Börse als Hühnerstall

29. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Erstaunlich, wie viel Aufmerksamkeit der Börse immer wieder geschenkt wird und wie groß das Gegacker darüber ist. Selbst Hähne sind sich dort sicher, Eier legen zu können. Börse ist für viele eine Art von Hobby, sich von Geld zu trennen. Wer Geld hat bringt es oft dorthin…

Sie nennen sich Investoren, obwohl sie Spekulanten sind. Wen wundert es, werden doch alle, auch die im Minutentakt Handelnden immer Investoren genannt.

Börse war früher etwas anderes. Man kaufte Aktien als Teile eines Unternehmens, weil diese eine gute Perspektive hatten, eine Marktmacht oder zumindest gute Produkte. Und man hielt diese Papiere auch aus Gründen der Ausschüttungen und ignorierte dabei eher die Kursschwankungen. Die Haltedauer betrug meist Jahre. Heute geht es weniger um Dividenden, eher um Kursgewinne oder die Möglichkeit, schnell mal reich zu werden. Kennen Sie jemanden, der das kurzfristig geworden ist? Es heißt, man kann immer partizipieren. Die einen positiv, die anderen negativ. Hauptsache man partizipiert.

Schade, dass die Computer inzwischen die Macht über das Denken übernommen haben. Sie hätten die Börsen schneller und effektiver gemacht, auch für den kleinen Mann. Unsinn. Es wurde gefährlicher. Das Parkett hatte früher etwas mit Zeit zu tun, mit Strategie, Nachdenken und Abwägen. Erstaunlich, dass die größten Umsätze mit miesen Papieren zustande kommen. Traum, Wunsch und Wirklichkeit vertragen sich wie in der Liebe selten. Von daher ist Börse manchmal sogar eine heitere Angelegenheit. Doch selbst das dümmste Huhn findet manchmal ein Korn. Kimme – Korn – Huhn… Passt!

©Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten

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13 Kommentare auf "Börse als Hühnerstall"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Das Wort „Spekulant“ hat zu Unrecht einen negativen Beigeschmack. Wenn ich z.B. an der Tankstelle vorbeifahre und auf den aktuellen Spritpreis schaue, neige ich wie Millionen andere auch zum Spekulantentum. Manchmal hoffe ich, dass der Preis morgen oder übermorgen niedriger ist und verzichte darauf, den halbvollen Tank zu füllen. Manchmal aber tanke ich voll, obwohl ich noch ein paar hundert Kilometer fahren könnte, weil ich denke, dass der Preis bald wieder anziehen wird. Jeder kann beobachten, dass es so die meisten machen: Wenn der Preis stark gefallen ist, bilden sich innerhalb von Minuten lange Warteschlangen an den Zapfsäulen.

    Beim Tanken sind wir also fast alle Spekulanten. Das gilt auch für das Befüllen des Heizöltanks im Keller. Was ist schlecht daran, wenn sich jemand, der sich eine Aktie kaufen will, um für sein Alter Rücklagen zu bilden, ähnlich verhält?

    Allerdings stimme ich zu, dass kurzfristiges Traden auch mit Hilfe von High-Speed-Computern ein reines Casinoverhalten ist. So etwas ist in meinen Augen zutiefst unseriös. Ich glaube aber, dass die Gefahren, die davon angeblich ausgehen, von politischer Seite maßlos übertrieben werden. Schließlich arbeiten die Akteure mit hohen Risiken und müssen, wenn sie nicht vom Markt verschwinden wollen, früher oder später vorsichtig werden. Gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer.

    Politiker malen die Dinge deshalb in grellen Farben, weil sie Stimmung machen wollen für eine neue Steuer zum Abzocken der Bürger, genannt „Finanztransaktionssteuer“. Hier geht es in Wahrheit nur um die grenzenlose Geldgier des Staates, nicht um das Wohl der Wirtschaft.

    • Avantgarde sagt:

      Wie kommen Sie auf das schmale Brett, daß mit einer Finanztransaktionssteuer der Bürger abgezockt wird ????

      Das träfe in erster Linie die Daddelmaschinen, die in Sekundenbruchteilen unglaubliche Volumina kaufen und verkaufen.
      Eben die Leute, die ein System installiert haben welches inzwischen die Möglichkeit bietet den Dow in 5 Minuten 1000 Punkte runterfallen zu lassen – wie vor ein paar Monaten gesehen….

