Bundesbank: Bilanz außer Kontrolle?

6. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Target-2-Salden haben als Begriff inzwischen Berühmtheit erlangt wie mancher D-Klasse-Prominente aus dem Dschungelcamp. Deftige Schlagzeilen umwehen die Meldungen aus der Eurozone: Bundesbank-Bilanz außer Kontrolle… Target2-Salden im Explosions-Modus… Südländer schreiben im Norden an…

Wahrscheinlich verwechseln die meisten Leute „Target 2“ mit irgendeinem Ballerspiel aus der Computerwelt. Ganz falsch ist der Vergleich mit der digitalen Bespaßung ja nicht. Bei diesem Begriff handelt es sich aber weniger um Spaß, sondern um europäische und elektrische Verrechnungseinheiten in Zeiten, in denen das Geld aus der Steckdose kommt.

In den letzten Monaten wurde über große Verwerfungen berichtet, die damals am sozialistischen Reißbrett der allgemeinen Gleichmacherei in Europa noch nicht vorhersehen konnte. Manch Betrachter der Bilanzen vermutet nicht ganz zu Unrecht, das Fundament europäischer Architektur wurde nicht nur in dieser Hinsicht etwas zuviel Sand gemischt. Nun rutscht der Unterbau und bringt die Verrechnungs-Salden außer Rand und Band. An den Definitionen in monetärer Hinsicht hat sich unterdessen nichts geändert: Die Schulden der einen sind die Forderungen der anderen – unser sogenanntes Geld. Während das eine Land Minuszeichen produziert, drückt es die Forderungsseite in anderen Staaten an die Stubendecke. Der Handel verläuft unausgeglichen.

Es heißt, die schwachen Euro-Länder leben auf Kosten der stärkeren und schreiben dort alles an wie in Tante Emma`s Laden. Einer flüchtigen Betrachtung hält diese, einer bösartigen Stammtischrunde entliehene Expertise, oberflächlich stand. Auf den zweiten Blick aber nicht. So wuchsen Ende Februar die Forderungen der Bundesbank an das EZB-System, also gegenüber der EZB um gewaltige 49 auf nun 547 Milliarden Euro an. (Quelle)

Im aktuell angebotenen Chart der Bundesbank vom 29.2.2012 fehlen noch diese 49 Milliarden Euronen… (Quelle)

Moment! Ordern klamme Südstaaten tatsächlich für 49 Milliarden Euro Waren und Dienstleistungen – und das in einem einzigen Monat? Das Brummen des Export-Motors hätte hierzulande zu kollektiven Tinnitus-Beschwerden geführt. Es muss also mehr dahinter stecken als eine unausgeglichene Handelsbilanz. Der Grund für das Explodieren der Forderungssummen auf der Bilanz der Bundesbank sind in Wirklichkeit vielmehr die Fluchtgelder aus südeuropäischen Staaten.

Target was?

Target-2 ist der Begriff für das europäische Zahlungssystem. Eine kleine Sprachübung sei eingeworfen…

Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System.

Alles klar? In diesem System kommt es seit einiger Zeit zu Staus. Die Schulden der Südländer türmen sich hoch wie Tsunamiwellen in der Bilanz der Bundesbank – wartend auf die Scheitelwelle, die nicht in Sicht ist. So lange aber die Euro-Zone zusammenhält, sind diese Target-Salden keine akute Bedrohung, betonen Experten. Und hier liegt wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum die alternativlosen Retter in diesen Wochen so alternativlos viel zu tun haben…

Ein Beispiel – die halbe Wahrheit

Ein spanischer Tomatenbauer kauft bei einem deutschen Hersteller einen Traktor. Die Buchung von „Los Tomatos“ geht von seiner Bank über die spanische Zentralbank weiter zur Bundesbank und von dort aus an die deutsche Geschäftsbank, bevor das Geld auf dem Konto des Traktorbauers angekommen ist. Los Tomatos fährt auf dem spanischen Feld herum. Der Traktorenhersteller hat das Geld auf seinem Konto.

Die Bundesbank hat ihm die Summe über seine deutsche Geschäftsbank ausgezahlt. Diese Summe ist nun eine Forderung der Bundesbank an die spanische Notenbank. Welchen Wert aber hat die Bundesbank-Forderung gegenüber ihren spanischen Kollegen? Das Geld müsste eigentlich wieder zurück fließen. Tut es aber nicht. Und so wächst Target 2 weiter an. Hier liegt das erste Problem.

Wenn Spanien, aus welchen Gründen auch immer, aus dem Euro ginge, wäre die Forderung nicht mehr viel wert, vielleicht soviel wie ein Pfund Tomaten. Und wenn Griechenland den Euro verließe, was es offenbar nicht darf, wären auch die Forderungen auf die von Deutschland gelieferten Panzer futsch.

