Bitcoin – aus dem Dunkel ins Licht

16. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Robert Rethfeld

„Es könnte sinnvoll sein, selbst einige Bitcoins zu produzieren für den Fall, dass das Konzept aufgeht. Wenn genügend Menschen ähnlich denken, dann wird Bitcoin eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein.“ – Satoshi Nakamoto Anfang 2009…

Die Ursuppe des Internet-Zeitalters wandelte sich allmählich in klare Strukturen um. Im Januar 1993 wurde der Vorläufer aller Internet-Browser („Mosaic“) zum Download freigegeben. Ich erinnere mich an meine erste Mosaic-Installation via Compuserve. Ebenfalls im Jahr 1993 wurde das Nerd-Magazin „Wired“ gegründet.

„Wired“ war Kult. „Wired“ war von Beginn an Teil der Szene. Wer im Dezember 1994 in der Ausgabe des Wired-Magazins blätterte, stieß auf einen euphorischen, ellenlangen Artikel zum Thema „E-Money“. Digitales Geld wäre die „Killer-Applikation“ der Zukunft, und überhaupt.

In dem Artikel wurde der US-Amerikaner David Chaum als „E-Money“-Vorreiter gewürdigt. Bereits im Jahr 1983 schlug Chaum ein elektronisches Bezahlsystem vor, das auf privaten und öffentlichen digitalen Schlüsseln beruht. Seine Erfindung „eCash“ ging letztendlich daran zugrunde, dass sich der Verbraucher nicht scheute, Kreditkartendaten über das Internet einzugeben.

Chaum beschrieb das digitale Geld in den 1990er Jahren als „Cybercoin“. Vom „Cybercoin“ zum „Bitcoin“ ist es gedanklich kein weiter Weg. Die heutigen Krypto-Währungen basieren auf dem von David Chaum eingeführten Prinzip. „eCash“ war übrigens keine eigene Währung, sondern eine Methode, gesetzliche Zahlungsmittel in einem „Wallet“ (elektronische Brieftasche) auf dem eigenen Computer zu speichern.

Die Finanzkrise begann im Sommer 2007 als „Subprime-Krise“. Nachdem sich die Märkte in der ersten Jahreshälfte 2008 beruhigt hatten, zogen im Sommer 2008 neue, dunkle Wolken über dem Börsenhimmel auf. „Teil eines bärischen Szenarios ist eine kräftige US-Rezession, die letztendlich die Finanzkrise für die US-Fed nicht mehr beherrschbar macht. Die Insolvenzkandidaten heißen Bank of America, Wachovia, Lehman Brothers, Washington Mutual, MBIA und Ambac.“ So formulierten wir in einer Wellenreiter-Kolumne am 14. Juni 2008. In der Ausgabe vom 2. August 2008 („Völker, hört die Signale!“) prognostizierten wir einen kräftigen Kurssturz. Nur wenige Wochen später geriet das weltweite Finanzsystem ins Wanken. Die meisten Leser dürften sich an die Dramatik jener Tage erinnern. Die Lehman Brothers-Insolvenz fand am 15. September 2008 statt. Die US-Zentralbank rief in der Folge die Nullzinspolitik aus. Ein Teil des Vertrauens in unser Währungssystem brach in jenen Tagen zusammen.

Unterdessen werkelte der IT- und Krypto-Spezialist Satoshi Nakamoto (wahrscheinlich ein Pseudonym) an einer alternativen Währung. Als Nakamoto nach anderthalbjähriger Arbeit am 1. November 2008 sein Papier „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ veröffentlichte, war die unmittelbare Wucht der damaligen finanzpolitischen Ereignisse taufrisch. Die Lehman-Pleite lag erst sechs Wochen zurück. Der Beinahe-Einsturz des weltweiten Finanzsystems dürfte Nakamoto den letzten Kick gegeben haben, sein Papier fertigzustellen. Zwei Monate später – am 3. Januar 2009 – wurde der erste Bitcoin transferiert. „Ich wäre überrascht, wenn wir innerhalb der kommenden zehn Jahre keine elektronische Währung nutzen würden“, verlautete Nakamoto damals.

Im Jahr 2008 lagen alle Bausteine für Bitcoin vor: Die Verschlüsselungstechnik, die Peer-to-Peer-Systematik, die notwendigen Programmierkenntnisse. Es brauchte jemanden, der die Puzzleteilchen – mit ein, zwei neuen Ideen garniert – zusammensetzte.

Nakamoto hat sich über seine Motive nicht zusammenhängend geäußert. Er zog es im Jahr 2010 vor, von der Bildfläche zu verschwinden. Aber er hinterließ genügend Spuren, um seine Motivation zu verdeutlichen. Das Wort „Vertrauen“ taucht in diesen Spuren als zentraler Punkt auf.

