Bye bye Goldilocks … hallo, Pechmarie

15. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Goldilocks, Goldlöcken, ist im US-Börsenjargon seit Jahren das Symbol für ein „alles ist gut“, für stetig steigende Börsen und die Anleger, die „Goldlöckchen“, denen wie im gleichnamigen Märchen alles in den Schoß fällt … zumal Goldilocks sich, wie symbolhaft, im Märchen ja bei den drei Bären bedient. Aber…

…aber auch, wenn sich das beim reinen Blick auf die Charts der US-Aktienindizes noch nicht erkennen lässt: Goldlöckchen ist dabei, sich in die Pechmarie zu verwandeln.

Als ich in der Nacht zum Samstag das ZDF Nachtjournal sah, hinterließ die Ballung an Bedrohungen ein wirklich beklemmendes Gefühl. Der Jemen, der Irak und Syrien in den Fängen der IS, die Ukraine in einem nicht wirklich hoffnungsschwangeren Schwebezustand, Boko Haram wütet in Nigeria und den Nachbarstaaten. Dazu die zunehmende Zahl an Terror-Anschlägen weltweit. Heute, am Sonntagmorgen, dann die Nachrichten aus Dänemark und ein abgesagter Faschingsumzug in Braunschweig.

Aggression, die immer weiter und vor allem schnell um sich greift. Und derer man nicht Herr wird. Jahrelang hinterließ Al-Qaida ein unterschwelliges Gefühl, nicht wirklich sicher zu sein. Diese Organisation ist noch da … aber mit ihr nun noch andere. Und nur, wer mit einer fast naiv zu nennenden Gutgläubigkeit gesegnet ist, glaubt wirklich, dass die Lage in der Ukraine jetzt befriedet und die Beziehungen zu Russland nun wieder stabilisiert seien … oder dass das, wenn es nicht so ist, irgendwie egal sei.

Die Figur des Goldlöckchens ist eine naive Gestalt. Sie bedient sich ahnungs- und furchtlos bei den drei Bären … und das geht außerhalb des Märchens auf Dauer nicht gut. Nur denken die meisten Menschen eben auch im Umkehrschluss: Je länger es gut geht, desto geringer das Risiko, dass doch noch was passiert. Was die Pechmarie im Märchen von Frau Holle übrigens auch dachte.

Schwarmdumm: So blöd sind wir nur gemeinsam

Einfach gelassen zu unterstellen. dass diese Zunahme der Gewalt keine wirtschaftlichen Konsequenzen haben wird, ist unrealistisch. Und selbst wenn es so wäre: Das Wachstum der Weltwirtschaft beginnt auch so schon immer heftiger zu wackeln.

Zwei Monate mit jeweils fast einem Prozent Rückgang beim US-Einzelhandel – das ist nicht ohne. Goldlöckchen erklärt uns, das mache nichts, weil das durch die billigeren Preise an den Tankstellen verursacht sei. Aber warum wurde die Ersparnis dort nicht sofort in anderen Konsumbereichen ausgegeben? Wenn die anderen Bereiche von den niedrigeren Spritpreisen nicht unmittelbar profitieren, stimmt was nicht. Goldlöckchen macht sich indes keine Sorgen, denn die Zahl der neu geschaffenen US-Arbeitsplätze ist so groß, das wird schon. Nur … man vergisst:

Der Arbeitsmarkt reagiert mit monatelanger Verspätung auf Veränderungen. Das ist der Blick zurück! Es ist zwar typisch Goldlöckchen, weil entsprechend naiv, aber es ist, als würde man mit Vollgas in den Nebel rasen … mit den Scheinwerfern hinten. Der Blick nach vorne sind die Auftragseingänge – und die sind für die USA seit Monaten miserabel. Goldlöckchen lacht und verweist darauf, dass die in Europa aber besser sind. Also wird das alles schon wieder. Nein, wird es nicht. Denn:

Der massiv gefallene Euro hätte Europa weitaus mehr begünstigen müssen, als es der Fall ist. Nimmt man ein Saldo aus den Auftragseingängen für die USA und die Eurozone, bleibt weiterhin Ernüchterung – da wächst nichts. Und das wird auch durch den Baltic Dry Index bestätigt. Ein Index, der die Schiffsfrachtraten vieler wichtiger Rohstoffe abbildet, damit einen Blick auf die erste Stufe der Produktionskette erlaubt und gerade auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren eingebrochen ist.