Ein zweites Beispiel – die Geldflucht

Der steile Anstieg der Target-2-Forderungen in den letzten Monaten ist auch auf eine gigantische Geldflucht aus den südlichen Staaten und Frankreich zurück zu führen. 70 Milliarden Euro sollen Griechenland inzwischen verlassen und Ruhe in Zürich, London und Frankfurt gefunden haben. Dass es auch deswegen bei griechischen Banken zur Trockenstarre mangels Einlagen kommt, dürfte dabei wenig überraschen.

Hierzulande tummelt sich der Bund-Future bei rund 140 Prozent, während im Gegenzug die Renditen deutscher 10-jähriger Staatspapiere bei 1,82 Prozent stehen.

Deutsche Banken ertrinken geradezu in Geldern, die ihnen zugeschleust werden. Sie fragen bei der EZB kaum Liquidität nach, im Gegensatz zur Vergangenheit. Während südliche Banken vertrocknen, kommt die EZB mit den Gartenschläuchen und vergibt griechischen Banken Kredite – akzeptiert dabei auch Unrat als Sicherheit.

Allerdings haben die deutschen Banken auch Unmengen Unrat auf ihren Büchern, den sie der EZB als Pfand unter geschoben haben. Die Regelung gilt für alle, nicht nur für die offiziellen „Sünder“. Die meisten Sicherheiten sind nicht mehr sicher bzw. sind abhanden gekommen. Target2 explodiert. Im Grunde genommen finanziert die EZB indirekt den deutschen Export, der sich unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen nicht auf diesem Niveau halten ließe – nur, indem die EZB Liquiditätsengpässe südeuropäischer Banken ausgleicht, um den Zahlungsverkehr z.B. in Griechenland aufrecht zu erhalten…


547 Milliarden Euro der Bundesbank sind nicht Forderungen gegenüber den Peripherieländern, sondern gegenüber der EZB. Für die EZB wiederum handelt es sich um Forderungen gegen die nationalen Notenbanken. Kommt es zu einem Forderungsausfall, müsste Deutschland entsprechend seinem Anteil an der EZB 27 Prozent der Verluste übernehmen – unabhängig davon, wie hoch der deutsche Target-Saldo ist.

Fluchtgeld mit angenehmen Eigenschaften

Banken, die mit geflüchteten Einlagen überschüttet worden sind, denken im Traum nicht daran, diese Einlagen den griechischen Banken zurück zu schicken und den Griechenland-Banken zur Verfügung zu stellen. Sie selbst können auf diese Einlagen Kredite ausreichen, wenn sie es denn überhaupt wollen. Wie aber kommt das Geld zurück nach Griechenland? Gar nicht. Könnte man deshalb auch Konten von reichen Griechen in Frankfurt, Zürich und London durchleuchten oder zumindest Auskunft darüber erlangen, wer welches Geld dorthin gebracht hat?

Wenn das jemand könnte, so sagte Norbert Walter, wäre das Kommissar, der die europäischen Hilfen für Griechenland organisiert. Mal sehen, wann sich das Zentralkomitee der Sache annimmt. Auskunftsersuchen sind gesetzlich jetzt schon geregelt. Die Banken, wo das Geld schlummert, dürften daran allerdings kein großes Interesse haben. Gehr es in diesem Falle wirklich um die Reichen? Offiziell schon. Bloß wird dabei vergessen, das es sich hierbei um ein Systemproblem handelt, das die Deutschen selbst schwer abschaffen können, weil dann die Wirtschaftsillusion Exportmonster zusammenfällt.

Seltsamer Brief

In einem eigentlich geheimen und zufällig aufgetauchten Brief von Jens Weidmann an EZB-Chef Mario Draghi zeigte sich der Bundesbankpräsident besorgt mit Blick auf die Sicherheiten, die die Banken bei der EZB für Kredite mittlerweile hinterlegen dürfen.

Die Notenbanken des Eurosystems nehmen substanzielle Risiken in ihre Bilanz, die im Grenzbereich ihres Mandats liegen
Weidmann will die Forderungen besser besichert wissen und nicht mit jedem schlechten Papier. Doch womit? Mit Draghis altem Wasserkocher?

