Gequirtes Börsendeutsch

11. August 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer 

Haben Sie eine Idee für das Unwort des Jahres? Ich plädiere ja für das allseits beliebte „überraschend“. Es wirkt auf mich wie quietschendes Styropor oder Zahnarztgeräusche. Besonders an der Börse und an Experten scheint dieses „überraschend“ zu kleben wie Kaugummis an Schuhen…

Was habe ich gelitten! Aufgrund der vielen Quartalsberichte stieg in dieser Woche der Verschmutzungsgrad in der Berichterstattung auf ein unerträgliches Maß. Überraschend besser… überraschend schlechter… Jeder war ständig überrascht. Für Börsensprech der Neuzeit genügen heute schon einhundert bunt gemixte Worte, ebenso viele Abkürzungen und ein paar Floskeln. Alles andere wurde inzwischen durch „überraschend“ ersetzt.

Was sind die Spätfolgen von so vielen Überraschungen? Ich weiß es nicht, vermute aber, dieser leicht dahin gesagte Sprechdurchfall ist schlimmer als eine ausgewachsene Sommergrippe. Ob nun Unternehmenszahlen, Wirtschaftsdaten oder Kursbewegungen – kein Satz aus der Welt der Finanzmärkte scheint heute ohne dieses Füllwort auszukommen. Es gilt als fast schon dekadent, eine vermutete Überraschung zu unterschlagen. Alles andere wäre wirklich überraschend.

Inzwischen gibt es sogar bösartige grammatikalische Steigerungen so wie man Verben „beugt“ – wie „positiv überrascht“ oder als Königsdisziplin ein zackiges „angenehm positiv überrascht“ zu verwenden. Auch das Wort „positiv“ hat richtig gute Chancen auf das Unwort des Jahres. Selbst im Alltag wird dieses Wort häufiger benutzt als der gesunde Menschenverstand oder Zeitungen.

Das „positiv“ konnte und alle anderen ähnlich gelagerten Umschreibungen für etwas Schönes aus dem Sprachgebrauch im Land der Dichter und Denker verdrängen. An der Realität arbeitet es ohnehin mit Akribie, und das auch noch erfolgreich. Das bedeutet, dass Überraschungen so oft überraschen – bis die Überraschungen von sich selbst überrascht sind. Überraschenderweise. Faszinierend!

© Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten


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2 Kommentare auf "Gequirtes Börsendeutsch"

  1. crunchy sagt:

    Köstlich! Wie wär´s mit Quatschberichte? Das würde Keinem auffallen, wenn man ein positiv davor schriebe und gleichzeitig eine Riesenportion Calls kaufte.
    Wetten, dass einem ein paar Minuten später die Calls aus der Hand gerissen werden?

  2. Lickneeson sagt:

    Ich plädiere für „Commerzbank“.

    Einen besseren Euphemismus kann man heute nur schwer finden.

    Kommerz:“Heute wird der Ausdruck meist abwertend im Sinne eines allein auf Gewinnerzielung gerichteten Interesses verwendet“(Wikipedia)..ho-ho-ho.

    Oder „Solarworld in Aspik, ähh Asbeck“

    MfG

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