Bitte nur die halben japanischen Verhältnisse!

2. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

 von Bankhaus Rott

Die Renditen vieler europäischer Staatspapiere sind negativ. Da die Zinsen nicht steigen dürfen, obwohl alle jammern, dass sie zu niedrig sind, schaut man einfach mal zu, wie lange alles so bleiben kann, wie es ist. Das ganze wird noch lange gut gehen, hört man, und wird freundlich mit wissendem Blick auf die „japanischen Verhältnisse“ hingewiesen. Warum die japanischen Verhältnisse nur für den Rentenmarkt gelten sollten, liest man leider nirgends.

Japanische Verhältnisse. Das klingt wunderbar. Japan, ein fortschrittliches Land, in dem technologifreundliche und arbeitssame Menschen der Insellage, den Bergen und sogar zwei Atombombenabwürfen getrotzt haben. Japanische Verhältnisse, das kommt daher wie eine physikalische Begebenheit, die mit Sicherheit berechnet werden kann, etwas, das empirisch nachgewiesen wurde. Leider handelt es sich eher um eine traurige Floskel, die die Absurdidät der Verhältnisse an den japansichen Finanzmärkten sowie die erfolglose Suche nach einem konstruktiven Ausweg hübsch verpackt.

Der Blick auf die japanischen Finanzmärkte zeigt ein bekanntes Bild. Die Entwicklung der Renditen 10-jähriger Staatsanleihen ist in den letzten 25 Jahren von mehr als 8% auf unter 0% gefallen.

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Der Aktienindex Nikkei sieht aus wie der Alptraum der Dauersparer. Ein paar Halbierungen und Verdoppelungen, viel Schall und Rauch und graue Haare. Mehr war nicht drin.

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Das sind wundervolle Entwicklungen für diejenigen, die Bonds in den Beständen hatten und eine hilfreiche Gedankenstütze für diejenigen, die irgendwo gelesen haben und deshalb ständig wiederholen, dass (a) Aktien langfristig immer mehr abwerfen als Renten und (b) bei fallenden Zinsen Aktien nur steigen können.

Dies alles ist eine nicht so wundervolle Entwicklung für diejenigen, die Bonds kaufen wollen oder müssen. Natürlich greift auch bei den Staatspapieren das Heiße-Kartoffel-Prinzip (next greater fool principle). Auch mit einer Staatsanleihe, die bei minus einem Prozent rentiert, lässt sich Geld verdienen, solange jemand bereit ist, sie später noch teurer zu erwerben. Das ist die Standardbegründung, warum das alles weitergehen kann, ob es sinnvoll ist oder nicht.

Bedeutsam ist die Aussagekraft der negativen Rendite. Mit einer Staatsanleihe, die bei -1% rentiert werden alle Anleger, die dieses Papier bis zu Ihrer Fälligkeit halten, im Mittel exakt dieses eine Prozent verlieren. Es ist völlig unerheblich, ob sie voher noch steigt und die Rendite auf -2% oder -5% fällt. Der einzelne Anleger kann mehr als -1% verdienen, aber das funktioniert nur, wenn ein anderer weniger verdient. Was der einzelne verdient ist für den einzelnen wichtig, für die Gesamtbetrachtung jedoch irrelevant. Was generell mit den Papieren verdient wird, zählt. Mit diesen Papieren wird im Mittel Geld verloren.

Der Anleihemarkt in Japan bietet einen deart trostlosen Anblick, dass die meisten eingeschlafen sind, bevor man die entscheidende Frage zu den japanischen Verhältnissen überhaupt stellen kann. Warum sehen viele westliche „Analysten“ bei den japanischen Bonds derartige Verhältnisse, gehen aber offenbar gleichzeitig davon aus, dass dies auf die Aktienmärkte nicht zutrifft. Bei den Bonds der Japaner, bei den Aktien der Ami, immer wie es gerade passt.

Das Ausblenden der japanischen Verhältnisse am Aktienmarkt findet seine Ursache vermutlich im wenig erbaulichen Bild, dass der Nikkei Index in den letzen dreißig Jahren abliefert. Wer will sich schon die Frage stellen, wie es zusammenpasst, wenn die Aktien seit Jahrzehnten keine große

Freude bereiten, obwohl doch das liebste Argument der Auguren, der niedrige Zins, zwischen Okinawa und Sapporo nicht erst seit gestern bekannt ist.

Vielleicht steigt er ja ab morgen nur noch, der Aktienmarkt, und übertrift dann irgendwann nach 40 Jahren sein Hoch aus den 80er Jahren. Die Realität der Misere eines über mehr als drei Dekaden schmerzbringenden Aktienmarktes schafft das nicht aus der Welt. Warum dieses Szenario in keiner Weise Eingang in die Prognosen vieler Rentenplaner hierzulande findet, bleibt deren Geheimnis. Unfälle passieren eben nur den anderen. Möglicherweise liegt es am dann sicheren Scheitern der Planungsmodelle. Alle Realitäten stehen still, wenn der große Plan es will. Nebenbei bemerkt blenden viele Hoffende auch die schwachen Entwicklungen vor der eigenen Haustüre aus. Man schaue sich nur einen europäischen Aktienmarkt in Ruhe an.

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Das alles sind natürlich nur Anomalien, die sich rein zufällig vermehren. Damit sind es lediglich rare Ausnahmen, die keinerlei Implikationen haben. Wer es anders sieht der sage jetzt nichts oder schweige für immer.

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