      Zuerst mal träfe das die Finanzindustrie – und genau das ist auch der Grund warum das Gejammere darüber so groß ist.
      Und einige wie Sie fallen scheinbar auch noch darauf herein…

      • 6zylinder sagt:

        Also, die Börse lebt von Umsätzen. Und ohne die Umsätze der kurzfristigen Spekulanten könnten auch die sog. Anleger, welche vielleicht ganz planmässig nach 10 Jahren Haltedauer just am Tag X im Monat Y ihr Geld wieder brauchen keinen vernünftigen Kurs erzielen, wenn nicht ganz zufällig ein anderer „langfristiger“ Anleger im selben Moment ein entsprechendes Investment tätigen will. Die kurzfristigen Spekulanten sorgen für die nötige Liquidität und davon lebt die Börse. Ansonsten könnte man Aktienpakete auch in der Zeitung inserieren (wie Autos oder Immobilien) und darauf hoffen und warten bis jemand vorbei kommt, um den entsprechenden Preis zu zahlen. Die Unterscheidung in gute (langfristig) und schlechte (kurzfristige) Anleger/Spekulaten halte ich daher für nicht zielführend, die Börse braucht beide. Und dass die Anlagen heute halt manchmal im Millisekundentakt stattfinden, ist der technischen Entwicklung geschuldet. Vor 200 Jahren brauchte die Postkutsche halt 4 Wochen durchs Land, vor 100 Jahren brachte der Telegraf schon eine Beschleunigung und heute haben wir halt dank dem Computer auch HFT. Wichtig ist die Liquidität, für die die kurzfristigen Spekulanten sorgen, damit auch die Langfristanleger in ihrem Moment des Kaufs/Verkaufs jederzeit einen vernünftigen Kurs erzielen können. Wenn jemand Geld anlegen will und von einem Unternehmen überzeugt ist, kann er ja solche 1000 Dow Punkt Pannen des HFT als günstigen Einstieg wählen. Und was den Punkt der Steuern betrifft finde ich persönlich, dass der Staat sowieso schon mehr als das vernünftige Mass umverteilt und lehne daher neue Steuern ab.

        So long, RNU

      • Reiner Vogels sagt:

        Rapide Kursverfälle in kurzer Zeit hat es schon gegeben, als es noch gar keine Computer gab. Die „Daddelmaschinen“ hat es dafür nicht gebraucht.

        Dass die Finanztransaktionssteuer eine reine Abzockmaßname ist, ist m.E. offenkundig. Fällt dem Staate etwas ein, muss es eine Steuer sein.

        Umsatzsteuern treffen immer den Endverbraucher. Denn sie werden immer auf die Preise umgelegt. Wer glaubt, dass die Finanztransaktionssteuer vor allem die großen Finanzspekulanten treffe werde, glaubt vermutlich auch, dass die Mineralölsteuer vom Tankwart bezahlt wird.

  2. Avantgarde sagt:

    „Heute geht es weniger um Dividenden, eher um Kursgewinne oder die Möglichkeit, schnell mal reich zu werden. Kennen Sie jemanden, der das kurzfristig geworden ist?“

    Ja – einen Hassardeur mit viel, viel Glück – nein ich bin es leider nicht.
    🙁

    • Frank Meyer sagt:

      Ich staune immer wieder über die Klugheit des „alten Geldes“ Die haben sowas nie gemacht. Ich kenne etliche Leute, die dem „alten Geld“ zugerechnet werden können. Und die waren bislang meist erfolgreich – in großen Bildern, nicht im Stundenchart.

      • Avantgarde sagt:

        Ja – die waren und sind langfristig auch erfolgreich.
        Die spielen aber auch sehr sparsam im globalen Nullsummenspiel.

        Aber es gibt genügend, die im Stundenchart handeln.
        Und auch noch als die Banken kurz vor dem Kollaps standen Zertis mit Hebeln gekauft haben – und auch noch Glück dabei…

        Aber vielleicht ist es manchmal sogar besser wenn man nicht so viel weiß.

        • Frank Meyer sagt:

          Guter Einwurf mit dem Glück! Das ist nicht jedem per Abruf hold 🙂

          • Avantgarde sagt:

            Ja – und da das wie gesagt ein Nullsummenspiel ist muß es auf der anderen Seite einen Verlierer geben.
            Die Banken sind es schon mal nicht – was die Zerits anbetrifft.

            Die Menschen werden einfach zum Tier wenn sie sehen, daß ihr Scheinchen einen Hebel von 80 oder mehr hat.
            Das gehört wirklich verboten.

            Ich wäre ja dafür, daß man die guten alten Warentermingeschäfte wieder einführt.
            Dann darf weiterhin jeder so viel Weizen, Zitronen, Silber, Kupfer…. kaufen wie er will.
            Aber irgendwann steht dann halt der LKW vor der Türe….wehe dann ist kein Abnehmer da – oder aber man kann das virtuell verkaufte nicht liefern.
            Wetten, daß das dann ganz schnell aufhören würde?! 🙂

          • Frank Meyer sagt:

            …aber ganz schnell!

      • mfabian sagt:

        Ich glaube wir haben gute Chancen bald selbst den Grundstein für „altes Geld“ zu legen. Dann nämlich, wenn eine Währungsreform die aktuelle Schuldenmisere bereinigt hat und wir unser Gold und Silber zu Höchstpreisen gegen billigste Aktien zukunftsorientierter Firmen eintauschen!

  3. martinsgarten sagt:

    Diese Beitrag ist einfach Klasse.
    Daumen hoch !

    Was sagt den der Rüdiger Helmold Freiherr von Rosen dazu,
    dieser „anerkannte Ritter“ vom Deutschen Aktieninstitut ?

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