Blitz und Donner bei Gold und Silber

24. August 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Während sich dicke, schwarze Gewitterwolken über den Rhein schieben, schlagen die Blitze längst schon im Gold- und Silbermarkt ein. Wummms! Ein Wasserfall folgt nach etlichen heißen Tagen…

Gold ist in zwei Tagen rund 100 Euro billiger geworden. Silber wurde um zehn Prozent gestutzt. Es gießt jetzt in Strömen. Wer weiß, was das zu bedeuten hat. Gibt es Neuigkeiten? Sind es Gewinnmitnahmen? Werfen die Leute gerade ihre Münzen und Barren beim Goldhändler ein? Oder fummeln die Großbanken im Terminmarkt herum? Keine Ahnung. Terrassenförmige Kursstürze beim DAX hätten längst schon wieder zu Sondersendungen geführt. Aufgeregte Analysten rennen dann immer über die Bildschirme, kriechen durch die Radiofrequenzen und erklären ihre Sicht der Dinge je nach Verdauung, Positionierung und Blutdruck.

Kollege Ponzi aus dem Bankhaus Rott nennt sie gerne Kolibris. Sie fliegen von einer Blüte zur nächsten, vom Bullen zum Bären, mit und ohne Fähnchen oder Zeitung, aber wichtigem Gesicht, schicker Krawatte und oft ungeputzten Schuhen. Ob ich jetzt mal drei, vier dieser Experten anrufe und frage, was gerade im Gold – und Silbermarkt passiert? Ich lasse es lieber und drücke meine Nase gegen die beschlagene Fensterscheibe.

Auf dem Balkon beginnt eine Trompetenpflanze im Sturm zu wippen, als würde sie ihre Trompete zu einem Hosianna ansetzen. Der Kookaburra aus dem Garten der Nachbarin beginnt zu trällern. Was sollen sie den ganzen Tag auch anderes tun? Und ich beobachte die Leute auf der Straße im Gewitterguss – wie sie versuchen vor dem Regen zu flüchten.

Der aufbrausende Sturm hat charttechnische Marken weg geweht. Das ist in den letzten Jahren immer wieder passiert und die Achtungszeichen standen dicht gepflanzt. Gold hat sie umgefahren.

Hören Sie das auch? Es ist eine Art von Rattern auf den Straßen. Ich weiß nicht, was ich davon zu halten habe, aber dieses Geräusch, versteckt hinter dem Donner, erinnert mich an die Leichenwagen, die gerader wieder hunderte ausgekegelter Derivate auf den Friedhof der Kuschelpapiere bringen. Dort türmen sich die Reste der Feste schon den ganzen Monat über. Niemand singt ihnen ein Lied. Keiner bringt Blumen vorbei.

Ich muss mal schnell schauen, was aus den Münzen geworden ist. Seltsam, sie haben offenbar von allem nichts mitbekommen und schauen genauso gelangweilt durch die Gegend wie am Vormittag. Stimmt es etwa doch, was ich heute auf US-Yahoo gelesen haben? Gold hat keinen Preis. Gold ist der Preis. Das scheint sie auch nicht zu erschrecken – ganz im Gegensatz zu den Leuten draußen auf den Straßen. Und es donnert.

Moment, ich muss Licht anschalten. Die Wolken verdunkeln die Sicht. Eine bekannte Stimme ruft „Das schöne Geld…“. Ja, das ist meine Oma. Das sagt sie gerne, wenn etwas davon für Sinnlosigkeiten verschwendet wurde. Ach, die alten Leute mit ihren noch älteren Weisheiten. Sie reden eine komische Sprache und haben noch weit komischere Ideen. Die Gewitterwellen tragen diese Stimme über weite Entfernungen. Vielleicht bin ich der einzige, der die Botschaft entschlüsseln kann.

Neuigkeiten?

Temperaturstürze haben etwas Erfrischendes wie ein kühler Pfefferminztee nach einer Bergwanderung. Ich schalte mal das Radio ein. Mal sehen, was es an Neuigkeiten gibt…

…Bundespräsident, Libyen, Eurorettung, Klimakatastrophe, tote Maus im Keller… Wetter… Verkehr… da-didel-dumm…

Auf eine bestimmte Nachricht warte ich ganz dringend. Und ich hätte wetten können, bei diesem Gewitter im Goldmarkt wäre sie gesendet worden – dass das Papiergeld wieder gesund geworden ist. Halleluja! Vielleicht kommt diese Meldung ja später noch. Oder auch nie.

Womöglich werde ich morgen wieder etwas davon tauschen, wenn die Straßen sauber gespült worden sind – aber nur etwas, denn Gewitter neigen zum Umdrehen, und dann erschrecken sie noch einmal die Leute, die Friedhofsmauern und auch mich.

©Frank Meyer

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