Chancenblindheit und Züricher Einsichten

19. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Gestern und vorgestern fand zum inzwischen 32sten Mal die Internationale Kapitalanleger-Tagung der ZfU in Zürich statt – genauer gesagt in Regensdorf bei Zürich. Traditionell gibt es hier zum Jahresbeginn ein Stelldichein deutschsprachiger und internationaler Kapitalmarktgrößen.

Die zeitliche Nähe zum World Economic Forum, das seit gestern in Davos stattfindet, sorgt dafür, dass dieser Tage auch reichlich Weltprominenz in die Schweiz findet – dieses Jahr etwa der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz als bekanntester Redner. Beherrschendes Thema der gesamten Tagung war die Frage, ob die Zinswende bereits stattgefunden habe und welche Konsequenzen sich daraus für die Kapitalmarktanleger ergeben.

Einheitlich war das Meinungsbild allerdings nicht. Auch die Einschätzungen zur aktuellen Lage und künftigen Entwicklung in China und Asien hätte kaum unterschiedlicher ausfallen lassen. Während der Politikwissenschaftler und Diplomat Kishore Mahbubani aus Singapur ein praktisch durchgängig rosiges Bild des Kontinents zeichnete, zeigte sich Außenpolitikexperte Andreas Zumach deutlich kritischer. Überhaupt nahmen die schon jetzt absehbaren Gefahrenlagen für Wirtschaft und Börse breiten Raum ein.

Neben der erwähnten möglichen Zinswende war dies insbesondere das europäische Superwahljahr 2017 – in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und wohl auch in Italien werden die Wähler an die Urnen gebeten. Insbesondere in den Niederlanden und Frankreich hielt man Wahlsiege der Anti-Establishment-Kandidaten für möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich.

Angekündigte Katastrophen sind an der Börse allerdings selten tatsächliche Katastrophen. Und so sollte man trotz allem die Chancen nicht aus den Augen verlieren, wie Philipp Vorndran von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch mahnte. Euphorie für die weitere Marktentwicklung war auf der Tagung jedenfalls nicht zu spüren, und das ist unter sentimenttechnischen Gesichtspunkten durchaus eine gute Nachricht.

Die große Verunsicherung, die mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der westlichen Führungsmacht entstanden ist, war förmlich mit Händen zu greifen. Denn nicht alles, was Trump bislang von sich gegeben hat, war – um es freundlich zu sagen – widerspruchsfrei (s.u.). Die Redner erteilten einem sich abzeichnenden neuen Protektionismus, der in Theorie und Praxis wohlstandsvernichtend wirkt, jedenfalls eine eindeutige Absage. Die Versuchung allerdings, sich aus einem, aus vielfältigen Gründen kleiner werdenden Kuchen ein größeres Stück herauszuschneiden, ist – nicht nur in Amerika – gewaltig. Unseren ausführlichen Tagungsbericht zusammen mit unseren eigenen Einschätzungen finden Sie im neuen Smart Investor2/2017, der am letzten Januarwochenende erscheint.

Beim Wort genommen

Am kommenden Freitag ist es so weit: Donald Trump wird als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt werden und seine Antrittsrede halten. Vergangene Präsidenten hatten diese Gelegenheit stets genutzt, um die grundsätzliche Agenda ihrer Präsidentschaft darzulegen. Diversen US-Medien zufolge habe Trump seine Rede selbst geschrieben.

Man darf also gespannt sein. Denn erst am Wochenende sorgte Trump mit seinem Interview in der deutschen Bild-Zeitung für eine Schockstarre bei der Bundeskanzlerin, diversen EU-Oberen und Nato-Vertretern. Denn Trump nahm – wie bereits im Wahlkampf – kein Blatt vor den Mund: So erwartet Trump den Austritt weiterer Länder aus der Europäischen Union, bewertet den Brexit als eine positive Entwicklung, sieht die NATO als obsolet an und drohte deutschen Automobilherstellern wie BMW mit hohen Strafzöllen, wenn sie Autos für den amerikanischen Markt in Mexiko produzieren sollten.

Die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin hält er wahlweise für einen „katastrophalen“ oder einen „sehr schlimmen Fehler“. Überhaupt: Das Interview des President-elect ist exakt im Wortlaut abgedruckt worden, was Trump durch diverse Wiederholungen und Fehler wie einen Deppen aussehen lässt. Nun kann man dies auf die Gepflogenheiten in den USA schieben, wo die Freigabe eines Interviewtextes eher unüblich ist. Dezente Umformulierungen sind aber auch in Amerika durchaus gebräuchlich. Man könnte daher auch die pure Absicht dahinter vermuten.

Politik à la Trump

Die Kernpassagen des Interviews waren erwartungsgemäß auch eines der Top-Themen im politischen Berlin, in Brüssel und bei der NATO. Doch wie sind The Donald und seine Positionen tatsächlich einzuordnen?

Zunächst einmal spricht Trump viele richtige Dinge an, die lediglich der Mainstream als verbale Ausfälle einordnet. Und er tut es auf eine Art und Weise, die vollständig mit dem bisher üblichen Politikstil bricht. Gleichzeitig präsentiert er eben auch viele allzu sehr vereinfachte Lösungsansätze, wie beispielsweise seine Zoll-Phantasien.

Aber Trump ist kein Liberaler im europäischen Sinne und schon gar kein Libertärer. Vielmehr ist er ein Protektionist und Populist der alten Schule. Kurzfristig lassen sich mit einer solchen Politik vielleicht durchaus Erfolge erzielen, langfristig mit Sicherheit nicht.

