Bullishe Propaganda

26. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Ich habe am Mittwochabend CNBC geschaut und heute gerade drei Stunden einen deutschen Nachrichtensender genossen. Und schon beginnt mein durch das mediale Trommelfeuer aufgeweichtes Hirn bullish zu werden. Gut, schön, ich hatte in der „Alarm“-Kolumne vom Sonntag darauf hingewiesen, dass der DAX, der sich am vergangenen Freitag noch verbissen in der Nähe der 7.400 halten konnte, absturzgefährdet sei. Ein wenig stürzte er dann ja auch…

Aber wenn doch alle momentan sagen, dass das nur eine kleine Korrektur sei, hier ebenso wie in den USA, und es zum Jahresende die „Jahresend-Rallye“ geben wird (weil doch schließlich Jahresende ist), dann muss das doch stimmen? Milliarden Fliegen können doch nicht irren?

Und immerhin hat sich der Dax am Donnerstagmittag schon stattliche 50 Punkte von der Linie bei 7.200 nach oben abgesetzt. Das sollte überzeugen, gell? Das und die Aussage, dass die Aktienmärkte schließlich fast immer in den letzten beiden Monaten eines Jahres steigen. Stimmt genau. Außer 2011, 2008, 2002 ging es in den letzten zehn Jahren immer ab November nach oben. Also in den Jahren, in denen es vorher entweder brutal abwärts ging wie 2001 oder 2009, oder gerade keine Krise herrschte. Haben wir denn keine?

Nö. Wo denn? Ich meine, diese komische Euro-Krise, an die haben wir uns schließlich gewöhnt. Was bedeutet: sie ist nicht mehr existent. Denn, mal ohne Flachs: Das ist ja gerade das Verwirrende an der Börse (höflich ausgedrückt): Die Akteure verhalten sich da durchaus gerne wie Kleinkinder. Halt in Nadelstreifen und mit Smartphone am Ohr, aber sonst? Was man nicht sehen will, ist auch nicht da – es sei denn, es wird einem mit Wucht direkt um die Ohren gehauen. So wie wir es in früheren Tagen handhabten: Wenn man sich die Bettdecke über den Kopf zieht, ist das böse Monster nicht mehr schlimm. Denn wenn ich es nicht sehen kann, kann es mich ja auch nicht sehen. Ein Grund mehr, großen Respekt vor all denen zu haben, die dauerhaft weiter steigende Kurse orakeln. Sie haben (unbewusst!) verstanden, wie simpel die vielen Schlaumeier an den Börsen ticken.

Und nicht nur in Hinsicht auf mangelndes Wachstum, Rezession, Überschuldung & Co. Oh nein, vergessen wir bitte alle nicht, dass Aktien momentan nicht billig sind … sie sind, wenn ich die zahlreichen Aussagen auf allen Wirtschaftskanälen zusammennehme, extrem billig. Logisch eigentlich. Die Gewinne stagnieren, die Kurse steigen weiter … dass ergibt in der Summe die Beförderung von „billig“ zu „extrem billig“. Oder so. Gut, nicht vom aktuellen Kurs/Gewinn-Verhältnis her. Aber man muss ja nur die reale Entwicklung ignorieren, die Gewinne für 2013/14 ordentlich nach oben nehmen und schon passt das Ganze wieder. Und wenn’s dann immer noch nicht passt, holt man einfach das Dummbatz-Rechenmodell heraus, das Anleiherenditen mit den Aktien bzw. deren Dividendenrenditen vergleicht, dividiert das alles schnell durch die Raumtemperatur – und dann passt es bestimmt. Und dass die Anleger das in Scharen glauben, ist kein Wunder. Es ist nun einmal bei Argumentationsketten immer so, dass das Gehirn sofort den Betrieb einstellt, wenn es das zu hören bekommt, was es gerne hören will. „Billig? Cool! Siehste, ich bin schlau, weil bis über die Halskrause investiert.“

