„Bin natürlich auch verantwortlich!“

8. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Auch die vorletzte Landtagswahl des Jahres 2016 lief für die CDU nicht gerade nach Plan. Alles andere wäre allerdings auch eine faustdicke Überraschung gewesen (vgl. unser Loch in der Matrix vom letzten Freitag). Denn die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten mit der Massenmigrations- und „grenzenlos“-Politik der Regierung Merkel ist mit Händen zu greifen.

Die „Klatschen“, die sich die Kanzlerin dafür einfängt, fallen immer deutlicher aus. Das wirklich Beängstigende in unserem politischen System ist, dass es sich zwar grundsätzlich Demokratie nennt, aber ebenso grundsätzlich den Wählerwillen nicht mehr ernst nehmen mag.

Nach den Wahlen erfolgen dann die Schuldzuweisungen in Richtung Bürger – je nach Temperament vorwurfsvoll bis aggressiv: Die Menschen, sie seien halt noch nicht so weit, man müsse sie an der Hand nehmen, besser erklären, ihre Ängste ernstnehmen bzw. behandeln, sie ächten, ausgrenzen etc. Was grundsätzlich ausgeschlossen wird, dass ein rasant wachsender Teil der Wähler diese Politik schlicht und einfach nicht will.

Den Vogel schoss in dieser Hinsicht ein Grünen-Politiker mit folgendem Tweet ab: „#MecklenburgVorpommern, das am dümmsten besiedelte Bundesland. #AfD“.

Pauschalisierende Urteile über Menschengruppen scheinen also selbst bei den ach so sprachsensiblen Grünen durchaus in Ordnung zu gehen, zumindest wenn es die anderen trifft, denn immerhin gab es für diesen Tweet mehr als 400 Likes. Schon davor gab es für die Partei den verdienten Fußtritt der Wähler, die inzwischen auch ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt haben, wer besonders gerne mit zweierlei Maß misst.

Aber die mangelnde Willkommenskultur der Etablierten gegenüber dem Newcomer hat tiefere Ursachen: Die Wahlnachlese der Parteien, die sich selbst gerne als die „demokratischen“ bezeichnen, zeigt nämlich vor allem eines – mit echter Demokratie ist die aktuelle Nomenklatura schlicht überfordert. In dieser Republik hat sich eine Regierungsform herausgebildet, die dem Bürger nichts, der politischen Klasse aber alles zutraut. Entsprechend herablassend und belehrend ist inzwischen der Umgang des politischen Personals – ja, Personals – mit dem eigentlichen Souverän. Dabei würde ein kurzer Blick in die Biographien einer beliebigen Auswahl deutscher Spitzenpolitiker genügen, um völlig desillusioniert zu sein.

Es ist fast schon eher die Regel als die Ausnahme, dass fehlende Sach- und Fachkompetenz durch die inflationäre Berufung auf einen nebulösen moralischen Imperativ oder eine stramme ideologische Ausrichtung wettgemacht werden sollen. Die Bundesrepublik wird unter Niveau regiert. Von einer echten Leistungselite, die sich der Geschicke des Landes annimmt, wollen wir erst gar nicht reden.

Anstand und so

Aber auch durch diese Wahlschlappe wird sich die Pattex-Kanzlerin nicht beirren lassen. Ein typischer Merkel-Satz wie „Als Bundeskanzlerin und Parteichefin bin ich natürlich auch verantwortlich“, wird „natürlich auch“ ohne praktische und das heißt persönliche Konsequenzen bleiben. Es wird wohl dabei bleiben, dass sich „Mutti“ ein bisschen für das angerichtete Chaos verantwortlich fühlt und einen Satz lang ein leicht zerknirschtes Gesicht macht. Danach wird weiter marschiert.