Außenpolitisch offenbaren die jüngsten Äußerungen dagegen durchaus eine gewisse Weitsicht, auch wenn sich die hiesigen Politiker dies nicht eingestehen wollen. Denn natürlich steht die Europäische Union 2017 vor einer Zerreißprobe, natürlich war die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ein katastrophaler Fehler und natürlich ist die Annährung an Russland eine historische Chance.

Wird also mit Trump alles besser? Mit Sicherheit nicht. Wird die Welt dagegen unter dem neuen Präsidenten im Chaos enden? Wahrscheinlich ebenfalls nicht. Warten wir also ab, was uns der 45. Präsident der USA am Freitag zu sagen hat…

Smart Investor goes Twitter

Lange haben wir in der Redaktion diskutiert, wie Smart Investor und Twitter zusammenpassen. Das auf 140 Buchstaben pro Beitrag begrenzte Medium erscheint nicht gerade ideal für eine differenzierte Auseinandersetzung mit schwierigen Sachverhalten. Richtig. Andererseits hat sich die 140-Zeichen-Nachricht zu einer eigenen Kunstform entwickelt, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Zudem bekommen Sie bei unserem Twitter-Auftritt @si_magazin – ja, wir heißen wirklich so – den schnellsten Smart Investor aller Zeiten.

Denn ein Problem ist uns aus dem Redaktionsalltag nur zu vertraut: Einen Tag nachdem unser SIW-Newsletter versandt wurde, sehen wir eine interessante Entwicklung, die wir für mitteilungsbedürftig halten und in unsere Sammlung „Was wir Ihnen unbedingt auch noch schreiben wollen“ aufnehmen. Eine Woche später ist das Ganze aber bereits Schnee von gestern oder die sprichwörtliche Sau wurde so intensiv durchs Dorf getrieben, dass wir zu deren totgehetztem Kadaver nicht unbedingt auch noch unseren Senf dazugeben müssen. Das Thema ist durch.

Wenn uns also etwas auf den Nägeln brennt, dann werden wir es künftig einfach einmal „zwitschern“. Wie die Twitterer unter Ihnen wissen, ist das Medium interaktiv. Sie können uns dort antworten, einen Tweet weiterverbreiten, kommentieren oder liken. Und natürlich können Sie uns folgen, damit Sie keinen unserer Gedankenblitze verpassen. Schauen Sie doch gerne einmal in unserer guten „Zwitscherstube“ vorbei: www.twitter.com/si_magazin. Und wer noch nicht bei Twitter ist und uns trotzdem folgen möchte, kann sich innerhalb weniger Minuten ein eigenes Konto www.twitter.com erstellen.

Zu den Märken

Trotz jüngster Irritationen an den Märkten aufgrund der Äußerungen von Donald Trump lief es beim Gold weiter wie an der Schnur gezogen nach oben – oder gerade deswegen? Dahinter könnte schon die klassische Flucht in Sicherheit stehen, denn bis sich die von der neuen US-Regierung tatsächlich verfolgte Politik herauskristallisiert, dürfte es noch einiges an Unsicherheiten geben. Dagegen spricht allerdings, wie geordnet die Bewegung bislang lief

2017_01_18_Gold

Die Volatilität nahm ab und von Hektik war nichts zu spüren. Man darf sich allerdings nicht täuschen, es sind gerade solche, vergleichsweise ruhigen Kursverläufe, die oft erhebliches Überraschungspotenzial in sich bergen – wohl gemerkt in beide Richtungen.

Am 9. März feiert der laufende Aktienbullenmarkt seinen achten Geburtstag. Was eine vergleichsweise lange Zeit ist, denn im Schnitt dauerten Haussephasen seit den 40er Jahren gerade einmal fünf Jahre. Alter ist jedoch relativ. Und Bullenmärkte sterben eher selten an Altersschwäche, sondern an einer Blasenbildung. Lesen Sie in unserer aktuellen Grafik der Woche, warum an den Aktienmärkten noch eine finale Aufwärtsbewegung anstehen könnte, bevor der aktuelle Bullenmarkt ein Ende findet.

Fazit

Festgefahrene Meinungen verstellen den Blick auf die Realität – in der Politik und an den Märkten.
© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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Ein Kommentar auf "Chancenblindheit und Züricher Einsichten"

  1. Insasse sagt:

    „Aber Trump ist kein Liberaler im europäischen Sinne und schon gar kein Libertärer. Vielmehr ist er ein Protektionist und Populist der alten Schule. Kurzfristig lassen sich mit einer solchen Politik vielleicht durchaus Erfolge erzielen, langfristig mit Sicherheit nicht.“

    Das wird sich noch zeigen. Fragt sich, worin die wirtschaftlichen Erfolge der von Obama, Merkel & Co. gefahrenen neoliberalen Globalisierungspolitik liegen. Darin, dass die global agierenden Großkonzerne im Ausland billigst produzieren lassen können und kaum Steuern zahlen? Anderseits in ihren Heimatländern die Arbeitslosigkeit und der Niedriglohnsektor blüht. Ich würde mich nicht gerne auf die Seite derer stellen, die das als Erfolg anpreisen. Protektionismus ist nur das Gegenstück einer solchen Globalisierungspolitik. Man könnte es auch so zusammenfassen: Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Fragt sich nur, mit welcher Politik man sich auf welcher Seite einreihen will.

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