Börse ist eine Illusion…

2. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Die Kapitalmärkte sind zu einem Spielcasino für Zocker und Spekulanten verkommen. Zerplatzen dürfte die allgemeine Sorglosigkeit, wenn der weltweite Derivate-Heißluftballon angestochen wird…

Manchmal ist es gar nicht so einfach, ein Thema für einen Wochenkommentar zu finden. Brexit? Wen interessiert das noch? Umsturz, drohende Diktatur und Hyperinflation in Venezuela? Weit weg, betrifft uns nicht, erklärt sogleich der Michel. Eine wildgewordene Flüchtlingshorde, die in der Niedersächsischen Kleinstadt Peine unter wildem „Allahu Akbar“-Gebrüll durch die Straßen tobt? Derlei Wahnsinn ist in diesem Land längst Alltag geworden.

Wie gut, dass es da aufmerksame Leser gibt, die einem in dieser Situation ein Kommentarthema sozusagen auf dem Silbertablett präsentieren: Am Freitag war auf dieser Seite ein Artikel erschienen, der sich mit dem Thema Derivate befasste.

Die beliebten Optionsscheine wurden dabei als sinnvolle Alternative zu den im Artikel vorgestellten Optionen empfohlen. Folgerichtig heißt es in dem Beitrag: „Für Privatanleger sind Optionsscheine eine gute Alternative zu den börsengehandelten Optionen“. Beide Derivateklassen würden nahezu identisch funktionieren. In meinem Guidants-Stream hatte der Leser „Black-Scholes“ das Thema aufgegriffen. Mittlerweile wird darüber eifrig diskutiert.

Dazu ein paar Anmerkungen:

Nach meiner persönlichen Einschätzung (!) sind die beiden Anlageklassen überhaupt nicht miteinander zu vergleichen. Insbesondere was das nicht ganz unbedeutende Emittentenrisiko angeht, gibt es beträchtliche Unterschiede.

Der folgende Beitrag ist geeignet, diese Aussage zu unterstreichen. Sinngemäß heißt es dort:

Angebot und Nachfrage bestimmen den fairen Preis von Optionen. Bei Optionsscheinen übernimmt diese Funktion dagegen der Emittent. Die Praxis zeige jedoch, dass die Emittenten die Kurse von Optionsscheinen zum Nachteil der Anleger manipulieren, was zur Folge habe, dass Börsianer bei diesen Produkten im wahrsten Sinne des Wortes „gegen die Bank“ handelten. Optionen hätten dagegen keine Emittenten, somit könne niemand die Kurse manipulieren. Das Risiko des Totalausfalls der investierten Gelder durch die Insolvenz des Herausgebers der Wertpapiere existiere nicht. Und weiter:

„Ganz im Gegenteil dazu die Optionsscheine: Wird der Emittent zahlungsunfähig, sind die in Optionsscheine investierten Gelder weg, der Käufer erleidet einen Totalverlust“. (…)

„Optionen haben dagegen eine klar geregelte und standardisierte Ausstattung. Diese ist in wenigen Zeilen zusammengefasst. Kennen Sie die Ausstattung einer Option, kennen Sie alle.

Bei Optionsscheinen müssen Sie erst bis zu 150-DIN-A4-Seiten (!) lesen, um wirklich zu wissen, auf was Sie sich einlassen. Und diese 150 Seiten müssen Sie bei jeder neuen Investition neu studieren. Denn keine Ausstattung eines dieser Emittenten-Derivate gleicht der anderen.

Die dort festgehaltenen Bestimmungen der Emittenten schützen diese und sind eher zum Nachteil für die Investoren. Ein Beispiel: Die Ausgeber der Optionsscheine übernehmen keine Verantwortung für faire Kurse und eine regelmäßige Kursstellung auch in unruhigen Börsenzeiten. Zumeist wird dies mit „technischen“ Rahmenbedingungen begründet.

Warum in besonders volatilen Marktsituationen (z.B. bei überraschenden Zinsentscheidungen von Notenbanken) anschließend alle Emittenten mehr oder weniger große „technische Probleme“ haben, ist nur eingeschränkt erklärbar.

Beim Optionen-Handel ist es eine Selbstverständlichkeit, direkt im Mutterland der Börse, den USA, zu handeln. Das ist ganz einfach und zu günstigen Konditionen möglich. (…)

Hinzu kommt: Im Mutterland der Börsen, in den USA, sind Optionsscheine wegen ihrer Manipulationsanfälligkeit verboten. Optionen sind in den USA das Standard-Hebelprodukt. Dieses Verbot in den USA spricht Bände.