Geradezu wehmütig denkt man daran zurück, für welche Petitessen einst Minister und Regierungschefs den Hut genommen haben. Oder wie Finanzminister Schäuble jüngst über Justizminister Maas gesagt hatte:

„Ein anständiger Minister müsste da zurücktreten.“

Ein anständiger Regierungschef im Übrigen auch. Und wenn verschiedene Medien übereinstimmend „Deutschland wird Deutschland bleiben“ als wichtigsten Satz der heutigen Kanzlerinnen-Bundestagsrede herausgreifen, dann sagt diese weitere Merkel-Leerformel viel mehr über den Zustand der Regierung und die Ratlosigkeit der Politik aus als alle Analysen zusammen.

Das wichtigste Ergebnis der vergangenen Landtagswahl ist ohnehin der sprunghafte Anstieg der Wahlbeteiligung von 51,5% auf 61,6% – also um satte 10,1 Prozentpunkte! Normalerweise würde dies die etablierten Parteien zu Begeisterungsstürmen hinreißen – Politik könne die Menschen wieder erreichen, mitnehmen und begeistern, unsere hervorragende Arbeit, etc. Nur leider waren es nicht deren Politikangebote, die einen Teil der Nichtwähler zurück an die Urnen holten. Auch scheint man daraus partout nicht den Schluss ziehen zu wollen, dass lebendige Demokratie eben Meinungsstreit und Auswahl zwischen echten Alternativen bedeutet, nicht aber alternativloser Einheitsbrei mit unterschiedlich gefärbten Toppings.

Die nächste Auswahlmöglichkeit für Politikangebote gibt es übrigens schon am kommenden Sonntag bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen und eine Woche später bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Letztere könnten zu einem weiteren Scherbengericht für die einst so wendige und heute so halsstarrige Kanzlerin werden – ein Scherbengericht, das, abgesehen von ein bisschen Verbalkosmetik, allerdings genauso folgenlos bleiben dürfte wie alle anderen zuvor – zumindest so lange die CDU nicht selbst die Kraft findet sich von der „großen Vorsitzenden“ zu befreien. Bis dahin gilt: Angela Merkel in ihrem Lauf halten weder Ochs‘ noch Esel auf.

Seid umschlungen, Billionen

In einer Welt ohne Limits verlieren Zahlen schnell an Bedeutung. So hatte man sich in den Zeiten der Eurokrise schnell an große Summen gewöhnt, die vorzugsweise für Stützungsmaßnehmen oder neue Rettungspakete aufgewendet werden. Und dennoch, eine Billion ist und bleibt für die meisten eine unvorstellbar hohe Summe.

Das Vorstellungsvermögen der Notenbanker bei der EZB ist jedoch offensichtlich etwas besser ausgeprägt, als das des Normalbürgers. Denn mit ihrem aktuellen Anleihekaufprogramm hat die Zentralbank bis Anfang September europäische Staatsanleihen für mehr als eine Billion Euro aufgekauft. Genau in diesem Monat wäre das im März 2015 gestartete Programm zwar ursprünglich abgelaufen, Mario Draghi & Co haben zwischenzeitlich jedoch sowohl die Laufzeit als auch das monatliche Ankaufvolumen erhöht. Im März 2017 werden sich dann schätzungsweise rund 1,6 Bio. EUR Staatsanleihen in den Büchern der EZB befinden.

Nur zum Vergleich: In Summe stehen derzeit Euro-Staatsschulden im Volumen von ca. 7 Bio. EUR aus. Rund 22% davon werden in Kürze also bereits durch frisch gedruckte Liquidität „monetarisiert“ sein, wie man so schön euphemistisch sagt. Mit Neuemissionen über netto 50 Mrd. EUR begeben die Euro-Staaten unterdessen pro Monat deutlich weniger neue Anleihen als die Zentralbank zeitgleich einsammelt. Kein Wunder also, dass die EZB seit Juni sogar auf Unternehmensanleihen (!) ausweicht, von denen bislang Titel über ca. 20 Mrd. EUR eingesammelt wurden.

