Börse für Langschläfer

28. Februar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer am frühen Morgen noch keine gute Laune, dem stehen zahlreiche Radiosender zur Verfügung, die mit absurden Börsenberichten für beste Unterhaltung sorgen. Wer freut sich nicht über „Gewinnmitnahmen bei der Commerzbank-Aktie“ oder den Dollar, der nur deshalb steigt, weil der Euro fällt?

Es muss im Geburtsjahr der deutschen Aktienkultur gewesen sein. Das Staatsfernsehen blendete in einer Bildschirmecke laufend den Aktienkurs eines frisch gelisteten Staatskonzerns ein und die Rundfunklenker begannen, den Michel mit „Börsennachrichten“ zu beglücken. Was sich seither nachlässig als Information getarnt an Realsatire in die deutschen Wohnstuben drängt ist ebenso schwer verdaulich wie so manche Bilanz.

In wenigen knappen Worten wird schon am frühen Morgen über „den Aktienmarkt“ berichtet, der in der Welt der aktuellen Kamera vor allem aus dem Deutschen Aktienindex und den US-Märkten zusammensetzt. Das Paradigma der Berichterstattung ist die Aufteilung in gut (Kurse steigen) und schlecht (Kurse fallen). Die Tonlage pendelt entsprechend zwischen glucksend lachender Heiterkeit und der Stimmung eines schlecht besuchten Papstbegräbnisses bei Dauerregen. Besonders putzig ist der stets zur Morgenstunde gekrähte Hinweis auf „die Profis“ die „den Dax um 8:30“ um ca. 30 Punkte höher „errechnet haben“ als zum gestrigen Schlusskurs. Tja, möglicherweise hatte der eine oder andere schlicht einen Blick auf bereits gehandelten DAX-Future geworfen, bevor er seinen Hochleistungsrechner gestartet hat. Aber wer will schon Haare spalten.

Der eingesetzte Lernmittel-Karton Wirtschaftskunde aus hält neben den Namen zahlreicher Finanz-B-Prominenter auch eine rote Begründungskarte für Kursrückgänge bereit (Gewinnmitnahmen). Dieser Trumpf wird auch beim Anstieg eines Titels von minus 99% auf minus 98% gezückt. Für Informationen ist in den Sendungen kein Platz, da sich der zwanzigminütige Wetterbericht anschließt (Sonderthema: „Wieder ein Sommer ohne Tsunami am Steinhuder Meer – Ist der Klimawandel nicht zu stoppen?“). Wenn das die Informationen sind, die sich der Staatsrundfunk als Grundstein der Kenntnisse in Finanzfragen vorstellt, dann wirft dies einen dunklen Schatten auf das Wissen der Programmplaner. Immerhin erklärt die Mischung aus Verkrampftheit und Oberflächlichkeit den Schrecken, den so mancher verspürt, wenn er nur an Finanzen denkt.

Warum hohe Preise für Unternehmensbeteiligung eine tolle Sache sein sollen, wird vermutlich aus Zeitmangel nicht erklärt. In den Supermärkten sehen die Menschen dies naturgemäß anders. Möglicherweise sind die Finanzberichterstatter aber auch nur einen Schritt weiter und haben die heilsbringenden Wirkungen der Geldentwertung für die Allgemeinheit schon verinnerlicht. Dem Normalbürger ist es aus unerfindlichen Gründen nur schwer zu vermitteln, was daran gut sein soll, wenn sein Geld jeden Tag weniger Kaufkraft hat. Aber der Neusprech wird’s auf Dauer schon richten, denn wer morgen nichts mehr hat, dem fällt es vielleicht auch leichter im heute zu leben.

Gefährlicher als die offenbarte Hilflosigkeit manches Sprechers ist die geistlose Leichtigkeit, mit der von Aktien und anderen Formen der Geldanlage gesprochen wird. Völlig unabhängig wird von „langfristig attraktiven Assetklassen“ gesprochen, als wäre es ein Naturgesetz, das zu einem stets höheren Ertrag einer bestimmten Anlageform führt. Ein wichtiger Grundsatz wird stets ignoriert: Es gibt keine guten und schlechten Assetklassen, aber es gibt gute und schlechte Anlagezeitpunkte. Angesichts der an durchaus sichtbaren Kursverlusten und Gewinnen nicht armen Zeit seit der Jahrtausendwende kann diese Form der Wahrnehmungsstörung nur Erstaunen auslösen… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Börse für Langschläfer"

  1. Michael sagt:

    Bin grad aufgestanden. Ich pflege noch die Tradition des Mittagsschläfchens. Stimmt. Assets die in der Vergangenheit wenig Früchte trugen, werden als die Hoffnungsträger der Zukunft angesehen. Schauen wir mal.

    Überraschungen gibt es immer. Die Erste hat heute 11% nachgegeben im ATX.

    In unseren Nachrichten berichtet in Österreich Banknoten von 18 Ukrainern eingefroren wurden. Das muss man sich mal bildlich vorstellen. Deswegen haben die Russen auch immer so dickte Mäntel an und Fellmützen, wenn sie sich Geld abheben.

    http://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/aussenpolitik/Oesterreich-friert-Bankkonten-von-18-Ukrainern-ein;art391,1319158

    Eingefrorenes Geld wie vermutlich schwer. Vermute mal keinen Zusammenhang. Aber der Ausstieg aus der Ukraine war nicht günstig und auch nicht das Rumäniengeschäft. 300 Mio Abschreibnungen. Man muss ein wenig auch die Einzelwerte im Auge behalten.

    • Michael sagt:

      Es waren die Bankkonten. Aber ich habe mich, ob des unklaren Blicks verlesen und traute meine Augen nicht. Hat sich nach dem ersten Kaffee gegeben. Konnte es mir nicht verkneifen. Wie man Bankkonten einfriert weiß ich trotzdem nicht. Das Überlege ich mir in einer Stunde beim Morgenspaziergang.

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