Bitcoin: Keine Ahnung, oder was?

26. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Kryptogeld ist eine riesige Spekulationsblase, die von maßloser Gier und der Hoffnung genährt wird, dass unser ungedecktes Papiergeldsystem abgeschafft wird…

Nehmen wir an, Sie kaufen heute ein paar Bitcoins zum Preis von, sagen wir, 8.000 US-Dollar je Einheit. Ist das dann ein gutes Geschäft? Nun ja, wissen werden Sie das vermutlich erst in einigen Wochen oder gar Monaten.

Erfreulich ist natürlich, dass Sie sich mit ihrem Kauf schon heute in „bester Gesellschafft“ befinden: Um Sie herum tummeln sich lauter Anleger, die sich für unwiderstehliche Börsengötter halten, weil sie, wie eine Leserin neulich ganz überrascht feststellte, zwar „keine Ahnung“ von dem haben, was sie da gerade tun – das Ganze aber trotzdem irgendwie funktioniert.

„Keine Ahnung“ von der Materie, dafür aber jede Menge Kursgewinne? Das ist natürlich eine grandiose Sache und erinnert ältere Semester an den Neuen Markt, Gott hab ihn selig.

Auch damals, es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, konnten völlig unbedarfte Börsengreenhorns „gigantische Gewinne“ einfahren. Leider blieb davon am Ende nicht allzu viel übrig. Ein großer Rucksack an Erfahrungen, das schon, aber sonst? In Wahrheit sollen viele Glücksritter damals Haus und Hof verloren haben.

Tatsächlich kann man beim Blick auf die folgende Grafik am langfristigen Erfolg der Vorgehensweise „Keine Ahnung“ leise Zweifel anmelden. Denn immer wieder scheinen bei vielen Anlegern die Sicherungen durchzubrennen, sobald irgendwo „riesige Kursgewinne“ locken. So wie derzeit bei den Kryptowährungen.

Problematisch ist an dieser Stelle der folgende Aspekt: Genau wie bei jeder spekulativen Übertreibung der Vergangenheit sind die Anleger auch heute darauf konditioniert, dass das Objekt der Begierde, der Bitcoin, allfällige Kursrücksetzer umgehend wieder ausbügelt.

Das hat unangenehme Konsequenzen, denn letzten Endes führt diese „Erfahrung“ dazu, dass die Anleger eine nachhaltige Trendwende nicht als solche erkennen und in die fallenden Kurse hinein immer weiter nachkaufen. Schließlich muss der Kursverfall ja „irgendwann“ einmal aufhören. Das Ergebnis: Am Ende ist ein Großteil dieser Glücksritter pleite.

Böse Zungen behaupten nun sogar, dass die Kursgewinne, die bei den Bitcoins mittlerweile aufgelaufen sind, alle früheren Spekulationsblasen weit übertreffen. Da der Kursverlauf der marktführenden Internetwährung in der folgenden Grafik erst im Jahr 2014 beginnt (rote Linie), könnte da sogar etwas dran sein:

„Halt, halt, halt“!

Diesmal ist das alles anders, hören wir diejenigen aus der Fraktion „Keine Ahnung“ an dieser Stelle protestieren. Denn diesmal, so trompetet es schließlich aus allen Internetforen, haben wir es mit einer bahnbrechenden Neuerung zu tun, die alles revolutionieren werde, insbesondere das völlig aus dem Ruder laufende ungedeckte Papiergeldsystem.

Das zumindest, leider muss man das so offen sagen, ist überhaupt nichts Neues, denn mit exakt dem gleichen Argument, einer gerade heraufziehenden „bahnbrechenden Neuerung“, wurden in den vergangenen rund 400 Jahren alle (alle!) Spekulationsblasen begründet.

Klüger erscheint es da schon, sich einmal die Frage zu stellen, worum es bei den Kryptowährungen in Wahrheit geht.

Im Kern geht es darum, der Welt ein besseres Geld zu geben, als wir es heute haben. Ein Geld, das die Zentralbanken nicht nach Gutdünken manipulieren können und das nicht unbegrenzt und ganz nach Belieben vermehrt werden kann.

Grundsätzlich ist es natürlich ein begrüßenswerter Ansatz, daran endlich etwas zu verändern und das Thema „Geld“ auf eine andere, eine solidere Basis zu stellen.