Geldpolitische Sackgasse

Das vermeintliche Ziel des Ganzen ist dagegen nach wie vor in weiter Ferne. Mit 0,2% lag die Teuerungsrate in der Eurozone auch im August nahe 0. Die neu gedruckten Euro sollten eigentlich zu einem Preisanstieg von 2% führen. Vor der Sitzung des EZB Rates am Donnerstag gehen die Experten dennoch nicht von bedeutenden Neuigkeiten aus. Vielmehr sollte Mario Draghi bestätigen, dass seine Gelddruckmaschine weiterhin nach Plan läuft.

Zumindest ein kleines „Zuckerl“ könnte er dennoch für die Märkte im Köcher haben: Denn allein um weiterhin rund 85 Mrd. EUR an den Anleihemärkten unterbringen zu können, dürfte Draghi die bisher geltenden Kriterien modifizieren. So könnte die bisherige Hürde entfallen, nach der lediglich 50% einer ausstehenden Emission durch die EZB erworben werden dürfen. Daneben könnte auch die selbst auferlegte Beschränkung, lediglich Anleihen mit einem Zins von maximal -0,4% zu kaufen, gekippt werden. Denn bereits mehr als 40% der Euro-Staatsbonds rentieren negativ.

Kaum vom Hocker reißen würde die Börsianer dagegen die Ankündigung der Verlängerung der Anleihekäufe um einige Monate. Denn dies ist eigentlich schon eine ausgemachte Sache. Es gibt schlicht und ergreifend kein Ausstiegsszenario aus dem eingeschlagenen geldpolitischen Experiment, das keinen veritablen Crash an den Märkten zur Folge hätte…

Wohin das Geld fließt

In der Zwischenzeit befeuert das frische Geld dagegen die Blasenbildung in weiteren Sektoren. So z.B. bei den Immobilien und den börsennotierten Immobilienaktien. Mit der Übernahme der Wiener Conwert Immobilien durch den deutschen Platzhirschen Vonovia begann sich hier das Übernahmekarussell erneut zu drehen. Die Logik hinter der Übernahme soll erneut in Synergieeffekten, vor allem aber in der Optimierung der Finanzierungsstruktur liegen. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Aktien Update vom Montag. Mit den Auswüchsen des Immobilien-Booms und den damit einhergehenden Risiken für Haus- und Wohnungsbesitzer haben wir uns auch im aktuellen Smart Investor ausführlich beschäftigt (ab S. 6). Darin finden Sie auch eine Tabelle mit den wichtigsten Kennzahlen der in Deutschland notierten Immobilien-AGs sowie ein Interview mit Helmut Kurz vom Bankhaus Ellwanger & Geiger.

Zu den Märkten

An den Edelmetallmärkten scheint die kurze Verschnaufpause der letzten Wochen bereits wieder zu Ende gegangen zu sein. Die Kürze solcher Korrekturen ist ein wichtiges Indiz für die Stärke des zugrundeliegenden Trends. Noch immer sehen viele der fulminanten Hausse der Edelmetallaktien nur von der Seitenlinie aus zu. Erst im Zeitablauf dürfte sich dieses Muster verändern. Je mehr späte Käufer den Markt betreten und je mehr frühe Käufer diesen verlassen, desto verletzlicher wird der Trend perspektivisch werden. Das wird sich dann im Laufe der Zeit in kleiner werdenden Terraingewinnen bei gleichzeitig ausgedehnteren Korrekturen zeigen. Im Moment ist dieses Szenario jedoch noch nicht akut.

So schwierig die Charts der steil nach oben geschossenen Edelmetallaktien zu handeln sind, so klar ist das Bild bei den Metallen selbst. Silber (vgl. Abb.) verhält sich nach der vollzogenen Trendwende weiter geradezu lehrbuchmäßig. Nachdem der wichtige Widerstand bei 18,50 USD/Feinunze gebrochen wurde, gab es eine kurze Verschnaufpause. Diese wurde nun mit einem erneuten Test dieser Marke, die nun charttechnisch als Unterstützung dient, erfolgreich abgeschlossen. Geht es weiter nach Lehrbuch, dann sollten die alten Hochs der laufenden Aufwärtsbewegung bei 21,14 USD/Feinunze zügig erreicht und in der Folge auch überschritten werden.

