Bye Bye Goldilocks *2009 †2015

27. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wie üblich dachten die meisten, es würde ewig dauern. Aber jetzt scheint Goldilocks, auf Deutsch Goldlöckchen, verstorben zu sein. Goldilocks, das naive Mädchen aus dem Märchen mit den drei Bären, stand in den USA symbolhaft für das seit der Subprime-Krise grassierende Anlegerverhalten, alles Negative einfach als nicht existent zu deklarieren und mit der seligen Gewissheit zu leben und zu handeln, dass der Aktienmarkt eine Einbahnstraße ist.

Basis dieser auch andere Wirtschaftsregionen ansteckenden Denkweise waren zwei Elemente: Zum einen das „billige Geld“ für die Finanzindustrie, eigentlich (angeblich) dafür gedacht, die Wirtschaft zu beleben, indem die Banken dadurch günstigere Kredite an Private und Unternehmen vergeben können, das aber – natürlich – in die Aktienmärkte floss. Zum anderen eine jahrelange Dauerberieselung mit aggressiv-optimistischen Aussagen und Prognosen, bei denen die Medien durchaus mithalfen, jedwede negativen Aspekte unter den Teppich zu kehren.

Dass das lange Jahre funktionierte, ist gar nicht so überraschend. Denn wer sich in den Sog hat ziehen lassen und auf der Long-Seite investiert war, war selbstredend nur an „good news“ interessiert. Es ist nun einmal so: Die Menschen denken mit ihrem Aktiendepot. Sind sie Long, ignorieren sie alles Negative oder bekämpfen es wütend. Sind sie Short, sehen die meisten plötzlich jedoch alles rabenschwarz und quittieren jegliche positiven Aspekte bestenfalls mit einem mitleidigen Lächeln. Und da die Aktienmärkte mit all dem Geld, das die Finanzindustrie in sie hinein pumpte, gefühlt nonstop stiegen, wurde die Zahl der Skeptiker immer geringer. Denn man sah, dass man da etwas verpasst … ließ sich breitschlagen und stieg ebenfalls ein … und war so automatisch dem positiven Denken verhaftet. Für dieses letztlich naive Denken stand der Begriff „Goldilocks“.

Ich habe seit Jahren immer wieder das in meinen Kolumnen auf den Tisch gezerrt, was andere sorgsam unter dem Teppich „vergessen“ hatten, um klar zu machen, dass ein solches Spielchen nicht gutgehen kann. Immerhin hatten wir gleich zwei noch recht junge Belege dafür: Das Platzen der „Dot.Com-Blase“ 2000 und die Subprime-Baisse 2008/2009. Denn es ist völlig egal, worum es als Aufhänger für naiven Dauer-Optimismus unter gezielter Ausblendung der Realität im Kern geht. 2000 dachte man, alle alten Regeln gälten nicht mehr, eine neue Zeit sei angebrochen.

Pustekuchen…

2007/08 wurde überall propagiert, der kleine Rücksetzer am Immobilienmarkt sei irrelevant und der in buntes Papier verpackte Hypothekenmüll eine tadellose Sache. Ha. Damals war das Argument der bullishen Akteure gegenüber Mahnungen mit Verweisen auf vorherige, zusammengeklappte Kartenhäuser, dass diesmal alles ganz anders sei. Goldilocks sagte das jetzt jahrelang ebenso. Und nun?

Goldilocks wurde in den letzten Monaten nicht mehr gesehen. Es muss ihr etwas zugestoßen sein. Und das war zu erwarten. Was nicht klar war, war der Zeitpunkt und die Umstände. Wobei eines immer und immer wieder bestätigt wird: Es braucht kein einschneidendes Ereignis, um eine von der Mehrheit gedanklich auf ewig in die Zukunft verlängerte Hausse zu kippen. Nicht einmal für einen Crash wäre das heutzutage nötig. Dafür haben wir computergesteuerte Handelsprogramme und den Umstand, dass stark steigende und stark fallende Kurse die Marktteilnehmer in hysterische Herdentiere verwandeln, die jegliche Ratio an der Garderobe abgeben.
Goldilocks wurde nicht mit der Axt gefällt. Sie hat sich einfach langsam aufgelöst. Der Begriff „to fade away“ im englischen träfe es perfekt.

Die Gründe sind, wie immer, wenn es um die Veränderung der Rahmenbedingungen im Verbund mit der Marktstimmung geht, längst vorhanden gewesen. Doch man konnte nicht absehen, wann die die Zahl der Investoren, die das Geschehen mit gerunzelter Stirn betrachten, die der Goldlöckchen übersteigen würde. Das ist eben ein meist schleichender Prozess. Und so ignorierte man in der Tat recht lange, dass…

… das Wachstum der Emerging Markets, einzige Antriebsquelle der organisch nicht mehr wachsenden „alten“ Wirtschaftsregionen Europa, Japan und USA, sich in einigen Ländern bereits in Luft auflöste bzw. in Ländern wie China deutlich schrumpfte.