Womit wir beim wichtigsten Punkt angekommen sind, der Frage nämlich, worum es in Gelddingen zuallererst geht. Sogar Zentralbanker werden Ihnen auf diese Frage eine ehrliche Antwort geben:

Wenn es ums Geld geht, steht an vorderster Stelle das Vertrauen.

Aus genau diesem Grund wollen besagte Zentralbanker ja nicht, dass die Menschen ihr Geld vom Bankkonto abheben: Nichts fürchten sie mehr als den damit signalisierten Vertrauensverlust. Denn auch in den Elfenbeintürmen von Frankfurt, New York und Washington weiß man:

Langfristig vertrauen die Menschen nur einem Geld, das sich als wertstabil und vertrauenswürdig erwiesen hat.

Fragen wir uns also: Werden die Menschen auf lange Sicht einem Geld ihr Vertrauen schenken, das aus einigen virtuellen Zahlen besteht, aus der Null und der Eins, ohne irgendeinen inneren Wert, der damit verbunden ist? Dann könnten Sie ja auch gleich den bunten Zettelchen vertrauen, die ihnen die Banker seit Jahrzehnten mit sichtlich abnehmendem Erfolg unterjubeln.

Werden sie darüber hinaus aber tatsächlich einem Geld vertrauen, von dem „ein Stück“ heute 8.000 Einheiten in „altem Geld“, also Euro oder Dollar „wert“ ist, morgen aber schon 10.000 Dollar und übermorgen vielleicht nur noch 5.000 Dollar?

Wer daran ernsthaft glaubt, der hat eine wesentliche Eigenschaft von Geld nicht verstanden: Geld wird von den Menschen nur dann als Zahlungsmittel akzeptiert, wenn es einen stabilen Wert aufweist. Doch hiervon sind alle Kryptowährungen Lichtjahre entfernt.

Damit dürfte klar sein: Mit dem, was die übergroße Mehrheit der Menschen unter dem Begriff „Geld“ versteht, haben Bitcoins und alle anderen Kryptowährungen rein gar nichts zu tun.

Womit dann? Die Antwort auf diese wichtige Frage ist so einfach wie naheliegend:

Kryptogeld ist eine riesige Spekulationsblase, die von der Hoffnung genährt wird, dass das ungedeckte Papiergeldsystem aktueller Prägung abgeschafft wird. Das wird es auch, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Doch einstweilen sollte man die Kurskapriolen bei Bitcoin und Co in erster Linie als Symptom eines kranken Geldsystems begreifen – und nicht als Ausdruck der eigenen Genialität als Anleger.

Darüber hinaus könnte es sich als günstig erweisen, Bitcoin-Gewinne eingetütet zu haben, bevor sich herumspricht, dass das ungedeckte Papiergeldsystem aktueller Prägung tatsächlich revolutioniert wird. Weil sich dabei nämlich herausstellen könnte, dass das Kryptogeld von heute mit dieser Geldsystemrevolution womöglich gar nichts zu tun hat.

Für Heerscharen von Anlegern der Fraktion „Keine Ahnung“, die heute ihre Träume und Hoffnungen in Kryptogeld investieren, dürfte dies ein schmerzhafter Prozess werden…

© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

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4 Kommentare auf "Bitcoin: Keine Ahnung, oder was?"

  1. markus45 sagt:

    Mich würde auch mal interessieren, wie viel Energie eine Transaktion (ich meine jetzt nicht „Minen“) mit aktueller Computer-Hardware kostet und wie lange sie dauert. Wenn mindestens eins von beidem nicht unerheblich ist, dann taugt das auf jeden Fall nicht als allgemeiner Geldersatz, sondern höchstens um ab und an mal sehr große Summen zu verschieben.

  2. Argonautiker sagt:

    Daß Bitcoin nicht manipulierbar ist, halte ich für sehr fragwürdig, weil jeglicher elektronische Prozess manipulierbar ist, so man nur weis wie, und man sich Zugang dazu verschafft. Beides keine unüberwindbare Hindernisse. Die krasseste Manipulation dürfte das ziehen des Steckers sein, die dann sämtliches Guthaben Nullen würde.

    Bitcoin ist ein Hype. Ein Schneeballsystem, bei dem wieder nur der frühe Vogel den Fisch fängt, indem er Neid erzeugt, sodaß, vom Neid der guten leistungslosen Gewinnchancen erfasst, möglichst viele Folgen, und die Letzten, wie auch beim Fiat money, die Hunde beißen. Wer nahe an der „Erzeugung“ ist, ist ein gemachter Mann, und wer etwas wirkliches schaffen muß und es gegen Bitcoin tauschen muß, um am Handel teil zu nehmen, dürfte der Verlierer sein. Wie gehabt. Der Bewerter setzt sich über den Erschaffenden. Narzistisch wie eh und jeh.

