Bindet mir doch keinen Bullen auf!

31. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Schleichende Veränderungen bemerkt man nicht, deswegen heißen sie ja so. Man muss sich in den meisten Fällen schon dazu zwingen, mal ein paar Jahre zurück zu blicken und bewusst zu vergleichen, will man ermessen, was sich an den Börsen verändert hat…

Wobei ich diesmal nicht die technischen Veränderungen meine, sondern die Art und Weise, mit der uns „Fakten“ präsentiert werden.

Eines fällt einem Beobachter, der sich um Objektivität bemüht, auf: „Bearish“ gibt es nicht mehr. Pessimismus ist dummes Zeug, denn alles wird gut. Das ist eine Entwicklung, die seit den Versuchen, seit 2007 jedwede Krisen zu beschönigen, konstant vorangeschritten ist. Und wenn es negative Aspekte gibt, die sich nicht verleugnen lassen, findet sich immer eine ganz wunderbar klingende Erklärung, warum das trotzdem alles nicht schlimm ist.

Mit dem Nachteil, dass sie – natürlich – mit den wahren Gründen, warum die Kurse sich bewegen, nichts zu tun haben … und so die Gutgläubigen, heute wie damals, in eine böse Falle locken. Ich habe schon öfter in Kolumnen darüber nachgedacht, ob hinter dieser Nonstop-Scharade böser Wille, sprich Absicht oder einfach nur Dummheit, sprich mangelnde Fachkenntnis steckt. Aber ich denke, ebenso wie in der Politik ist es in der Regel von beidem etwas … und für diesen aktuellen Kommentar auch nicht entscheidend. Wichtig ist nur, dass man als Anleger merkt, wenn versucht wird, einem „einen Bullen aufzubinden“. Über „billige Aktien“ und dergleichen Augenwischerei hatte ich zuletzt schon geschrieben. Aber es gibt weitere Beispiele:

Deutschland geht es gut. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen, dass irgendwelche Krisen in fernen Ländern uns irgendwann erreichen. Denn wir sind Weltmeister im … jammern, schönfärben, wegschauen? Sind wir nicht – aber nicht schlecht darin, keine Frage. Besser aber waren Länder wie Spanien, Griechenland, Portugal & Co. Zu lange weggeschaut, zu lange so getan, as wäre nichts. Und nun haben sie den Salat. Fragen Sie bitte einfach mal diejenigen, die Ihnen trotz der untrennbaren Bande unter den Eurozone-Ländern erzählen, dass das alles nicht unser Problem ist und sein wird, warum da so sein soll. Oder besser noch, ein ganz verrückter Einfall:

Machen Sie einfach mal die Augen auf. Wenden Sie den Blick auf von den Bullen-Aufbindern in den Medien und schauen Sie vor die eigene Tür. Nicht den Fernseher anmachen, nein, diese „Tür zur Welt“ meine ich nicht. Ich meine die richtige Tür. Wenn Sie nicht mehr wissen, wo die sein könnte: Irgendwer im Haus weiß es sicher. Was würden Sie sehen? Menschen mit drei Mini-Jobs … Rentner, die zu wenig zum Leben haben … Familien, die mit der Streichliste langsam am Ende sind … leere Läden und Restaurants … überzogene Konten, wohin das Auge schaut. Sehen Sie nicht in die schicken Einkaufsstraßen der Metropolen. Diejenigen, die an Zahl immer weniger, aber an Geld immer reicher werden, langen noch locker, um in den richtigen Ecken eine prosperierende Wirtschaft vorzugaukeln. Dahin sehen die Kameras. Sehen Sie mal in die weit zahlreicheren Ecken, in die die Massenmedien nicht schauen wollen. Sie werden sich wundern, wie „gut“ es Deutschland wirklich geht.

Nächstes Beispiel: Die Unternehmensgewinne sind hervorragend. Jaja. In Deutschland ist das durchaus wahr. Aber sollte die Börse, wie allgemein behauptet, die Zukunft handeln (was sie in Wahrheit fast nie tut), würde man ja bemerken, dass diese guten Ergebnisse eher „auf Abruf“ eintrudeln. Die Weltwirtschaft ist heutzutage wie aus einem Guss. Negative Entwicklungen der US-Konjunktur ebenso wie in vielen Teilen Europas können an Deutschland nicht spurlos vorbeigehen. Wir kann man sich Sorgen um die Wirtschaft in China machen und gleichzeitig fest daran glauben, dass wir hierzulande keine Probleme bekommen? Davon abgesehen, dass wir sie in Wirklichkeit ja längst haben: Es ist doch völlig klar, dass uns die Keule letztlich auch treffen wird. Was momentan für positive Zahlen sorgt ist die Ernte der Saat, die in der Zeit ausgebracht wurde, als die internationale Kundschaft wegen der unsicheren Lage lieber in Deutschland als im Rest Europas bestellte. Aber sind denn die Unternehmen, die ihre Lageeinschätzung im ifo-Index kundtun, alle Esel? Haben die Einkaufsmanager, deren Einschätzung seit Monaten nun auch für Deutschland negativ ist, keine Ahnung von ihrem eigenen Laden? Nun gut – wenn Sie das glauben, dann können Sie natürlich in der Tat konstatieren, dass die Lage hierzulande weiterhin rosarot bleiben wird. Ich würd’s lassen.