Vielleicht ist der Brief auch nur eine strategischerPositionierung des Bundesbankpräsidenten. Er dürfte doch wissen, dass die EZB den Südländern so weit weniger Geld zur Verfügung stellen könnte. Damit wird auch ein Scheitern der BuBa-Forderungen wahrscheinlicher. Zumindest hat die Bundesbank, sie sonst kaum etwas zu sagen hat, öffentlichkeitswirksam protestiert. Überhaupt scheint es modern zu werden, über den Austritt von Griechenland laut nachzudenken. Sogar manch Politiker kommt darauf, nachdem er sein Ja zum 130 Milliarden schweren Paket zur Ausweitung der Konkursverschleppung abgegeben hatte. Es macht sich eben gut beim Wähler. Und das zählt heute…

P.S. In den USA gibt es zwischen den Bundesstaaten ein ähnliches Zahlungssystem. Dort heißt es Fedwire. Zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed werden die Differenzen einmal im Jahr durch besicherte Wertpapiere ausgeglichen, welche in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Im Prinzip ließe sich das auch in Europa so handhaben. Doch welche Güte haben diese Wertpapiere. Darf man diese überhaupt noch so nennen? Papiere von Wert?

Besser als nichts. Solange der Dollar-Raum zusammenhält – ein halbwegs ordentliches Prozedere. Man könnte natürlich auch Gold als Collateral oder Sicherheit heranziehen. Vergessen Sie das aber bitte ganz schnell!


 

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7 Kommentare auf "Bundesbank: Bilanz außer Kontrolle?"

  1. Beobachter sagt:

    Erinnert mich stark an

    Gerhard Polt – Quanto Costa

    http://www.youtube.com/watch?v=EMzHWfzw9mo

    Wir dürfen alles zahlen, früher und heute.

  2. wolfswurt sagt:

    Nicht die EZB ermöglicht die deutsche Exportgauckelei, es ist der sozialistische Rat bestehend aus BUBA, Bundesregierung, deutsche Großkonzerne/Banken und als Anhängsel(!) die EZB.

    Der Strudel der sich dreht erfaßt zuerst die Peripherie(Südländer), langsam aber nicht zu stoppen um am Ende in der Mitte(Deutschland) alles in den Abgrund zu reißen.

    War so 1918, 1923, 1945 und ?

    Ursache ist der nach wie vor vorhandene deutsche Größenwahn Europa gestalten und führen zu wollen.
    Die nicht Akzeptanz der natürlichen Unterschiedlichkeit europäischer Völker wird uns wieder einmal das Genick brechen.

  3. ontherock sagt:

    D’accord.

    Das mit dem Traktor ist nun durch; den Optimismus, wonach die Forderungen an Griechenland oder auch andere den Wert eines Tomatenpfundes hielte teile ich nicht und ich hoffe für Weidmann, daß sein Brief einen Postlauf von mindestens drei Jahren hatte ansonsten er den Beinamen „Der Spätzünder“ erhalten sollte.

    caw

  4. […] Rott & Meyer: Bundesbank: Bilanz außer Kontrolle? […]

  5. crunchy sagt:

    Sauber und verständlich erklärt. Weidmann schiesst nach zwei Seiten:
    Nicht nur auf die EZB sondern auch auf den Bundestag, da Frau Merkel ihn schon früher einmal vereinnahmen wollte.
    Nicht nur, dass die Target2-Salden ein Mittel zu Erpressung sind,
    die Griechen gehen offenbar ganz sicher:

    http://www.welt.de/wirtschaft/article13908694/Griechenland-kauft-Waffen-fuer-eine-Milliarde-Euro.html

    Da schaut der Deutsche in ein Leo4 Rohr und der Franzose erlebt sein ganz persönliches Mirage.

  6. Avantgarde sagt:

    „das es sich hierbei um ein Systemproblem handelt, das die Deutschen selbst schwer abschaffen können, weil dann die Wirtschaftsillusion Exportmonster zusammenfällt.“

    So ist das halt mit unseren „geheiliten Exporten“ – kein Opfer ist groß genug.
    Eine Dekade hat man die Löhne in D immer schön tief unter dem Produktivitätsfortschritt gehalten um sich Wettbewerbsvorteile zu schaffen.
    Dadurch war und ist unser Binnenmarkt auch flach wie ein Brett.

    Nun hat man es geschafft und die anderen an die Wand exportiert – Juhuu….

    Irgendwie ist das mit dem Target-2 doch so was wie ein bischen ausgleichende Gerechtigkeit. 🙂

  7. kneipier sagt:

    Wie ich hörte, sollen sich bisher alle aus dem Amt verabschiedeten Bundesbankpräsidenten nicht im wohlverdienten Ruhestand befinden.

    Stattdessen finden wir die Herren allesamt gut alimentiert in jenen FED- Banken, die immer gerne gegen gute Zinsen hilfreich Kredite zum positiven Saldieren zur Verfügung stellen.

    Schliesst sich hier der Kreis?

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