Unser Finanzsystem ist auf Vertrauen aufgebaut. Der Warenwert von Euro oder Dollar geht gegen Null. Wir glauben an eine Zahl, die auf baumwollenes Papier aufgedruckt wurde bzw. digital gespeichert ist. Wir vertrauen darauf, dass die gespeicherten Zahlen einen Wert haben. Wir vertrauen einer gesetzlichen Garantie, die – wenn ein Betrag von 100.000 Euro überstiegen wird – nicht gilt. Wir vertrauen auf Institutionen wie EZB und Fed, die ihre gesetzlichen Aufträge zur Wertbeständigkeit von Währungen nur noch mit Hilfe unkonventioneller Maßnahmen erfüllen können.

„Den Zentralbanken muss vertraut werden, die Währung nicht abzuwerten. Aber die Geschichte des Fiat-Geldes ist in dieser Hinsicht voller Vertrauensbrüche“, so der Bitcoin-Erfinder am 11. Februar 2009 in einem Forum. „In unserem herkömmlichen System ist es notwendig, Banken zu vertrauen, die unser Geld vorhalten und es ohne große Reserven in Wellen von Kreditblasen verleihen.“, so Nakamoto weiter.

Nakamoto wollte das alles nicht mehr. Er wollte dezentrales, anonymes Geld, über das der Nutzer selbst bestimmen kann. Er wollte eine Währung schaffen, die unabhängig von den Geldschöpfungen der Zentralbanken und der kommerziellen Banken funktioniert. Also modellierte er eine Krypto-Währung mit einer Wallet (Brieftasche), die der Nutzer auf seinem PC oder Smartphone speichern kann. Nakamoto zeigte sich davon überzeugt, dass das digitale Geld beim Besitzer sicher ist.

Doch nichts ist perfekt, auch Bitcoin nicht. Die leider nicht sichere Methode, Bitcoins elektronisch aufzubewahren, ist ein erstes Problem. Ein zweites Problem ist, dass Bitcoins nicht anonym sind. Das dritte Problem besteht darin, dass eben doch Vertrauen benötigt wird, um das System zu fahren…(Seite 2)

 

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3 Kommentare auf "Bitcoin – aus dem Dunkel ins Licht"

  1. wolfswurt sagt:

    Bitcoin ist das logische Fortschreiten der Internet Entwicklung.

    Bitcoin macht Sinn, denn es ist völlig kontrollierbar.
    Der Bürger verliert die letzte Hoheit über seine Privatsphäre.
    Handy, GPS im Fahrzeug und nun die elektronische Überwachung seines Zahlungsverhaltens.
    Perfekt.
    Orwells Phantasie war nichts gegen die heutigen Möglichkeiten und der Bessesenheit dies auch umzusetzen.

  2. bluestar sagt:

    Die Masse lässt sich doch gern kontrollieren und freiwillig ausspionieren. Selbst wenn die NSA sich für einen interessiert ist das immer noch besser als ohne Aufmerksamkeit zu leben. Aus Sucht nach Aufmerksamkeit, Geltung und Beachtung machen manche Menschen alles, z.B.Facebook, Tattoos, Straftaten.
    Über 70% der Deutschen hat kein Problem mit digitaler Überwachung und fühlt sich nicht bedroht. Begründung: Man hat ja nichts zu verbergen weil nichts Schlechtes getan. Schöne digitale, naive Welt. Motto: Wenn die Bedrohung nicht unmittelbar vor einem sichtbar steht, dann existiert sie auch nicht.
    Technischer Fortschritt trifft auf Steinzeitverhalten.
    „Unser Finanzsystem ist auf Vertrauen aufgebaut“. Nicht vor allem auf staatlichem Zwang ? Wahrscheinlich wird Zwang schon gar nicht mehr von der Mehrheit empfunden denn es ist die Normalität. Glaubt hier wirklich jemand, dass die USA den Dollar als Leitwährung und damit ihre Vormachtstellung in der Welt freiwillig aufgeben
    werden oder irgendwelche Bitcoins als Alternative tatenlos zulassen ? Das ist doch lächerlich.

  3. Lotus sagt:

    Na ja, eine echte Revolution wäre doch, wenn irgend jemand nicht nur Bitcoins visuell, sondern auch in echt auf dem Markt werfen würde. In einer Region, sagen wir mal München, die Bitcoins als Neben-Währung einführte. Die Stadt wäre doch reich genug, diese zu prägen/drucken und deren Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Damit könnte man dann Mieten, Lebenshaltungskosten und öffentl. Nahverkehr usw. bezahlen und zu Senkung zwingen. Vielleicht hätte das noch den Effekt, daß sich die CSU endgültig von der EU sowie Merkel trennen und selbständig machen könnte. Seehofer würde das gefallen, wenn man seine Reden auf Parteitagen richtig interpretiert. Nicht nur, daß die Einwohner endlich Seehofers bayrische Idylle nachvollziehen könnten, nein, der Freistaat wäre ein Stück unabhängiger von den p ö s e n Berliner Parasiten.

    Als Freistaat und unwesentlicher Schwesterpartei der CDU, die nirgends im Bundesgebiet eine Regierung stellt, wäre die Idee einer parallelen Währung einfach genial und Seehofers Macht auf dem Höhepunkt. Also warum nicht Bitcoins in echt?

    Ansonsten Zustimmung für obige Kommentare. LG

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