Dies in Kombination mit der immer problematischer werdenden Sicherheitslage macht es selbst für Goldilocks schwierig, hier eine rosige wirtschaftliche Perspektive zu sehen. Also blickt man – bislang – einfach woanders hin: Auf das billige Geld, die niedrigen Zinsen … und sagt sich: Das macht alles nichts. Dann wird die Bewertung der Aktien eben steigen, denn wenn die Zinsen erst negativ sind, bleibt den Leuten nichts anderes übrig, als Aktien zu kaufen.

Aber das ist eben die typische Goldlöckchen-Denkweise: naiv und einseitig. Denn natürlich bleibt den Leuten etwas anderes übrig. Sie können ihr Geld dennoch einfach parken. Denn ja, die Zinsen liegen fast bei null. Aber die Inflation eben auch. Per Saldo ist ein Zins von vier Prozent attraktiv, aber bei einer (faktischen) Inflationsrate von fünf Prozent trotzdem Mist. Wo ist da der so eklatante Unterschied zu jetzt? Und es geht ja meist nur um die Frage der Wiederanlage. Wer länger laufende Anleihen seit Jahren hält, hat neben dem (noch höheren) Zins noch satte Kursgewinne. Und die fallenden Zinsen verheißen weitere Kursgewinne. Warum verkaufen? Und wer neu anlegen muss, muss dem Aktienmarkt auch wirklich voll vertrauen, sprich glauben, dass er jetzt, auf diesem Niveau, nicht Gefahr läuft, plötzlich zehn oder zwanzig Prozent zu verlieren. Goldlöckchen ist sich sicher, dass alle anderen auch wie Goldlöckchen denken und blind kaufen, statt in Immobilien, Kunst oder Antiquitäten zu investieren. Ich hingegen bin mir da keineswegs sicher.

Viele glauben fest daran, dass es überhaupt kein Problem ist, dass die US-Notenbank seit anderthalb Jahren von einer Zinserhöhung schwafelt und die EZB und die BoJ Geld zugleich drucken wie verrückt. Aber der Glaube wird nicht durch Fakten untermauert. Wie schon in vielen Marktkommentaren erläutert, funktioniert diese Methode nicht wirklich. Bislang haben wir nicht einmal einen einigermaßen sichtbaren Placebo-Effekt auf die jüngsten, extremen Maßnahmen der Notenbanken. Und damit zufrieden zu sein, dass die US-Notenbank in diesem Umfeld ihre Zinsanhebung immer weiter aufschiebt, ist Goldlöckchen-Denken. Denn nicht nur, dass die aktuelle Tendenz deutlich macht, dass man mit seinem scheinbar so soliden Wachstum in den USA auf Sand gebaut hat (was man leicht und jederzeit erkennen konnte, wenn man es wollte … aber die „Fed“ wollte nicht) und somit mal wieder nicht durchgeblickt hat. Nein, einfach nur nichts zu tun ist zu wenig. Wenn sich die US-Notenbank nicht durch erneute Schübe billigen Geldes am Währungs-Abwertungswettlauf beteiligt, gerät sie „hinter die Kurve“. Und ich traue diesem Gremium nach den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre nicht zu, rechtzeitig zu erkennen, was zu tun ist… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Bye bye Goldilocks … hallo, Pechmarie"

  1. Sandra sagt:

    Tatendrang ist das Gold oder das schwarze Pech (u.a. der Marie).

    ‚Ohne Fleiß keinen Preis‘ ist der Marie dabei ganz egal.
    – Eine freie Bedienung im Schlaraffenland auch.

    Man sät und erntet. Alles wie immer.

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