Bärenmarkt-Rallys – vorerst weiter nach unten zeigen. Charttechnisch hat sich eine große Schulter-Kopf-Schulter-Formation ausgebildet, die allerdings nicht ganz idealtypisch ist. Die Nackenlinie wurde in der aktuellen Gegenbewegung wieder zurückerobert, sodass sich hier durchaus noch etwas Spielraum nach oben ergibt. Die harten Widerstände aus den letzten Monaten beginnen ab ca. 10.500 Punkten.

Betrachtet man die DAX-Einzelaktien, fällt das Urteil im Moment nicht eindeutig aus. Grob ein Drittel der Titel sieht ganz ordentlich aus, ein weiteres Drittel befindet sich in exponierter bzw. gefährdeter Lage und das letzte Drittel ist bereits klar im Abwärtstrend – etwa die Linde-Aktie oder die der Deutschen Bank (siehe unten), die sich bereits gefährlich nahe an die Paniktiefs von Anfang 2009 herangetastet hat.

Interessant könnte es – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der allgemeinen Verunsicherung – demnächst wieder im Edelmetallsektor werden. Nach mehr als vier Jahren Baisse zeigen sich bei Gold und Silber immer deutlichere Stabilisierungstendenzen.

Zwar gibt es hier noch keinen nennenswerten Anstieg, aber der Spielraum nach unten erscheint nun ziemlich begrenzt. Dass eine solche Wahrnehmung auch ihre Tücken haben kann, zeigt der Kursverlauf von Goldcorp. Sah es hier in der ersten Januarwoche noch danach aus, als würde der Kurs einen konstruktiven Boden ausbilden, ging es in den beiden Folgewochen um mehr als 20% bergab. Andererseits sind es genau solche Ausschüttelbewegungen, die einen Markt dann nachhaltig von jeglichen Optimisten bereinigen.

Immer deutlichere Zeichen

Die typische Argumentation der Daueroptimisten an den Märkten ist die günstige Bewertung, die trotz der jahrelangen Hausse noch immer gegeben sei. Was zugegebenermaßen auf den ersten Blick kein schlechtes Argument ist. So liegt das gewichtete KGV im DAX für 2016 derzeit noch immer bei ca. 13. Und dennoch scheint sich an einer Variablen derzeit etwas zu ändern:

Das G im KGV scheint bei einigen Aktien zunehmend unter Druck zu geraten. Zu beobachten ist dies z.B. bei BASF, einem der Dickschiffe im deutschen Leitindex. Bereits Mitte Dezember hatten wir im Smart Investor auf die angeschlagene Chart-Konstellation und die rückläufige Ergebnisentwicklung hingewiesen. Mit der Vorlage der vorläufigen Zahlen für 2015 bestätigt sich dieser Eindruck.

Der Ludwigsburger Chemieriese musste einen Umsatzrückgang von 5% hinnehmen, was vor allem auf die schwachen Ergebnisse in der Öl & Gassparte zurückzuführen ist. Statt des bis zuletzt erwarteten leichten Rückgangs des EBIT fällt dieses mit 6,2 Mrd. EUR nun immerhin um 18% schwächer aus, als im Vorjahr. Als Grund werden auch hierfür die schwachen Öl & Gaspreise genannt, mit denen BASF nun auch für das gesamte Jahr 2016 kalkuliert. Natürlich ist BASF, was die Abhängigkeit von den Rohstoffmärkten betrifft, eine Ausnahme. Generell fällt jedoch der deutlich pessimistischere Ausblick vieler Unternehmen auf.

Chart-BASF

So auch bei Apple… Mit der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal (das am 31.12. geendet ist) bestätigt sich unser Eindruck: Zwar legt der iPhone-Produzent erneut einen Rekordgewinn vor, was der Börse jedoch gar nicht schmeckt ist der Ausblick, den CEO Tim Cook gibt. Denn Apple rechnet zum ersten Mal seit vielen Jahren mit sinkenden Umsätzen.

Im zweiten Quartal soll dieser lediglich bei 50 bis 53 Mrd. USD liegen, 2014/15 waren es im vergleichbaren Zeitraum noch 58 Mrd. USD. Problematisch stellt sich zunehmend die hohe Abhängigkeit vom iPhone dar, denn die Umsätze mit Tablets und Computern sind bereits heute rückläufig. Daneben sind die Anleger auch bei Apple in Sorge um den China-Absatz. Sowohl Apple als auch BASF belegen mit fundamentalen Daten, was uns die Charttechnik bereits vorausskizziert hat. Dennoch stehen beide Titel voraussichtlich erst am Beginn einer größeren Korrektur.

Salami-Entschärfungs-Taktik

Probleme in einer völlig anderen Größenordnung hat die Deutsche Bank. Hier existiert schon seit längerem kein G im KGV mehr, die Bank schreibt derzeit Milliardenverluste. 2015 werden es in Summe 6,7 Mrd. EUR sein, primär verursacht durch Abschreibungen im Investmentbanking. Statt Großreinemachen durch den neuen Vorstandschef John Cryan, scheint es sich dabei jedoch um eine Schieflage im Investmentbanking zu handeln. Denn es ist bereits das zweite Quartal, in dem massive Abschreibungen belasten.

Mit der von uns befürchteten „Bombe“ in der Bilanz der Bank lagen wir damit voraussichtlich richtig, auch wenn es so aussieht, wie wenn diese nun in Raten entschärft wird, statt in einem großen Knall zu platzen. Die Frage ist jedoch auch, warum sich Cryan trotz seines Vorwissens als Aufsichtsrat diesen Job angetan hat. Seit unserem Artikel über das drohende „Lehman 2.0“ im Juni letzten Jahres hat die Aktie nun bereits rund ein Viertel an Wert verloren.

Von Schnäppchenpreisen kann dennoch keine Rede sein – zu viele unbekannte Positionen können auch heute noch im Zahlenwerk der Bank versteckt sein. Bereits am Montag haben wir ein Update zur Aktie veröffentlicht, im neuen Smart Investor werden wir uns darüber hinaus ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzen. Gleichzeitig machen wir auch beim großen Konkurrenten der Deutschen Bank in den USA, Goldman Sachs, erste Anzeichen von Schwierigkeiten aus. Mehr dazu können Sie ebenfalls ab Samstag im neuen Smart Investor lesen.

Fazit

China und der Ölpreis halten die Welt im Atem – und stürzen uns in eine Rezession? Noch ist die Lage alles andere als klar, doch die Anzeichen für eine deutliche Abschwächung mehren sich.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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