Börsenjammer

26. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer (Homepage)

Mit affenartiger Geschwindigkeit wechselt die Bande die Richtung. Rauf auf die Bäume, runter von den Bäumen, rauf auf den Felsen, runter vom Felsen, eine Runde am Zaun entlang, dann wieder Ruhe – mit gegenseitigem Lausen. Was sie so aufgeregt hat – und warum sie so schnell wieder von Hundert auf Null heruntergekommen sind, bleibt dem Laien unverständlich und der Fachmann verbirgt die eigene Verwunderung geschickt hinter seinem Fachvokabular. Sind eben wieder mal „volatil“ unsere Affen…

Die Aufregung vom Montag mit den starken Kursrückgängen in Fernost und deren Kollateralschäden im DAX und an den US-Börsen bringt zugleich die Rohstoffpreise unter Druck, schwächt den US-Dollar und lässt den Euro, den Draghi unten halten wollte, wieder in die Höhe schießen.

Die Frage, wie es weitergehen wird, kann niemand beantworten. Selbst die Obergurus stehen dem Phänomen hilflos gegenüber, und wie hilflos sie sind, zeigt sich alleine daran, dass alle von den Ereignissen überrascht wurden, statt sie, mit Hilfe ihrer ach so präzisen Instrumente punktgenau vorhergesagt zu haben.

Die nicht repräsentative Umfrage nach den Erwartungen der Besucher eines Finanzportals ergab jeweils ein Drittel der Stimmen für einen weiteren Absturz, eine kleine Delle oder das Verharren auf dem jetzt erreichten Niveau.

Ein Bergsteiger, der abgerutscht ist und nun im Seil hängt, kann seine Lage weitaus besser beurteilen. Er stellt fest, wie gut oder schlecht er den Absturz selbst überstanden hat, kann beurteilen, wie lange es dauern wird, bis er von Rettern erreicht und geborgen werden kann, bzw. welche Chancen er hat, sich selbst aus seiner misslichen Lage zu befreien. Würde dazu eine Umfrage bei einem Bergsteiger-Portal gestartet, es gäbe immer eine Auswahlantwort, die von rund 90 Prozent aller Befragten favorisiert würde, weil sie in der Lage sind, die Situation realistisch einzuschätzen, weil da „harte Fakten“ vorliegen, die unter Fachleuten stets einheitlich (und korrekt) bewertet und interpretiert würden.

Die Börse kommt seit langer Zeit ohne harte Fakten aus – und weil das so ist, muss sie auch ohne wirkliche Fachleute auskommen, stattdessen haben sich allerlei Propheten und Hellseher dort angesiedelt, von denen jeder von sich behauptet, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Wahrheiten, die aus Charts nicht anders herausgelesen werden, wie aus Kaffeesatz, die sich auf Gerüchte beziehen, die keinen besseren Informationsgehalt haben, als flüchtige Trugbilder in großen Glaskugeln.

Die Substitution von Experten durch „Verkünder“ ist nicht erstaunlich. Wo es an Wissen, an „Expertise“ fehlt, finden sich immer findige Köpfe, die eine Nische ausfüllen. Erstaunlich ist, dass es an harten Fakten fehlt.

Es ist übers Wochenende doch nicht passiert. Es wurden nicht massenweise chinesische Fabriken geschlossen, kein Asteroid ist im Mittleren Westen der USA niedergegangen und hat zigtausende von Quadratmeilen verwüstet, die Russen sind trotz vielfacher Ankündigung des Russenhassers Poroschenko wieder nicht in Kiew einmarschiert und Angela Merkel ist weiterhin im Amt. Selbst dass die Hopfenernte in der Hallertau heuer wegen der langen Hitzeperiode magerer ausfallen wird als in früheren Jahren wird den Bierpreis nicht in die Höhe treiben, denn die Brauereien halten ausreichend große Lagerbestände vor, um die Versorgungslücke überbrücken zu können.

Nichts. Nichts ist geschehen, was die Aufregung auch nur andeutungsweise rechtfertigen könnte.

Zwar haben die üblichen Verdächtigen den Chemie-Unfall in China schon als Vergeltungsakt der USA für die Abwertung des Yüan um knapp 2% interpretiert und dazu gleich den ersten Einsatz hochgeheimer Weltraumwaffen postuliert, mit einer Retourkutsche Chinas, das angeblich, zur Vergeltung der Vergeltung ein Munitionsdepot der USA in Japan in die Luft gejagt haben soll. Doch das mag glauben, wer will – mir erscheinen diese Erzählungen mehr als unglaubwürdig.

