Bullenhitze

27. März 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Ein steigender Markt braucht Brennmaterial in Form von Marktteilnehmern, die bereit sind zu kaufen, schreibt Robert Rethfeld in seiner heutigen Ausgabe seines Börsenbriefes „Wellenreiter“. Dem lässt sich kaum etwas hinzufügen. Doch von woher werden die Scheite herangeschafft? Wo lodert das Feuer?

In den letzten Tagen habe ich auf Veranstaltungen immer die gleiche Frage gestellt: Ist das, was wir sehen eine Ralley im Bärenmarkt oder mehr? Vielleicht sogar der Beginn eines neuen Bullenmarktes? Fast alle waren sich einig, dass es nur eine Gegenbewegung sei, die bald in sich einstürzen wird. Meist aber irrt die Masse. Es würde mich nicht wundern, wenn man die alten Lehrbücher aufgeschlagen hat und mit Inflation rechnet. Es könnten gewaltige Umschichtung aus Anleihen in Aktien sein. Man hört immer wieder von Aktien als Sachwerten. Ist das nicht witzig?

Auf einmal sind die Dividendenpapiere wieder in Mode gekommen. Jetzt wo Anleihen nichts mehr abwerfen, schaut man auf Aktien und sogar auf die Dividendenrendite. Sie verkauft sich in den Banken neben Unternehmensanleihen auch besser als Staatspapiere. Den Experten ist nämlich auch aufgefallen, dass sich der Bondmarkt im Zustand einer Blase befindet. Dort lagert das Brennmaterial, dass nicht nur Aktien anfeuern könnte, sondern auch die Edelmetalle. Das gelbe Metall ist in Banken weniger beliebt, verdienen sie daran nur einmal beim Verkauf oder Ankauf. Bei Gold und Silber weiß man aber, was man hat. Sicherheit. Und abgerechnet wird am Schluss.

Rund 85 Billionen USD befinden sich im weltweiten Anleihemarkt. Doch immer weniger Dummköpfe finden sich ein, um dieses ver-rückte Spiel freiwillig weiter zu betreiben. Wer leiht schon den Regierungen Geld, die mit ihren idiotischen Aktionen den Toten dutzende Transfusionsschläuche setzen. Kein Wunder, dass am Dienstag britische Schatzanweisungen das erste Mal seit 15 Jahren durchgefallen sind. Anleger fordern als Ausgleich für Dummheit jetzt höhere Renditen. Dagegen fielen in den USA die einmonatigen T-Bills kurzzeitig unter Null Prozent. Seltsame Dinge passieren in seltsamen Zeiten. Über die Folgen werden wir uns später wundern.

Die Leute beginnen ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Vor wenigen Wochen erzählte man ihnen, Staatstitel wären sichere Anlagen. Heute sagt man, Aktien wären sicher. Doch was ist in einer Welt des Glaubens und Vertrauens überhaupt sicher? Bonds? Aktien? Gold? Oder gar Dosensuppen?

Altersvorsorgeprodukte sind von einem tiefen Glauben durchwebt. Amen. Diese Konstrukte fungieren als Sammelstellen für das nach Rentenschutz suchende Kapital. Millionen kleiner Sparer schicken monatlich Geld in einer Feuer, das ständig nach neuem Brennholz schreit. Das Geld wäre da so sicher, heißt es in der Werbung. Dabei könnten die Renditen für lange Zeit niedrig bleiben, solange die Notenbanken den AAA-eingestuften Schrott aufkaufen. Die Erträge werden sich in Grenzen halten und decken heute schon oft nicht mal die Kosten der Kapitalsammelstellen. So sind Versicherer schon dazu übergegangen, Discount-Zertifikate zu kaufen, die ihnen eine kalkulierbare Rendite versprechen. Und wenn Aktien oder Indizes unter ein bestimmtes Niveau fallen, haben sie sowas wie die Aktie selbst. Halleluja!

(Quelle)

Dieser Mister Market ist ein ganz gerissener Bursche, den nur noch die Notenbanken versuchen zu übertrumpfen. Bernanke & Co. wollen so viele wie möglich retten und Mister Market so viele wie möglich in den Abgrund reißen. Dieses Spektakel hat gerade erst begonnen. Ich weiß nicht, wer gewinnen wird, erwarte aber, dass die Notenbanken ihre selbst verliehene Göttlichkeit verlieren werden und Mister Market gewinnt.

Was passiert mit dem für schlechte Zeiten geparkten Geld? Wer in dreißig Jahren eine Zahlung auf dem Konto erwartet und dabei eine Beruhigungspille a la Kostolany lutscht, mag einen ruhigen Puls verspüren, doch nur solange, bis die Nebenwirkungen einsetzen. In der Zwischenzeit haben sich die Verwalter ein paar Scheite genommen, um mit dem Rest einen Ofen zu beheizen, der inmitten eines kondratieffschen Winters immer größere Räume auf Zimmertemperatur zu halten. Ich schaue hoch zu den Göttern und frage, in welcher Währung die Rentensumme dann überwiesen wird. Und wieviele Nullen an die Zahl an – oder abgehängt worden sind? Stille.

Das mit dem Kaufen und Aussitzen war ein guter Gag im Instrumentenkasten der Marketingabteilung. Statt sich selbst zu kümmern wird empfohlen, Schlaftabletten zu nehmen. Psychologen würden von Betäubungsversuchen sprechen, um sich ja nicht um die eigenen Belange kümmern zu müssen.

Glaube war und ist eben ein verführerischer Ratgeber. Und wer die Augen nicht benutzt, um zu sehen, wird sie wohl benutzen müssen, um zu weinen.

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