Daher sind die 8.000 im Dax auch ausgemachte Sache. Da sollte man sich von diesem dummen, kindischen Rücksetzer im DAX oder vollendeten Dreifachtops in den USA nicht aus der Ruhe ringen lassen. Wie wurde uns im Spätsommer 2009 aus berufenem Munde noch erklärt: Trendwendeformationen nach unten klappen nie, das sind fast immer Kaufsignale. Damals zwar mit Hilfe von direkten Spritzen billigen Geldes … aber was soll’s? Und es stimmt ja: Bis auf die Trendwendeformationen, die markante Abwärtstrends eingeläutet hatten, waren alle anderen Fehlsignale. Ein wunderbare und schön griffige Logik.

Am Donnerstagmorgen hörte ich aus Guru-Munde: 7.800 bis 8.000 im Dax sind drin. Nur, wenn die 7.100 nicht halten sollte, könnte es schnell bis 6.900 oder gar 6.600 runter gehen. Das nenne ich mal ein Statement, da weiß man, was man hat! Und der geneigte Investor, Long bis zur Schmerzgrenze, hört dabei eh nur „8.000“ und schaltet das Hirn aus. Und wenn’s doch nach unten gehen sollte, kann der Guru sagen: Ich hab’s doch gewusst. Die Börsenwelt ist schön, weil einfach, nicht wahr?

Und doch … ein bisserl Angst hab ich dann doch mit meinen frisch aufgeklebten Bullenhörnchen. Ich meine, wenn ich mal nachdenke (nicht nachmachen, liebe Kinder, statt dessen gibt es Google), dann stelle ich fest: In der Krise steigen die Kurse, man muss sich nur an sie gewöhnen. Fallende Unternehmensgewinne sind wurst, weil Aktien ja bleibende Werte sind (stimmt, wenn ich eine Aktie zu 100 kaufe und sie fällt auf 20, ist es trotzdem noch genau eine Aktie!). Und weil die Dividenden höher sind als die Anleihezinsen. Bis sie gekürzt werden, okay … aber wer kürzt bei fallenden Gewinnen seine Dividende, haha. Also…

In der Krise steigt’s, und wenn’s brummt, steigt’s auch. Das ist fein. Dann muss ich jetzt kaufen? Scharen von US-Analysten (zumindest die, die bei Banken im Brot stehen … und den anderen kann man ja nicht trauen, gell) sagen „ja“. Gut. Nur … dann müssten die Aktien ja bislang immer gestiegen sein. Wie erkläre ich mir die Phasen 2000-2002 oder 2008/09? War damals ein Versehen, sagen Sie? Da hatte man noch nicht diese Rechenmodelle? Ach so, na, dann ist es ja gut. Dann muss man jetzt also kaufen.

Ich fasse zusammen, liebe Leser: Wir müssen jetzt dringend kaufen, weil die Krisen zwar nicht gelöst und ausweglos sind, das aber egal ist, weil wir das alle schon wissen. Das Wirtschaftswachstum ist gering und schrumpft in einigen Ländern, aber das macht nichts, weil das schließlich nichts mit Aktien zu tun hat. Denn solange Dividenden höher sind als Zinsen, ist es doch egal, ob die Unternehmensumsätze und –gewinne fallen. Das haben wir jetzt verstanden.

Davon abgesehen sind ja alle bearish und niemand hat Aktien, das merkt man ja auch an den 99% bullishen Aussagen in den Medien. Und dem 20 %-Anstieg des Dax seit Ende Juni. Das waren nämlich keine Käufer, die Kurse sind einfach dings, na, einfach so gestiegen. Das gibt’s!