Fazit:

Optionen haben gegenüber Optionsscheinen so klare Vorteile, dass es ein Wunder ist, dass Optionsscheine überhaupt auf dem Markt sind“.

Natürlich kann man einwenden, dass es sich bei der möglichen Pleite eines Emittenten (bislang) um eine weitgehend theoretische Gefahr handelt. Allerdings hat der Fall Lehman Brothers gezeigt, dass diese Theorie sehr schnell in der Praxis ankommen kann. In Zeiten einer weltweit schwelenden Bankenkrise kann nur die Zukunft die Frage beantworten, welche Emittenten das Lehman-Schicksal teilen werden. Hilfreich ist an dieser Stelle vielleicht der Hinweis, die Entwicklung der Credit Default Swaps diverser Banken aufmerksam zu verfolgen. Sollte eine Bank in Schieflage kommen, werden die Notierungen dieser Ausfallversicherungen stark ansteigen.

Was den Handel mit Optionsscheinen angeht, kommt erschwerend hinzu, dass gerade bei Marktturbulenzen für zahllose dieser Papiere “ ganz plötzlich“ keine Kurse mehr gestellt werden. Erfahrene Börsianer kennen das.

Aus diesen Gründen raten wir Lesern des Antizyklischen Börsenbriefs schon seit Jahren, von Optionsscheinen die Finger zu lassen. An dieser Empfehlung wird sich auch künftig nichts ändern, auch wenn das dem einen oder anderen Emittenten nicht gefallen mag.

In den Optionshandel einsteigen?

Da drängt sich die Frage auf, ob man stattdessen nicht gleich mit Optionen handeln sollte. Wer das vorhat, der sollte sich zunächst erkundigen, ob er überhaupt ein Eurex-Konto eröffnen kann. Denn dort werden hier zu Lande Optionen gehandelt und nicht jeder Kleinanleger wird an dieser Börse für professionelle Investoren den Inhalt seines Sparstrumpfs abliefern können.

Den direkten Vergleich der beiden gerade besprochenen Derivatetypen findet man ebenfalls auf der Eurex-Seite.

Wer das Thema vertiefen möchte, der findet hier weitere wichtige Aspekte.

Auch mit dem Thema „Nachschusspflicht“ sollte man sich wenigstens in der Theorie vertraut machen. Kurz gesagt: Entwickelt sich ein Basiswert (Aktie, Index, Wahrung oder Rohstoff) anders als gedacht, ist der so genannte Stillhalter — das sind die institutionellen Verkäufer von Optionen – schnell mit der Situation konfrontiert, dass zusätzliches Kapital „nachgeschossen“ werden muss, um eine Zwangsliquidation der Position zu vermeiden.

Im folgenden Beitrag wird das erklärt:

„Wie eben gelernt, ist das Risiko auf der Long-Seite stets auf die Höhe des Kaufpreises der Optionen beschränkt. Die Short-Seite, welche die Verkäufer einnehmen, kann im schlimmsten Fall durch eine nicht abgesicherte Position in den Ruin getrieben werden“. (…)

„Hat der Stillhalter nicht genug Geld als Sicherheit hinterlegt oder der Kurs sinkt stärker als erwartet, erhält der Stillhalter einen Anruf von seinem Broker (Margin-Call). Dieser fordert ihn dann auf, schnellstmöglich seine Nachschusspflicht zu erfüllen und zusätzliches Geld bereitzustellen um alle möglichen Verluste abdecken zu können“.

Grundsätzlich scheint ein Aspekt wesentlich:

Optionen wurden ursprünglich erdacht, damit sich etwa die Einkäufer und Produzenten von Rohstoffen gegen fallende und/oder steigende Preise absichern konnten. Wikipedia schreibt dazu:

„In den USA wurde am 3. April 1848 die Chicago Board of Trade (CBOT) gegründet. Ursprünglich als Handelskammer gegründet, wurde 1851 der erste time contract (Zeitvertrag) auf die zukünftige Lieferung einer bestimmten Menge Mais zu einem festgelegten Preis gehandelt. Ein Jahr später wurden ähnliche Verträge für Weizen gehandelt. Diese Zeitverträge ähnelten bereits den modernen Futures, waren aber aufgrund ihrer individuellen Ausfertigung und Bedingungen eher vergleichbar mit Forwards. Der in den folgenden Jahren wachsende Handel mit time contracts führte zur Beteiligung von Personen am Handel, die keine Verbindung zur Getreideproduktion oder -handel hatten und rein spekulative Interessen verfolgten“.

