Börsen handeln Träume

4. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

In Japan beehrt der Ministerpräsident drei Wochen nach der Katastrophe die Bebenregion mit seiner Anwesenheit. Natürlich weit genug von der verstrahlten Zone entfernt, was in diesem Fall mehr als 20 km bedeutet, obgleich man den zwischen 20 und 70 km vom Kraftwerk Fukushima entfernt lebenden Menschen weiterhin weismacht, dass sie nicht gefährdet seien…

Wie auch, denn der Körper des japanischen Bürgers reagiert gehorsam auf die offiziellen Messwerte von Tepco. Und die sind moderat, weil, wie zu erfahren war, fleißig gefälscht. Außer dem Körper des Ministerpräsidenten, der würde reagieren und muss somit geschützt werden. Aber der ist ja auch kein Bürger, sondern Ministerpräsident.

Heldenhaft ohnehin, vor Ort zu sein, zwar weit genug weg von den Todgeweihten bzw. bereits toten „Fukushima 50“, aber immerhin allein auf weiter Flur. Denn der Chef von Tokyo Electric Power (Tepco) musste absagen, dieweil er im Krankenheus ruht. Bluthochdruck und Schwindelgefühle. Der arme Mann … es muss schlimm für ihn sein, mit derart mörderischen Belastungen klarzukommen und deswegen für nichts, was jetzt geschieht, verantwortlich zu sein.

Am 15. März hatte ich eine Kolumne mit dem Titel „Dummheit kann Menschen töten“ geschrieben. Ich ergänze: Feigheit auch. Wer die Menschen da nicht rausholt, weil er den Schein der begrenzten Krise wahren und seine eigene Schuld und Verantwortung – zumindest vor sich selbst – mindern will, ist ein Verbrecher. Und wer immer noch ernstlich glaubt, in Kürze werden in dieser großen Region wieder die Schornsteine rauchen und der große Wiederaufbau der Welt zusätzliches Wachstum bringen, ist ein Schwachkopf.

Ich will jetzt gar nicht mehr auf Libyen, die vergessenen Unruhen in den anderen Staaten der Region, die Kapriolen der EU oder den politischen Zank in Deutschland eingehen, die allesamt für sich alleine Belastungsfaktoren für die Börsen sein müssten. Nein, dazu habe ich in den vergangenen Tagen wirklich genug von mir gegeben. (It`s a Twit`s world) So viel, dass diejenigen, die ihre heile Welt militant gegen alle Realität verteidigen wollen, schon ungehalten werden. Ich schreibe über etwas sonniges, schönes: die US-Arbeitmarktdaten.

Die US-Bürger kapieren es einfach nicht: Die Lage ist bestens!

Nach all den lausigen Daten zum Immobilienmarkt, zu den Auftragseingängen und zum Verbrauchervertrauen stellen wir fest: Die US-Bürger sind und bleiben unmündig. Sie haben einfach keine Ahnung und wollen nicht verstehen, dass die Lage besser ist denn je. Sie kaufen nicht genug ein, verweigern den Kauf neuer oder gebrauchter Häuser und haben kein Vertrauen in die Politik, die US-Wirtschaft und die Zukunft im allgemeinen. Es ist schon gut so, dass die Hochfinanz und die Industrie das Land regiert. Und die Politik natürlich, die hätte ich beinahe vergessen. Ja, die auch. Sehen Sie sich doch einfach mal zum Vergleich an, wie sich das Verbrauchervertrauen einerseits und das Stimmungsbild der Einkaufsmanager der großen Unternehmen in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Tja, wenn Sie dann den Dow Jones darüber halten, werden Sie feststellen: Die Einkaufsmanager wissen Bescheid. Das Volk nicht…. (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Börsen handeln Träume"

  1. Steffi sagt:

    Hallo Herr Gehrt!

    An dieser Stelle einmal ganz herzlichen Dank für Ihre nachdenklichen und nachdenklich-stimmen-sollenden Beiträge! Bei mir rennen Sie offene Türen ein und ich hoffe, bei noch einer ganzen Menge mehr Leute.

    Manchmal kommt mir die Börse vor wie die Extremsportler, die sich immer gefährlichere „Spielplätze“ erfinden – die Schwelle, wo’s für die spannend wird, wird immer höher gesetzt. Nachvollziehen kann man (ich) das nicht mehr.

    Wir können uns nur selber ganz fest die Daumen drücken, dass wir die nächsten Jahre einigermaßen unbeschadet von der Gier, der Ignoranz und dem Egoismus einiger Weniger überstehen. Seit Fukushima bin ich mir da aber nicht mehr so sicher…

    Einen schönen Gruß und bitte halten Sie es weiter für nötig, Ihre Gadanken einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen!

  2. physiker sagt:

    Die Börse handelt Träume…
    -wenn ich ergänzen darf-
    …und Alpträume.
    Man könnte geradezu meinen, dass sich der nächste Alptraum tatsächlich als eine nochmalige Steigerung zu dem von 2008/2009 erweisen müsste. So was wie die Meldung über einen Meteoriten auf Kollisionskurs zur Erde oder zumindest: Der Golfstrom ist zusammengebrochen.
    Wahrscheinlicher ist wohl eine drohende Staatspleite Japans. Eine solche wird zur Zeit ebenso leichtfertig als wenig relevant für das weltweite Wirtschaftswachstum angesehen, wie seiner Zeit die Probleme am amerikanischen Immobilienmarkt.
    Japans Anleihen werden ja hauptsächlich von Japanern selbst gehalten, das scheint ein Grund zu sein, dass diese nicht so ungezügelt auf den Markt geworfen werden und unter Druck geraten sollten.
    Ups, das ist ja in Grund fürs Gegenteil, die Bürgen Japans sind ja keine systemrelevante Banken. Trotzdem würde der Crash in Japans Anleihen wohl dann doch über die Finanzderivate und Carry trades in die Finanzwelt, hinaus getragen werden.

  3. Lieber Herr Gehrt,

    auch wenn andere Quellen immer noch gerne die Fed-Falken Lacker und Plosser (nur dieser ist stimmberechtigt) vom Wochenende als Zeugen für eine bevorstehende Zinswende zitieren mögen(vgl. etwa Wirtschaftsfacts.de von soeben)-
    für mich war William Dudleys Statement vom Freitag viel wichtiger, denn der Vice-Chairman hat ganz deutlich signalisiert, dass es keine Wende geben wird. Wie denn auch, wenn man bedenkt, dass die Fed noch vor nicht allzu langer Zeit bei ihrer vergangenen Sitzung einstimmig von außergewöhnlich niedrigen Zinsen „for an extended period“ sprach? Wegen einer Nonfarm Payrolls Zahl, deren „positive Überraschung bereits mit einem winzigen Fwederstrich wegrevidiert werden kann? So gesehen, kann ich Ihnen Hoffnung auf steigende Goldpreise machen. Übrigens: Wenn Sie sich EUR/JPY ansehen, dann kann man sich leicht vorstellen, wie gerade oder demächst die nächste Blase durch die Carry-Trade-Fantasien aufgepumpt wird.

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