Blödes Sparen! Her mit der Knete!

19. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Die Tage kommen und vergehen. Auch auf Mallorca, wo ich gerade unterwegs bin. Nichts bewegt sich schneller über die Baleareninsel als die Wolken. Am Dienstag gab es über dem Meer im Osten ein Gewitter. Das Wetter ist verzerrt wie die Dinge, die ich seit Jahren schon beobachten konnte. Und am Ende… steht „se vende“…

Ich liebe diese Insel. Im Frühjahr schaut man auf sattes Grün, im Sommer in den blitzeblanken Himmel – und ab und zu wie durch ein Mikroskop in den wirtschaftlichen Kosmos. Brüssel hat auch Spanien und damit Mallorca reich beschenkt und mit der Zeit völlig verrückt gemacht. Die Politik hat in Märkte eingegriffen und versucht, diese zu überrumpeln. Aus politischen Gründen der Gleichmacherei ist man in südlichen Ländern hektisch ans Werk gegangen und hat Kapazitäten ausgebaut. Meine Vermutung war 2007 schon, dass das nicht gut gehen kann und die Korrektur der Fehler schmerzhaft sein würde. Und sie ist es geworden.

Nicht nur die Balearen stecken mitten einer Korrektur. Die Wirtschaften schrumpfen. Mister Market hat viel zu tun, um diese Überkapazitäten wieder aus dem Weg zu räumen. Die nichts ahnenden, sehenden oder wissenden Politiker haben nun ihre Strategie geändert und beschlossen, alles noch schlimmer zu machen. Ihre Devise heißt jetzt Sparen. Nach Vollgas nun die Notbremsung. Sie glauben, sie würden es richtig machen. Welch Unsinn!

Amerika hat es besser. Obwohl dort die Bereinigung des Marktes schneller abläuft, ist die Politik dem voraus und übernimmt das, wozu man sich in Europa nicht durchringen konnte. Inzwischen ist die US-Zombie-Rate auf einem neuen Hoch und zeigt ähnliche Symptome einer Fahnenstange im Chart. Europa hat beschlossen, sich vorerst zu Tode zu sparen, während in den USA versucht wird, mit einem Mehr an Ausgaben und Fehlern die Probleme beseitigen.

Ach, das waren das früher für glückliche Zeiten… In den südlichen Ländern wurde Geld verbaut, wessen Geld auch immer. Die Geberländern waren bestrebt, Europa so schnell wie möglich zusammen zu schweißen. Mit dem Euro als Klammer dieses politischen Projekts, niedrigen Zinsen als Turbo und Eurokraten am Lenkrad und Schecks im Gepäck. Das Ergebnis ist erschreckend. Statt zusammen zu wachsen, driftet Europa auseinander. In Griechenland ist auf den Plätzen der Demonstrationen eine antideutsche Stimmung unübersehbar. Es heißt, in Spanien gibt es gezielte Schikanen gegenüber deutschen Touristen. In Griechenland würde ich derzeit keinen Urlaub mehr machen. Vielleicht lese ich zu viele Zeitungen?

Es waren so viele Milliarden, dass die Wirtschaftszahlen anspringen mussten. Die EU-Politik glaubte, auf dem richtigen Weg zu sein. Die offiziellen Wachstumszahlen waren der Leitpfad. Sie fragten sich, was man sonst noch tun könnte und bauten Brücken ins Nichts. Auch auf den Rückseiten der Euroscheine sind sie zu sehen.

Auf Mallorca wurde der Markt wie mit einer Droge aufgeputscht. Und nicht nur dort. Die Leute griffen zu Krediten. Der Hausmarkt begann zu fliegen. Man fühlte sich irgendwie reicher. Der Schlüssel zum Glück war der Pfortenöffner zur Hölle. Ein Irrtum, wie sich noch heraus stellen wird. Mister Market zerstört gerade Milliarden und lässt Überkapazitäten verschwinden…

In Palma wurde der Flughafen ausgebaut. Bauern gab man Zuschüsse, dass sie in Trockengebieten Sumpfpflanzen anbauten. Landwirtschaftliche Überschüsse wurden vernichtet und weg geschüttet. Auf Mallorca steckte man viel Geld in den Ausbau der Infrastruktur. Der Bau der südlichen Autobahn kam teuer. Dafür kommt man fünf Minuten schneller von Palma nach Santani und Campos. Selbst härtestes Gestein wurde überwältigt. Ohne EU-Geld und billige Kredite wäre das nie möglich gewesen. Und manche Summe verschwand in fremden Taschen. Doch es kam noch besser.

