Brexit – was nun?

29. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Trader, Investoren, Spekulanten – alle zusammen mussten am Freitag tief in ihren Medikamentenkasten schauen. Sie gingen am Donnerstag zu Bett. Und alle waren zuversichtlich, dass der Brexit scheitern würde. Aber whoa!

Volkswirtschaften atmen ein und aus; das schrieben wir hier schon oft im Tagebuch. Manchmal sind sie expansiv … offen … und optimistisch. Sie sind offen für neue Ideen, neue Märkte und neue Kunden. In anderen Zeiten kontrahieren sie, sind geschlossen und ängstlich. Sie bauen Hindernisse, und versuchen, sich vor der Außenwelt zu schützen.

Wir leben in einer Zeit der Kontraktion; zu dieser Schlussfolgerung sind wir schon länger gekommen. Letztlich geht es bei Brexit, Trump, negativen Renditen, schwachem Wachstum und der generellen Politik der Feds nur darum.

Vor dem Brexit-Referendum taxierten die Buchmacher die Quoten der Wahrscheinlichkeit eines Brexit bei nur 1 zu 4. Aber bei der eigentlichen Veranstaltung, beim Referendum gewann das „Leave-Lager“ 52% der Stimmen. Alles in allem ein solider Sieg.

Der britische Premierminister David Cameron, der gegen den Brexit warb, kündigte seinen Rücktritt an. Er werde aber bis spätestens Oktober noch im Amt bleiben.

Nigel Farage, der Chef der UKIP-Partei und Anführer der Brexit-Kampagne, erklärte den 23.6. zum Unabhängigkeitstag für Großbritannien.

Inzwischen brach das britische Pfund um etwa 10% auf ein 31-Jahres-Tief zusammen. Großbritanniens wichtigster Aktienindex, der FTSE 100, brach am Freitag in den ersten Handelsminuten etwa acht Prozent ein.

Der Euro erlitt seinen schärfsten Einbruch seit seiner Einführung im Jahr 1999. Der gesamte Rohwarensektor brach ebenfalls ein. Der Ölpreis ist wieder unter $ 48 pro Barrel gefallen.

Händler auf der ganzen Welt verabschiedeten sich aus risikoreichen Anlagen und steuerten die sicheren Häfen Gold und Staatsanleihen an. Die Renditen von US-Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen gaben weiter nach. Zeitweilig rentierte die zehnjährige deutsche Bundesanleihe mit minus 0,1 Prozent.

Grob mangelhaft

In Österreich wurde ein Anti-Einwanderungs-Kandidat a la Trump, Norbert Hofer, um ein Haar zum Präsidenten gewählt.

In Italien haben die etablierten Parteien die Bürgermeistenposten der beiden Großstädte Rom und Turin verloren. Gewinner waren Kandidatinnen aus der populistischen euroskeptischen Bewegung des „Comedian“ Beppe Grillo. Virginia Raggi, eine attraktive junge Frau, wurde als erste Frau überhaupt zur Bürgermeisterin von Rom gewählt.

In Frankreich hat die Chefin Front National, Marine Le Pen, ebenfalls angekündigt, ein Referendum über den Verbleib von Frankreich in der EU abhalten zu wollen.

Unterdessen werden in den USA beide Kandidaten von vielen Kommentatoren als grob mangelhaft umschrieben.

Aber das ist in etwa so, wie man eine Glasscherbe als mangelhaften Diamanten bezeichnet. Weder Hillary noch The Donald sollten irgendwo in der Nähe des Weißen Hauses sein.

In einer besseren Welt wäre es auch keiner von beiden.

Aber wir leben nicht in einer besseren Welt.

Volk versus Politiker

Am Freitag verlor der Dow 611 Punkte. Das entspricht einem Minus von gut 3,5 Prozent. Was ist los?

In Europa und den USA werden die Massen unruhig. Herr Guy Wróble aus Denver, Colorado, erklärte in einem kurzen Brief an die Financial Times, warum dies gerade jetzt der Fall ist:

„Die alte liberale Weltordnung stirbt, weil das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die durchschnittliche Person in der westlichen Welt nun negativ ist.“

Der Wohlfahrtsstaat hängt von drei Faktoren ab: Bevölkerungswachstum, Produktivitätswachstum und Kreditwachstum. Alle drei haben sich entweder verlangsamt … oder sind bereits negativ. Als Ergebnis können die Volkswirtschaften nicht mehr die Kosten aufbringen, die das Schattenkabinett „Deep State“ und seine Kumpanen ihnen auferlegt haben.

„Deep State“ ist eine Abkürzung für die vielen Menschen in und außerhalb der Regierung. Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto bezeichnete sie als „Füchse“, die die politischen Entscheidungen steuern und sie in ihre Richtung auf dem Spielfeld lenken. Steuern, Vorschriften und Kriege sind nicht zum Wohle der Wähler, sondern einfach nur im besonderen Interesse der ein oder anderen Gruppe.

Menschen gegen Politiker

Die „Füchse“ sind teuer. Nur ein Beispiel, ein durchschnittliches Haus kostet in den USA im Schnitt rund 180.000 $. In Washington, D. C., kostet es mehr als $ 500.000. An der Wall Street lag der durchschnittliche Bonus im vergangenen Jahr bei 172.000 $ – das ist sechs Mal höher als der mittlere Jahreslohn eines durchschnittlichen Arbeitnehmers in den USA.

Noch wichtiger ist allerdings, dass die Füchse ein betrügerisches und verderbliches Finanzsystem aufbauten, das dazu verdammt ist, in die Luft zu fliegen.

Die Füchse ersetzten mit Waren besichertes Geld mit Kreditgeld. Das verzerrte die gesamte Wirtschaft, führte zu geringeren Investitionen in der Realwirtschaft, beschnitt das Produktivitätswachstum und beendete das Einkommenswachstum für 90% der Menschen. Letztlich verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum für alle.

Nun wächst die Wirtschaft nicht genug, damit die Politiker ihre Versprechen einhalten können. Inflations- und kaufkraftbereinigt verdient der durchschnittlich arbeitende Mann in den USA heute nicht mehr als vor mehr als 40 Jahren.

Fast das gesamte Einkommenswachstum der letzten 10 Jahren haben sich die Reichen einverleibt. Der einzige Weg, wie der durchschnittliche Wähler vom Wohlfahrtsstaat hätte profitieren können, wäre der Aufstieg in die Einkommensgefilde der superreichen Menschen gewesen.

Und das wird und konnte schlicht nicht passieren. Und zwar aus einem sehr offensichtlichen Grund: Ein Aufstieg zu den Top 1 Prozent wäre ein Aufstieg genau zu den Füchsen, die das System steuern und kontrollieren. Werden die das zulassen? Offensichtlich nicht.

Quelle: Kapitalschutz Akte
Brexit – was nun? (von Bill Bonner)
Problem vertagt (von Bill Bonner)
Weitere Informationen: Investor Verlag

 

Ein Kommentar auf "Brexit – was nun?"

  1. Avantgarde sagt:

    Zwar waren auch die UKIP und Nigel Farage für -Leave-
    N.F war aber keineswegs der Anführer der Brexit-Kampagne!

    Die Vote Leave Campaign war die führende Gruppe.
    Wer im Board und im Committee sitzt ist hier nachzulesen:
    http://www.voteleavetakecontrol.org/campaign

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