    Dazu kommt, die Regelmacher könnten Bitcoin in Null Komma Nichts Nullen, oder auch übernehmen, wenn sie wollten. Verbot. Aus die Maus. Geht nicht? Natürlich nicht. Die Regelmacher können Gold verbieten, und Klopapier oder Plastikkarten zum wertvollsten Tauschobjekt machen. Sie können töten unter Strafe stellen, oder mit Orden belobigen, sie können sich die Kinder aneignen, rauben, vergasen, zum Sozialversichern zwingen, oder was auch immer, jedenfalls so lange, wie man den Heilsversprechen dieser Manipulatoren glaubt, und die Menschen weiterhin nach ihrem Schein und nicht nach ihrem Sein beurteilt.

    Was für eine Leistung steckt in einem Bitcoin, daß er es mit einem Tagwerk Schaffenskraft aufnehmen könnte, sodaß er es wert wäre, ihn gegen ein solches einzutauschen? Bitcoin ist ein Scheinwert, dem kein Wertsein innewohnt, es sei denn, man interpretiert ihn hinein.

    Wenn Schein und Sein vom Einzelnen wieder klar differenziert werden kann, dann werden die Leute, deren größtes Vermögen darin besteht, sich selbst am Besten feiern zu können, auch wieder aus den Führungspositionen verschwinden.

    Und am End, werd’n d’Leit, n Herrgott vom Deifi nimma, zu unterscheid’n wissn, und er wird unangfochten, und mit gwixt’n Schua üba d’Erd stolziern.

    Das Ego hat keine eigene Gestalt. Das Ego ist der Wille, der sich an etwas heften muss was es will, folglich ist es nicht eigenständig, sondern ist abhängig von dem was es will. Etwas was nicht eigenständig ist, müßte dienen. Das Sein hingegen ist eigenständig, weil es aus sich selbst ist, folglich liegt es immer am Träger des Selbstes, was man für das, was man will, zu tun bereit ist.

    Man kann den Willen in den Dienst nehmen und mittels seiner Energie etwas erschaffen um etwas zu erreichen, oder man kann sein Selbst in den Dienst des Willens beugen, sodaß das Tun in ein Haben Wollen verkehrt, und man viele betrügerische Dinge erfindet, um an das Geschaffene Anderer zu gelangen, was man dann ja unweigerlich muß, wenn man keinen eigenen Wert erschafft, mit dem man aufrichtig tauschen könnte.

    Es ist ein großer Unterschied ob der Wille dem erschaffenden Sein folgt, oder das erschaffende Sein dem Willen.

    Bitcoin will an das Erschaffene der Anderen, ohne selbst einen wirklichen Wert dafür einzutauschen. Es ist ein Werk des großen alten Egos, das am liebsten sich selbst feiert, während andere für seine Feiern schuften. Clever? Nun wir werden sehen. Es dürfte die Zeit, das Füllhorn des Lebens sein, die Spreu von Weizen trennt.

    • FDominicus sagt:

      Praktisch halte ich Manipulierbarkeit für wenig relevant. Nur – ich verstehe nicht warum geht da keiner drauf ein die Transaktionhistorie ist IMHO der Knackpunkt. Es muß ein „von-Wallet“ geben und ein „nach-Wallet“ und das wird festgehalten. Wenn man irgendwann eine Verbindung von einem Wallet zu einer Person feststellen kann, weiß man was diese Person mit dem Wallet so gemacht hat. Das halte ich für ein viel relevanteres Problem.

      Und dann haben wir noch eine Sache: Selbst wenn man die Geldmenge nicht beliebig inflationieren kann, kann man noch immer die Menge der Kryptowährungen inflationieren. Es sieht so aus als ob es schon mehr Kryptowährungen gibt als „reale“

      Für die Überwachung würde ich jedem Bürger ab einem bestimmten Datum ein Wallet geben mit ruhig 10 000 € (oder was auch immer drauf) , das ist noch besser als die Steuer-ID zur Überwachung und Kontrolle….

    • cubus53 sagt:

      Man ersetze in dem Text das Wort „Bitcoin“ durch „Papiergeld“. Wo ist der Unterschied ? Ich sehe keinen.

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