Viel realistischer erscheint mir dagegen die Annahme, dass den Finanzakrobaten einige größere Wetten zu früh geplatzt sind. Sie wissen ja: An einer Börse wetten die einen vormittags darauf, dass am Nachmittag einer kommen wird, der bereit ist, noch mehr für ein Stück Papier zu bezahlen als man selbst ausgegeben hat, während die anderen am Nachmittag darauf wetten, das gleiche Papier am nächsten Morgen billiger zurückkaufen zu können, als sie es am Nachmittag verkauft haben.

Mehr ist nicht dahinter.

Und sobald einer anfängt, das am Vormittag billig zu verkaufen, was er am Vortag nicht teuer verkaufen konnte, springt die ganze Affenbande auf, rast rauf auf die Bäume und wieder runter, quer über den Felsen und ein Stück am Zaun entlang, bis ihnen die Lust am Verkaufen vergeht und die Aufkäufer vergeblich auf das noch billigere Angebot warten. Dann laust man sich wieder für unbestimmte Zeit gegenseitig.

Mehr ist nicht dahinter.

Man könnte das Spiel auch mit Kieselsteinen oder Muschelschalen spielen, mit Streichhölzchen oder mit Nasenpopeln. Es kommt nur darauf an, dass die Mitspieler genug davon haben.

Weil man es aber mit dem Zahlungsmittel der Realwirtschaft spielt, verursachen diese wilden und affenartigen Zockereien am Ende doch immer wieder erhebliche Schäden, werden – aus dem Kasino heraus – in der Wirklichkeit Fakten geschaffen, die stets das Gleiche bewirken: Die Realwirtschaft muss dafür sorgen, jenen Spielern, die sich verzockt haben, die Verluste zu ersetzen, während die Gewinner ihre Beute getrost nachhause tragen dürfen.

Dies führt allerdings dazu, dass auch das „reale Geld“ immer mehr zur Fata Morgana wird. Was ist das noch, der Geldwert, wenn der Euro einmal 1 Dollar 30 wert ist, und ein paar Monate später nur noch 1 Dollar und 11 Cent? Wenn hundert Liter Heizöl in einem Jahr fast 100 Euro kosten, im nächsten nur noch die Hälfte und niemand zu sagen weiß, was es im nächsten Jahr kosten wird?

Die Zocker spielen mit dem Geldwert wie kleine Kinder im Sandkasten mit ihren Förmchen, nur dass sie statt Sand mit unserem Wohlstand, mit den Früchten unserer Arbeit spielen, und sich einen Dreck drum scheren, woher ihr Spielmaterial kommt. Die Welt wäre um vieles friedlicher und die Menschen um vieles wohlhabender, gelänge es, die Börsen zu schließen und den Spekulanten das Handwerk zu legen. Leider fehlt ausgerechnet diese Forderung in allen mir bekannten Parteiprogrammen. Warum wohl?

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3 Kommentare auf "Börsenjammer"

  1. toter_esel sagt:

    Hallo Herr Kreutzer,

    ich habe selten einen so pointierten und treffsicheren Artikel gelesen!

    Mich wundert nicht mehr, dass die Medien das DAX-Barometer zum Wohl und Wehe unseres Wohlstandes erklären. Natürlich ist es das genaue Gegenteil. Das haben Arbeitnehmer erfahren müssen, deren Jobs weg waren, während der Aktienkurs ihres Ex-Arbeitgebers nach oben ging.

    Und Ihr Hinweis, dass Börsianer damit zocken, wofür andere arbeiten gehen müssen, was sie als Ersparnisse, als Währung (kommt von bewahren), als Geld betrachten, mit dem man ja nicht spielen sollte, ist auch genial einfach oder einfach genial… zumindest regt es zum nachzudenken an. Vielleicht ist man im anglo-amerikanischen Raum ehrlicher, indem man statt von einer Währung von currency (Umlauf) redet.

    Möglicherweise ist wirklich alles so einfach: die Derivatespieler wissen, dass sie unsere Zukunft verzocken, aber ihre Arbeitgeber sind nun mal die Gläubiger der Schulden des Staates, der in deren Augen zuviel für Soziales ausgibt. Sobald diese unheilvolle Allianz aus Bankern und Politikern zerbricht, wird jeder sich selbst der Nächste sein. Bis dahin dürfen die Aktienmärkte auf keinen Fall einbrechen, weil dann ein Teil des mehr oder weniger frischen billigen Billionen Batzens in den Geldkreislauf käme, was zur Hyperinflation führen würde.

    Mich wundert übrigens auch nicht mehr, dass man den Wert der altbewährten Wertespeicher Gold und Silber um jeden Preis diskreditieren muss. Ich frage mich nur: für wen produziert die US-Mint nach einer kurzen Pause (due to demand) im August schon wieder 4,2Mio. SilverEagles?