In Calonge setzte man auf zusätzliche Lichtmasten. Ganz in der Nähe wurden zusätzliche Schwimmbäder in der Nähe des Meeres gebaut. Nicht dass man das gebraucht hätte, das Geld musste verarbeitet werden. Nun ist man im Zuge der Einsparmaßnahmen und der Konkursverschleppung in den Gemeinden dabei, Fehler rückgängig zu machen. Gemeinden sind pleite. Das ist kein Geheimnis, auch nicht in S`Horta. Der neue Bürgermeister der Stadt hat das schon im Oktober 2011 gesagt.

In den kommenden Monaten geht es 1000 Lichtmasten an den Beton. Man will die Beleuchtungskosten um jährlich 300.000 Euro senken. Das ist nur ein kleiner Teil der Einsparungen. Dabei wäre das Gegenteil richtig! 10.000 neue Lichtmasten für Portocolom! Das brächte Arbeit, Einkommen und Wohlstand. Und eine zweite und dritte Autobahn durch hartes Gestein… „Mallorca soll hell und schnell sein!“ Gebt Gas, statt zu bremsen! Geld kostet nichts. Los jetzt! Holt es Euch!

Die EZB tat, was sie konnte. Mit ihrer Ein-Prozent-Zinspolitik könnte ihr altes Konzept noch einmal Wunder wirken. Theoretisch. Doch an wen sollen die Kredite vergeben werden? Etwa an überschuldete „Wirtschaftssubjekte“? Vielmehr an den Staat. Und das wird kommen, wenn die Lage beginnt, unruhig zu werden. Geld kommt aus dem Nichts und verschwindet dorthin wieder. Doch bitte nicht jetzt. Es ist egal, ob zusätzliche Millionen in den Sand gegossen oder in sinnlosen Projekten verheizt werden. Die EU sollte das Mittelmeer aufheizen, um einen touristischen Zusatzfaktor zu schaffen. Vielleicht später. Realwirtschaftliche Überlegungen lassen diese Schnapsidee noch nicht zu, außer bald könnte sich der Staat im Schulterschluss mit EZB und EU dazu durchringen. Und es wird so kommen.

Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Staatliche Ausgaben könnten das Problem für eine Zeit im Untergrund halten, bis die Kaufkraft des Geldes durch die Fülle an Beruhigungspillen schwindet und immer mehr von diesem Stoff nachgefragt wird. Damit könnte man Zeit gewinnen und vielleicht auch einen Hauch an Zufriedenheit in Europa, aber es wird auf das Ausbuchen von Schulden hinaus laufen, auf einen Haircut und die gleichzeitige Vernichtung der Guthaben. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum sich Immobilien in guten Lagen großer Nachfrage erfreuen. Am Ende wird der eine oder andere sich fragen, warum er seine Guthaben nicht in überteuerten Häusern verbaut hat, wenn der Inflationssturm die Zettel übers Meer wehen wird.


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2 Kommentare auf "Blödes Sparen! Her mit der Knete!"

  1. purity sagt:

    Bei den EU-Subventionen muss es wohl, gerade in Spanien, viel Betrug geben. Die Landwirte haben sich allerhand Konstruktionen überlegt, wie sie möglichst viel absahnen können. Und die Kontrollen sollen versagen oder die kreativen Antragssteller nicht abwehren können. Und die spanische Verwaltung interessiert es nicht, denn das Geld kommt ja von der EU.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Haushalt_der_Europ%C3%A4ischen_Union#Nettozahlerdebatte

  2. Jenny sagt:

    Ich glaube, das ist der beste Artikel, den ich jemals von Frank Meyer gelesen habe. Großes Lob! Können Sie fließend spanisch oder woher bekommen Sie die ganzen klein-regionalen Informationen über die Gemeinden etc? Würde mich wirklich interessieren! Vielen Dank für den Artikel (Kommentar) jedenfalls!

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