Leider wurde so aus einer guten Idee im Laufe der Jahrhunderte ein geradezu pervertierter Brandbeschleuniger: Die billionenschweren Spekulationsgeschäfte, die heute mit Derivaten ganz unterschiedlicher Couleur gemacht werden, haben eine Größenordnung erreicht, die den Wert der weltweit produzierten Waren und Dienstleistungen um das Zehnfache übersteigt. Um das Zehnfache!

Der Grundgedanke der Börse war einmal, dass sich Unternehmen dort Risikokapital beschaffen konnten, um damit Ideen zu realisieren und somit echte Werte und Arbeitsplätze zu schaffen. Eine gute Sache, gar keine Frage. Auch die beschriebenen Absicherungsgeschäfte über Optionen für Rohstoffhändler und -Produzenten sind aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll.

Was wir heute jedoch an den weltweiten Kapitalmärkten erleben, das hat mit diesen Gründerideen der Börse nichts mehr zu tun. Die so genannten „Märkte“ sind zu einem reinen Spielcasino verkommen, einer aus nichts als heißer Luft geschaffenen Illusion, bei der rund 90 Prozent des Handelsvolumens dazu dient, mit Hilfe von Derivaten, also Finanzwetten, schnelle „Kursgewinne“ zu erzielen.

Die entscheidende, und für Anleger wie Emittenten womöglich unangenehme Frage lautet:

Welchen volkswirtschaftlichen Sinn machen solche Geschäfte eigentlich? Mir persönlich fällt da keiner ein. Mit einer Ausnahme: Wird ein Teil der Kursgewinne für sinnvolle Verwendungen gespendet, wie das mein Kollege André Rain regelmäßig vorexerziert, kann man eine solche Sinnhaftigkeit erkennen. Aber sonst? Sie können das im Kommentarbereich gerne diskutieren.

Meiner persönlichen Einschätzung nach hat die Börse langfristig nur dann eine Überlebenschance, wenn der ursprüngliche und „althergebrachte“ Charme der betagten Lady wiederentdeckt und gepflegt wird:

Börse als Kapitalsammelstelle für Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und Ideen voranbringen, macht Sinn. Börse als Spielcasino für Zocker und Spekulanten macht nur dann so etwas wie „Sinn“, nämlich im Sinne von Unterhaltungswert, wenn in der Tat mit Spielgeld gespielt wird – und somit kein Schaden für die Allgemeinheit entstehen kann. Alles andere ist volkswirtschaftlicher Unfug.

Wie üblich sind wir mit solchen Gedanken dem Mainstream um einige Jahre voraus. Unsere Meinung wird sich übrigens auch dann nicht ändern, wenn im Kommentarbereich jetzt wüst drauflosgeschimpft wird. Das können Sie sich deshalb sparen.

Ändern wird sich die allgemeine Sorglosigkeit vermutlich erst dann, wenn der weltweite Derivate-Heißluftballon angestochen wird, etwa weil die Sollbruchstellen dieses Systems nicht mehr länger mit Unmengen an neu geschaffenem Luftgeld übertüncht werden können. Der gesamte Derivatesektor inklusive der darin verstrickten Emittenten wird das dann ganz besonders zu spüren bekommen.

Diese Institutionen wären daher schon heute gut beraten, ihren Kunden anstatt der allfälligen „Massenvernichtungswaffen“ (Warren Buffett) den Handel mit Aktien zu fairen Konditionen zu ermöglichen. Denn was dort teilweise geschieht, das spottet jeder Beschreibung.

Der Eindruck ist:

Anleger sollen aus der Aktie möglichst effektiv vertrieben werden und stattdessen mit den (aus Bankensicht) profitablen Finanzderivaten handeln. Der Verdacht liegt nahe, denn wenn ganze Heerscharen von Investoren bei einer Fehleinschätzung mit ihren Derivaten einen Totalverlust erleiden, dann ist das ein Bombengeschäft für die Banken, das es bei Aktien so nicht gibt.

Wohl dem, der diese in der Finanzgeschichte beispiellosen Börsenillusionen frühzeitig als solche erkennt und entsprechende Schlüsse daraus zieht…

© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

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Ein Kommentar auf "Börse ist eine Illusion…"

  1. Paul Mueller sagt:

    Und deshalb kaufe ich nur Sachen die ich versteh.
    Mit Gold und Silber physisch fährt man ja auch nicht so schlecht.

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