Drittes und letztes Beispiel: Der Hurrikan Sandy und die optimistischen US-Anleger. Ich schreibe diese Kolumne am Mittwochvormittag, noch kann ich nicht sagen, wie die US-Börsen wirklich eröffnen werden. Aber in den Medien wird eine feste Eröffnung vorhergesagt, die den DAX deutlich nach oben zog. Es sind die US-Futures, die ja auch am Montag und Dienstag gehandelt wurden, die diese seltsame Interpretation stützen. Sie seinen das klare Signal dafür, dass die US-Akteure die positive Seite des Hurrikans sehen. Erschreckender Blödsinn, mit folgender irrwitziger Begründung:

Der Hurrikan hat Schäden verursacht, die vielleicht um die 20 Mrd. USD liegen könnten. Was aber niemand wirklich weiß – es könnten auch 10 oder 50 Milliarden werden. Aber diejenigen, die jetzt massiv zugreifen, sagen sich, angeblich: Die Zerstörungen tauchen in den Bilanzen nicht auf, Reparaturen aber schon. Der daraus entstehende Schub für Bau und Handwerk beflügelt die Kurse. Himmel!

Die Schäden bringen die Wirtschaft de facto aber kein Stück weiter, sondern werfen sie eher zurück. Jeder Dollar, der für Reparaturen ausgegeben werden muss, wird irgendwo abgezogen. Entweder schmälert er die Gewinne von Versicherungen, mindert Ersparnisse und/oder Kaufkraft von Privatpersonen oder kommt aus den Haushalten von Kommunen und Bundesstaaten und fehlt damit anderswo. Das bremst die US-Wirtschaft. Und ob es gelingen wird, die in vielen Bereichen sicherlich wochenlangen Verzögerungen einfach mal eben wieder aufzuholen, ohne dass da in vielen Unternehmensbilanzen eine Narbe bleibt, wage ich zu bezweifeln. Das ist das eine.

Zum anderen ist es doch verblüffend, wie die US-Index-Futures zufällig zu einer Zeit nach oben liefen, als es in den USA mitten in der Nacht war, während im selben Moment an den Europa-Börsen gute Quartalszahlen der Dt. Bank und die Anhebung der Gewinnprognose durch die Allianz für eine Rallye sorgten. Die US-Anleger scheinen nicht nur nachts zu handeln, sie machen auch genau das nach, was die Europäer tun. Sachen gibt’s. Aber so muss es gewesen sein … falls man ignoriert, dass es seit eh und je ein Trick ist, die US-Futures unter den zu dieser Zeit winzigen Umsätzen billig mit nach oben zu ziehen um dann darauf zu verweisen, dass man in Europa kaufen würde, weil die US-Futures steigen.

Ja, und warum steigen in Europa vor Wiederbeginn des US-Handels wirklich die Kurse? Nun, während der Oktober in den USA ein klares Minus brachte, ist das bei DAX und Euro Stoxx 50 anders. Und die Hedge Funds, die monatlich Bilanz ziehen, versuchen die Kurse entsprechend der Trendrichtung zum letzten Handelstag eines Monats noch ein wenig zu ihren Gunsten zu bewegen – also hierzulande nach oben. Natürlich in Kombination mit den seit Wochen dauernden und bislang erfolgreichen Versuchen, die Nackenlinien von Trendwendeformationen bloß irgendwie zu verteidigen. Während diese Formationen an den US-Börsen vollendet sind, sind sie es hier nicht. Und insbesondere die Marke von knapp 7.200 im DAX sollte gehalten werden. Das sorgte am Dienstag für einen Run an die 20 Tage-Linie bei 7.285 – unter winzigen Umsätzen übrigens, denn die großen Adressen hielten sich auffällig raus. Und der Kaufimpuls an diesem Mittwochmorgen basierte schlicht darauf, dass diese 20 Tage-Linie leicht und flockig – ob der geringen Umsätze – überwunden wurde und Daytrader und computergesteuerte Handelsprogramme sofort auf den Zug aufsprangen – unter wohlwollender Mithilfe der Hedge Funds, denen die steigenden Kurse natürlich höchst gelegen kommen.

Das ist der Grund für den steigenden DAX, nicht eine obskure Freude über die Einnahmen durch den Wiederaufbau in den USA. Das sind ganz normale Vorgänge an den Börsen – aber kaum jemand mag sie erklären, als würden die Anleger Angst bekommen, würde man ihnen mitteilen, wie die Börse seit eh und je funktioniert. Was auch bedeutet:

Die US-Börsen müssen diese scheinbar „eigenen“ Vorgaben keineswegs umsetzen. Ich bin mal höchst gespannt, ob und wie lange die „Vorgabe“ am Mittwochnachmittag wirklich hält. Dort müssten die Hedge Funds gegenläufige Interessen haben. Und ich zweifle, dass es nur die Bären sind, die in den USA immer noch ohne Strom dasitzen, während man an Wall Street zwei Tage Handel zusätzlich „nachholen“ muss, was in manchem Bericht so klingt, als gäbe es später nun dreimal so viele Käufer – aber keine Verkäufer.

Es ist einfach zum davonlaufen, aber seit Jahren habe ich jeden Tag in meinem „Observer“ eine Menge damit zu tun, dummes Zeug aus Medienberichten zurechtzurücken und zu erklären, was sich wirklich tut. Sicher, so werde ich nicht arbeitslos. Aber es ist ein trauriger und vor allem schleichender Prozess, der sich hier abspielt und dazu führt, dass man uns in so vieler Hinsicht einen Bullen aufbinden will. So sehr, dass man das Gefühl bekommt, sich fast schämen zu müssen, wenn man nicht mir dem Strom schwimmt und allseits mit rosa Brillen um sich wirft.

Lassen Sie sich nicht einschläfern. Was oberflächlich rosa aussieht, ist in Wahrheit unter der Oberfläche oft eine böse Entzündung. Und einen Anstieg im DAX Future von in der Spitze über zwei Prozent, unter geringen Umsätzen und ohne irgendwelchen Anhalt, was die Wall Street am Mittwochnachmittag wirklich tun wird, würde ich unbedingt in diese Kategorie einordnen wollen.

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