  2. Michael sagt:

    Das Wachstum in China war in der Vergangenheit auch durchwachsen. Sollten die 7,x% Wachstum nominal sein, dann wäre dies tatsächlich eine tendentielle Abschwächung über die Dekaden. Aber selbst dann wäre die momentane Lage als eine Reaktion auf das Wachstumsprogramm nicht ausgeschlossen.

    Die Frage die sich zu China stellt, wie soll man die ganze Zahl an Menschen mit Produkten aus dem heutigen Mix versorgen. Das geht nicht. Damit rückt der wahrscheinliche Ausfall eines Rohstoffs der nicht mehr substituiert werden kann näher an uns heran. Unter der Annahme, dass diese Aussage stimmt müsste man mal KGVs hinterfragen. Der Stand im Moment ist, dass auf Sicht 20 bis 30 Jahre einer ausfällt (auf immer und ewig). 10 Jahre braucht ein Konzern im Minimum sich neu zu erfinden. 25 minus 10. Max. ein KGV von 15 beim Gros der Industriewerte. In China leben ein paar hundert Mio Menschen so wie der Westen … aber bei weitem nicht alle. 300 Mio ein paar mehr wenn überhaupt.

    Technisch im DAX ist die Sache im Kursindex einfach nachzusehen. Ich vermute ohne jetzt die Hintergründe zu kennen, da geht es kaum anderen viel besser außer den Tradern die schon lange im Markt sind. Bei 9,3K im DAX ist in der Formation im Kursindex so, dass wenn nochmal ein Rücksetzer gekommen wäre eine Bodenbildung schwer wäre gewesen. Ob es sich jetzt um eine gezielte Aktion der Schnelleingreiftruppen handelte (Kanzlerinnen Retracement) oder die Marktteilnehmer selbst zur Einsicht kamen.

    Am Bollinger Band 1 Monat hat man den Wiedereintritt schön gesehen.

    Ich glaube nicht. Seit geraumer Zeit verfolge ich selbst bei Michael Pollaro den TMS (True Money Supply. Es scheinen sich eher die Nachrichten des gestrigen Abends in Euronews zu bestätigen, dass es sich um eine Verknappung der Nachfrage und der Liquidität handelt.

    Aus der Sicht von Kostolany sind wir im Modell auf jeden Fall eher oben. Wenn mal so Buy on Bad News und Buy on Any News kommt, dann ist der Markt hoch im Moment. Das sagt aber nichts ob nicht eine übergeordneter ‚Trend‘ oder Zyklus noch intakt ist.

    Wie Laufen die Kurse. Der Median wird gesteuert. Deswegen geben aus meiner Sicht die Bollinger Bänder einen guten Hinweis und Überblick über den Rahmen, mal losgelöst vom Glauben ob ein Aus- oder Eintritt aus oder in die Bänder Kaufsignale kann generieren oder dieser auf diesem Weg dargestellt wird.

    Vorgestern was es am Dekagramm so. Das untere Band war noch steil nach unten gerichtet und dann reicht bildlich gesprochen ein gewaltiger Rempler von der Seite. Das Kaufsignal wird generiert und die Fahrt Richtung Median beginnt. Die Frage bleibt, ob das Verhalten das zu dieser Preisbildung beiträgt antrainiert ist (Konditionierung). Ich vermute diese Beeinflussung des Median ist die Aufgabe der Scheintrades des automatisierten Handels. Vermutlich wird aus dem Markt ein Preis gezogen. Wenn man den Keller voller Äpfel hat trägt man ein Kiste zum Marktplatz und schaut was man dafür bekommt und nimmt die Äpfel wieder mit. Die Frage ist ob dabei mehr passiert.

    Die Frage ist wann am langen Ende der Markt sich durchsetzt. Die Realwirtschaft interessiert keinen Tag ob in China ein Rad umfällt. Ist der Schuldige gefunden hat der Tag wieder Struktur – hält die Märchenwelt beisammen und die Räuber sind gefangen.

  3. Avantgarde sagt:

    Die Frage ist wann am langen Ende der Markt sich durchsetzt. Die Realwirtschaft interessiert keinen Tag ob in China ein Rad umfällt.
    —-
    Nein – es ist wie schon seit einiger Zeit bekannt eine Art Schönheitswettbewerb.
    KGVs, Buchwerte und all so ein Gerumpel sind eingentlich nicht so schrecklich wichtig. Wirklich wichtig ist lediglich was eín fremder Dritter dafür bezahlen wird.
    Deshalb kann eine Börse auch länger (nach eigenem Befinden) irrational sein, als man selbst liquide ist.

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