2016_09_07-silber

Der DAX verläuft nach seinem Ausbruch aus dem Abwärtstrend weiter in einer engen Seitwärtskonsolidierung (Vgl. SIW 35/2016 ). Daraus wird er über kurz oder lang ausbrechen müssen. Stimmig wäre charttechnisch der Bruch nach oben. Dieser muss allerdings nicht auf direktem Wege erfolgen. Es kann also durchaus sein, dass die aktuelle Konsolidierung mit einem kurzen Ausschüttler nach unten beendet wird, bevor der dann auf diese Weise bereinigte Markt für einen weiteren Aufwärtsschub bereit ist.

Fazit

Die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern führten zum erwarteten Ergebnis. Ändern werden sie an der Bundespolitik wohl erstmal nichts. Die nächste Wähler-Klatsche dürfte die CDU in zwei Wochen bei der Wahl zum Berliner Abgeordneten-Haus einfahren.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

4 Kommentare auf "„Bin natürlich auch verantwortlich!“"

  1. FDominicus sagt:

    “ In dieser Republik hat sich eine Regierungsform herausgebildet, die dem Bürger nichts, der politischen Klasse aber alles zutraut. “

    Genau: http://cafeliberte.de/2016/04/die-elite-hat-zu-zaehlen-sonst-nichts/

  2. FDominicus sagt:

    Unser Gauck(ler) meinte ja auch:
    https://www.youtube.com/watch?v=_5pkwEFi1nE

    Man muß es der Bevölkerung nur klar machen, besser kommunizieren oder „diskutieren“ .
    Kurz das diskutieren meint, man sagt den Leuten was Sie denken sollen und dann haben Sie das auch zu denken. Gauck hat wie die meisten Politiker einfach keine Idee mehr über etwas. Sie leben in einer abgschlossenen Welt in der man der Meinung ist, es gäbe kein besseres System. Es wäre alles so in Ordnung mit unseren Parteien und Abgeordnetenkram es sei auch völlig in Ordnung beliebig Gesetze zu verfassen und Gewalt auszuüben.

    Es gibt dazu auch im ÖR keinen Widerspruch, es geht nicht mehr um ob Gesetze sondern nur gegen wen oder was.

    Schauen Sie sich doch mal die „Diskussion“ um Steuern an. „Wir“ brauchen das Geld für dieses oder jenes oder was-auch-immer. Gabriel. Das wir umschließt nur die Politiker, das Geld ist Ihres und wenn man es denen gibt, denen es man mit Gewalt abgenommen hat – ist das „nicht drin“?

    • Argonautiker sagt:

      „Sie leben in einer abgschlossenen Welt in der man der Meinung ist, es gäbe kein besseres System“

      Für sie stimmt das ja auch, Warum die Menschen die jedoch wählen, damit die dieses System weiterhin ohne wirkliche Infragestellung weiter ausbauen können, ist mir allerdings ein Rätsel. Man müßte die ja gar nicht bekämpfen, einfach die Legitimierung dazu verweigern würde schon genügen. Aber dieses Ausbeuterschema hat hat eben wohl viele Nutznießer, also legitimieren sie sie per Wahl.

      • FDominicus sagt:

        Sie haben recht mit beidem. Zu viele unterstützen diese Unterdrückung und ja man legtimiert den Angriff auf jeden Einzelnen mit „der Mehrheit “ oder „den Parteien“ und Gesetzen. Gibt es eben ein Gesetz was unrecht ist und diejenige die die Gewalt ausüben üben dann Gewalt auch die Gewalt für das Unrecht aus und schon sind wir das wo wir heute sind.

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