… das „billige Geld“ z.B. in Form der waghalsigen Aktionen der EZB nicht mehr wirkte.

….zwar meist noch die Gewinne der Unternehmen stiegen, dies aber ob fallender Umsätze durch die üblichen Rationalisierungen am Ende eines Konjunkturzyklus passierte oder, (eigentlich) noch entlarvender, durch Aktienrückkäufe, die unter anderem deutlich machten, dass viele Unternehmen nichts sahen, in das sie hätten investieren können.

… die US-Notenbank immer neue Ausreden fand, die Leitzinsen nach jahrelangem Gerede doch nicht zu erhöhen, was eigentlich jedem hätte klar machen müssen, dass da was mit dem zugleich ein ums andere Mal hochgelobten soliden Wachstum nicht stimmt.

… das angeblich immer noch um die sieben Prozent betragende Wachstum Chinas, das als seelischer Rettungsanker gegen jeden Zweifel helfen sollte, irgendwie immer weniger zu all den anderen chinesischen Konjunkturdaten passte.

Die Liste der Warnsignale ließe sich noch fortführen. Aber nichts, wirklich gar nichts wirkt besser als Weckmittel für rosa Träume als zuerst stagnierende und dann fallende Kurse. Solange die Indizes steigen, ist alles gut. Sie werden meist als einzige (weil einfachste) Indikation für die Realität hergenommen. Kaum etwas könnte absurder sein, aber gerade deswegen ist Goldilocks ja so alt geworden. Und das bedeutete: Solange nicht die ersten, großen Verkaufsimpulse kommen, reagiert die Masse der Anleger nicht auf Veränderungen der Realität. Bekloppt? Ja. Aber so tickt die Börse bzw. so ticken die Menschen. Will man ehrlich sein, findet sich ein derartiges Denken und Verhalten doch in allen Lebensbereichen wieder. Warum sollte es also ausgerechnet hier anders sein?



Die Eintrittskarte zum Stimmungswandel war der monatelange Seitwärtstrend der US-Indizes seit Jahresbeginn. Dabei verwies der noch gar nicht auf vorgenannte Probleme. Man stellte nur fest: In Europa, wo man unkritisch wie üblich und wie vom wilden Affen gebissen kaufte, weil man gaaanz viel billiges Geld, einen immer weiter fallenden Euro und langfristige Zinsen im negativen Bereich als Treibsatz für DAX und Euro Stoxx feierte, sausten die Kurse nach oben. Aber an der Wall Street, wo die US-Notenbank ein ums andere Mal gaaanz unmittelbar vor der Zinswende stand, ging nichts mehr voran. Das machte nervös.

Nicht die dunklen Wolken waren die Basis für Goldilock’s Ende, sondern der Umstand, dass all diejenigen, die bis über die Halskrause, teilweise auf Pump und oft hoch gehebelt, auf die Einbahnstraße Hausse gesetzt hatten, nichts mehr verdienten. Das ließ den Gedanken reifen, dass es vielleicht, eventuell, in Kürze und unter besonderen Umständen, auch mal sinnvoll sein könnte, zu verkaufen. Nur … an wen? Waren ja schon alle drin!
Erste Tests mit größeren Positionen seitens institutioneller Investoren zeigten bis zum Sommer: Immer, wenn größere Posten gegeben wurden, gingen die Börsen in die Knie. Es kam mangels einer Steigerung beim billigen Geld nicht mehr zu der nötigen Nachfrage. Goldilocks ist somit irgendwann im späten Frühling quasi an Nähstoffentzug eingegangen.

In Europa hatte die EZB diese Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel Geld noch künstlich erzeugt. Da war man bis April völlig sorglos, Goldlöckchen hüpfte aufgeregt auf dem Börsenparkett herum. Aber dann erwischte es auch die europäische Version, nur aus anderen Gründen. Hier war es eher eine Überlastung des „Bad News-Immunsystems“, das Goldlöckchen meuchelte. Der Euro fiel wider Erwarten nicht unter die Parität zum US-Dollar, die Zinsen stiegen, statt zu fallen. Und die Erkenntnis, dass die EZB scheinbar doch nicht allmächtig ist, vereinte sich mit der Erkenntnis, dass die Eurozone selbst ebenfalls nur ein fragiles Kartenhaus ist, ausgelöst durch das Griechenland-Theater.