Denn wir immer wissen die mehr als wir, die Fachleute, und wollen doch bloß, dass wir alle reich werden. Deswegen sagen sie uns, was wir denken und tun sollen. Das sind nämlich Kumpels, diese Analysen, wissen Sie? Und die Aktien, die niemand hat, lagern irgendwo in einem Keller und werden nur rausgeholt, wenn wir alle sie jetzt – weil wir schlau sind – kaufen wollen. Dass die Aktien durch die Anleihekaufprogramme jetzt weiter steigen, sehen wir ja. Na ja, wir sehen es bald. Denn die Anleger hatten ja zuletzt keine rechte Orientierung, weil ihnen zu lange niemand erklärt hat, wie billig das alles hier ist. Deswegen ist der Anstieg seit Bekanntgabe der alles heilenden Kaufprogramme QEIII und OMT in den USA jetzt komplett und in Deutschland fast wieder flöten. Aber jetzt weiß ich – und Sie alle – ja Bescheid. Und da Trendwendeformationen wie Doppel- und Dreifachtopps immer ein Kaufsignal sind (es sei denn, sie münden in einen Abwärtstrend) und die Aktien letztlich ja immer steigen (sofern sie nicht gerade fallen, weil die Anleger so schrecklich dumm sind), kann uns ja nichts passieren und der Dax steigt zu Weihnachten auf 8.000.

Sind diese Perspektiven nicht wunderbar? Haben solche Argumente nicht Hand und Fuß? Gell? Ja. Also sollten wir alle so gerissen sein und die in allen Medien verbreiteten, geheimen und wohlmeinenden Tipps umsetzen und kaufen. Denn wenn erstmal das schon 2008 in Unmengen vorhandene und verzweifelt nach Anlage suchende Geld zuschlägt (denn die Bankanlysten wissen das irgendwie, die haben da sicher irgendwelche Programme und dann drücken sie auf ihr Smartphone und dann addiert das die Summe derjenigen Barbestände auf den Konten dieses Planeten, neben denen steht „Besitzer kauft morgen ganz viele Aktien) und die Aktien kauft, die momentan niemand hat, weil alle unterinvestiert sind, stehen wir dumm da und haben nix.

Falls Sie nun jemand fragen sollte: Was soll das heißen, niemand hat Aktien? Irgendwer muss die doch haben … wenn einer sie verkauft, hat sie doch jemand anders gekauft? Wenden Sie sich ab. Einfach nicht antworten. Schließlich, liebe Leser, sind das genau die Gedanken, die uns alle bislang von unermesslichem Reichtum abgehalten haben! Denken Sie so was nicht! Denken Sie am besten überhaupt nicht mehr! Wie unterstrichen: Fresst Sch….- denn Milliarden Fliegen können nicht irren.

Und vermeiden Sie dabei in jedem Fall unreine Gedanken. Zum Beispiel den, dass ein solches Verhalten in den letzten beiden Fällen 2000 und 2008 dazu geführt hat, dass sich die Frage erledigt hatte, wo all das viele Geld denn hin soll. Da war es nämlich auf einmal weg. Den Spieß umzudrehen und zu sagen, dass man am Ende, wenn man den Sirenen auf den Leim gegangen war und ausgerechnet im Zuge einer Trendwende den großen Adressen ihre Bestände abgekauft hatte (bitte mal bei Kostolany oder Livermore nachlesen), immer (nicht fast immer) mit bitteren Verlusten dastand, ist höchst unfein. Solche Gedanken würden das Vertrauen, das wir alle nach den wunderbaren Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre in unsere Bankanalysten stecken sollten, aufs ungehörigste untergraben.

Fazit: Nachdem all die, die Bescheid wissen, mir so schön erklärt haben, dass ich bullish zu sein habe, bin ich bullish. Aber Vorsicht: Im Gegensatz zu Analysten erzähle ich manchmal dummes Zeug. Vielleicht … na ja, eigentlich sogar tatsächlich … bin ich bearish. Gerade weil ich in den letzten 20 Jahren die Erfahrung gemacht habe, dass die bullishen Köter am lautesten kläffen, wenn sie händeringend nach Dummen suchen, die ihnen ihre Bestände abnehmen. Und der ausgerufene Alarm gilt nach wie vor.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , ,

Kommentare sind geschlossen