Ernüchterung in den USA, aufkommende Nervosität in Europa. Das war die Basis. Das führte dazu, dass einige große Adressen mehr Material auf den Markt brachten, um ihre brandgefährlich hohen und riskanten Investitionsquoten irgendwie zu verringern. Und das war die Geburtsstunde des Abwärtstrends. Erst im Frühling in Europa und dann im Sommer auch an der Wall Street. Und jetzt?

Jetzt sehen all diejenigen, die vorher nur rosa gesehen haben, nur noch schwarz. Das ist eben die Krux, wenn eine künstlich derart lange positiv gehaltene Stimmung kippt. Auch das kennen wir aus Beispielen der Vergangenheit. Das einzige, was jetzt die Stimmung wieder ins Positive verkehren könnte, wären schnell, weit und vor allem nachhaltiger steigende Kurse. Aber wie? Wodurch motiviert? Jetzt, wo so viele auf einmal alles negativ sehen?
Selbst das bisherige Ausbleiben der Zinswende in den USA wird jetzt negativ gesehen, weil man daraus ableitet, dass die US-Notenbank glaubt, dass die Lage weit ernster ist als man vorher allgemein dachte. Und käme die zinswende doch, würde man sich fürchten, dass die US-Wirtschaft selbst einen so kleinen, symbolischen Schritt nicht verkraften könnte. Sprich: Während man vorher alles egal wie in Positive verbog, bestehen die üblichen zwei Enden derselben Wurst jetzt in beiden Fällen aus Gift.

Dass die EZB da immer wieder wie beiläufig erwähnt, dass man die Stützungskäufe ggf. auch auf andere Assetklassen ausdehnen könnte, erschreckt nun, statt Jubel hervorzurufen. Denn würde man tatsächlich wagen, am Aktienmarkt zu rühren, wäre das das deutlichste Signal des Versagens der bisherigen Maßnahmen, das man sich vorstellen könnte.
Manch einer hofft, es könnte so laufen wie im Sommer 2011. Immerhin, der hier abgebildete Chart des Dow Jones auf Wochenbasis zeigt Parallelen. Bruch einer längerfristigen Aufwärtstrendlinie und der 200-Tage-Linie nach einer Toppbildung, kräftiger Abwärtsimpuls, die Jahreszeit war in etwa dieselbe. Soweit richtig. Aber 2011 konnte man mit einer gezielten Intensivierung des Quantitative Easing die Sorgen vertreiben. Heute geht es nur um die Frage: Zinserhöhung ja oder nein. Falsche Richtung. Und damals glaubte man noch an China. Heute nicht mehr. Die Stimmung ist hinüber.

Selbst, wenn die US-Notenbank – und das könnte bald nötig sein – sich wieder einreiht und im Kampf um die billigste Währung wieder Anleihekäufe vollzieht: Es wäre zu befürchten, dass das umso mehr Panik auslöst, weil es belegt: Man stand ahnungslos pfeifend auf einer Leiter ohne Sprossen … ist voll investiert … und auf der Käuferseite ist niemand, der die Hand aufhält.
Der Glaube, dass „buy on dips“ immer funktioniert, bröckelt aktuell zügig. Würden jetzt bei Dow, DAX und Co neue Tiefs erreicht, wäre er völlig dahin. Und viel fehlt ja nicht mehr. Goldilocks ist fort. Das Märchen vom Goldlöckchen wird jetzt anders erzählt … jetzt sind es die drei Bären, die im Rampenlicht stehen.

Mit besten Grüßen, Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de

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7 Kommentare auf "Bye Bye Goldilocks *2009 †2015"

  1. Insasse sagt:

    „Bekloppt? Ja. Aber so tickt die Börse bzw. so ticken die Menschen.“

    Meiner Ansicht nach ist diese Verhaltensweise auf die Geldanlage beschränkt. In Finanzdingen mit wenig Verstand ausgerüstete Menschen (und das sind die allermeisten) kaufen mit der Hoffung auf Wertsteigerung das, was werthaltig aussieht. Und dieses Aussehen wird – für diese Menschen – in aller Regel vom Preis bestimmt. Das gilt für Aktien genauso wie für Immobilien, Oldtimer, Edelmetalle etc. Sinkt der Preis oder ist er weit unten, signalisiert das dieser Kategorie von Anlegern schlechte Chancen auf Wertsteigerungen. Deshalb kaufen sie, wenn die Kurse hoch stehen und verkaufen, wenn sie tief stehen. Allerdings: So viele Privatanleger gibt es ja an der Börse gar nicht mehr. Die aufgezeigte Psychologie scheint also auch bei institutionellen Anlegern vorzuherrschen.

    „Will man ehrlich sein, findet sich ein derartiges Denken und Verhalten doch in allen Lebensbereichen wieder. Warum sollte es also ausgerechnet hier anders sein?“

    Dem würde ich entgegensetzen wollen, dass die Menschen in anderen als den oben genannten Bereichen durchaus schauen, wie sie günstig kaufen können. Dies gilt insbesondere für den Konsumbereich, also das genaue Gegenteil von Geldanlage. In diesem Bereich schauen die Leute nach Schnäppchen, Sonderangeboten, Aktionen etc. pp. Sie wissen, diese Dinge sind nicht von Dauer. Deshalb sehen sie hier die Notwendigkeit möglichst billig kaufen.

    • bluestar sagt:

      „Bekloppt? Ja. Aber so tickt die Börse bzw. so ticken die Menschen.“
      „Meiner Ansicht nach ist diese Verhaltensweise auf die Geldanlage beschränkt.“

      Okay, sagen wir einmal auf alle Bereiche die eine gewisse geistige Grundleistung erfordern,
      wovon ich die von Ihnen beschriebene Schnäppchenjagt ausschließen möchte.
      Irgendwann können das auch Schimpansen, wenn sie lange genug trainiert werden.
      Also: Wenn es geistig etwas komplizierter wird und Zusammenhänge nötig sind, trifft die von Herrn Gehrt erläuterte Verhaltensweise voll zu.
      Es werden ja auch von den Lemmingen solche Parteien oder Schwachköpfe immer wieder gewählt, die möglichst viel den Leuten versprechen. Wer interessiert sich denn bitteschön für unbequeme Wahrheiten oder selbständiges Denken in Zusammenhängen.
      Dann lieber GROKO wählen und die Kohle Richtung KLV, BSV oder Bankberater.
      Gerade deshalb können ja die wenigen Antizykliker mit starken Nerven und eigener Meinung Vermögen aufbauen und das ist wiederum gut so.

  2. waltomax sagt:

    Als Gegenmaßnahme gegen das irrsinnige Gelddrucken kann man eigentlich nur regelmäßig sein Konto abräumen, Bargeld horten und Silber kaufen. Oder Gold.

    Denn am Ende des Tages werden wohl alle Papiervermögen weitgehend entwertet. Die Zeche zahlen alle diejenigen, die sich auf deren Wertstabilität verlassen haben.

    Also vor allem die Sparer.

    …Hatten wir doch in der Geschichte schon ziemlich oft, oder?

    • Avantgarde sagt:

      Im ersten Absatz Bargeld zur Hortung empfehlen und im zweiten darauf hinweisen, daß Papiergeld entwertet wird…..

      Ist mir nur so aufgefallen.
      🙂

      • Sebastian sagt:

        Mit „Papiergeld“ meinte er wohl das Buchgeld aufm Konto. Nicht mehr als ein Bits und Bytes auf einem stinkenden, kaffeeübergossenen Bankenserver in der Besenkammer der Hausbank, wo Ratten an den Kabeln rumnagen.

      • waltomax sagt:

        In der Tat, das scheint ein Widerspruch zu sein. Doch was kann man tun, wenn Zentralbanken den Geldumlauf inflationär erhöhen und keine Zinsen bezahlt werden? Man kann nur von sich aus das Geld wieder verknappen und versuchen, es werthaltig zu machen. Der Druck auf die Banken führt dann entweder zu noch mehr Fiat-Falschgeld oder dem Zwang, für Einlagen wieder Zinsen zu zahlen.

        Aber vielleicht ist das auch nur das Gebrüll der Maus wider den Elephanten.

        Sollen wir sang- und klanglos untergehen…?

        Beißen wir dem Elephanten wenigstens ins Bein, bevor er uns zertritt.

        • Avantgarde sagt:

          Ist kein Problem – ich habe durchaus verstanden was gemeint war.

          Ich finde den kleinen sprachlichen Fehler sogar hilfreich.
          Denn wir haben eben genau KEIN Papiergeldsystem sondern ein Kreditgeldsystem !!!
          Hätten wir denn ein Papiergeldsystem dann lägen die Polleits dieser Welt tatsächlich richtig.
          Aber sie liegen seit Jahren eben falsch….

          Bargeld ist das einzige gesetzliche Zahlungsmittel.
          Es ist Zentralbankgeld und wird nicht von den Banken erzeugt.
          Es ist nicht digtital löschbar, es fällt nicht aufgrund notleidender Kredite aus.
          Negativzinsen wie bei Buchgeld sind nicht möglich.

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