Viel Arbeit, wenig Geld. Mindestlohn rettet die Welt?

6. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Als ich am Donnerstag von Recherchen aus den USA zurückkehrte, schlug mir in den deutschen Internetmedien ein Begriff besonders entgegen: Mindestlohn. Er wurde zwar kontrovers diskutiert, aber niemand machte sich die Mühe, ihn global einzuordnen…

Bei dieser Gelegenheit fielen mir die vielen Latinos ein, vor allem Mexikaner, die ich beobachtet hatte und die sich nicht zu schade waren, in Kalifornien und anderswo für Niedrigstlöhne stupide Arbeiten zu verrichten.

Wer nun behauptet, in Deutschland sei so etwas kaum möglich und gehöre durch die Einführung des Mindestlohns endgültig der Vergangenheit an, sollte sich nicht täuschen. Denn was den Latinos der Grenzfluss Rio Grande, der allen Barrikadenversuchen zum Trotz durchlässig bleibt, ist den Osteuropäern, Afrikanern, Nah- und Mittelostbewohnern eine zum Teil reale, zum Teil imaginäre Grenze, die sich von Russland bis zum Mittelmeer und sogar darüber hinaus erstreckt.

cover_gAbgesehen davon haben sich die Hungerlöhne für Frondienste wie zum Teil auch für anspruchsvolle handwerkliche Arbeiten durch Sub-Sub- und nochmals Subunternehmen auf niedrigstem Niveau eingependelt, von wo aus sie nicht mehr hochkommen. Insofern ist der neue deutsche Mindestlohn eine Farce, zumal deutsches Recht nicht mal eben nach Polen, Bulgarien, Rumänien oder in die Ukraine übertragen werden kann.

Das Ganze hat noch einen weiteren Aspekt, womit wieder die Latinos ins Spiel kommen: Amerika verschafft sich durch billige Arbeitskräfte Wettbewerbsvorteile gegenüber Europa. Sie werden hier nicht von heute auf morgen zu spüren sein, wohl dagegen in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Das mag man aus europäischer und speziell aus deutscher Sicht – noch – als Randerscheinung werten. Doch zusammen mit dem kaum mehr zu verhindernden, für Europa eher schädlichen sogenannten Freihandelsabkommen, wegen des technologischen Vorsprungs im Silicon Valley, durch die wegen der – umstrittenen – Fracking-Methode preiswerte Energie und erst recht wegen der Stellung als Hegemonialmacht verfügen die USA über wichtige Stellschrauben, mit denen sie es den anderen immer wieder so richtig zeigen können. Allzu viel Rücksicht auf die Belange anderer Länder darf man von ihnen nicht erwarten, siehe NSA-Affäre.

Fatal an all dem ist die Unberechenbarkeit, die im Wesentlichen daher rührt, dass US-Präsident Barack Obama wegen der für ihn und seine Demokraten ungünstigen Stimmenverteilung im amerikanischen Kongress schon jetzt als Auslaufmodell gilt.

Diese Konstellation birgt Überraschungseffekte, die sich nicht zuletzt auf die Kapitalmärkte auswirken werden, aktuell aus Anlass des Konflikts im Irak, der den Präsidenten zum Handeln zwingt, und potenziell wegen des ständigen militärischen Techtelmechtels zwischen Japan und China, aus dem die USA sich nicht auf immer und ewig heraushalten können.

Was die politischen Implikationen für die Kapitalmärkte bedeuten können, lässt sich allein schon daran ermessen, dass die Fallhöhe der Aktien- und Anleihenkurse wegen des Kursniveaus beider Anlagen mit jedem Tagesanstieg zunimmt.

Das kann man so oder so kommentieren: Entweder die Summe der Vorteile aus niedrigen Lohn- und Energiekosten, Freihandelsabkommen, Technologievorsprung und Hegemonialmacht wirkt sich noch weiter positiv auf die Kursentwicklung aus.

Oder die Ereignisse rund um Irak und Japan/China eskalieren, sodass die USA zum Eingreifen gezwungen werden. Im ersten Fall mag das mittelfristige Aufwärtspotenzial der Aktienkurse vielleicht noch 5 bis 10 Prozent betragen, während das der Anleihenkurse so gut wie nicht mehr vorhanden ist. Im zweiten Fall dürften 20 bis 30 Prozent Abwärtspotenzial bei Aktien drin sein und bis zu 5 Prozent bei langlaufenden Anleihen.

Diese Aussagen gelten für die amerikanische Börse. Die deutsche wird im Zweifel stärker betroffen sein. Lassen Sie mich dazu von den verschiedenen Gründen hier nur drei aufführen:

1. Weil der deutsche Kostenvorteil aufgrund der Verlagerung der Produktion in Billigländer schwindet, während die Amerikaner zunehmend von geringeren Lohn- und Energiekosten profitieren.

2. Weil das Freihandelsabkommen den Europäern zum Teil amerikanisches Recht aufzwingen wird.

3. Weil die USA ihre Stellung als Hegemonialmacht konsequent nutzen werden, und zwar nicht allein politisch, sondern auch wirtschaftlich.

Fazit: Halten Sie sich lieber flüssig, statt den letzten Aktien-Prozentpünktchen hinterher zu laufen.

Manfred Gburek – Homepage

 

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3 Kommentare auf "Viel Arbeit, wenig Geld. Mindestlohn rettet die Welt?"

  1. bluestar sagt:

    Wie doof oder gewissenlos sind denn eigentlich die Bonzen der EU, sich dieses Freihandelsabkommen von dem Amis aufzwingen zu lassen ? Gleiches gilt für die Ukraine. Dagegen waren doch die senilen Greise des SED-Politbüros weise Herren mit Moral und Anstand. Mittlerweile muss man ja schon von vorsätzlicher Schädigung europäischer und vor allem deutscher Interessen zugunsten einer extrem kleinen, aber einflussreichen Clique ausgehen. Was macht eigentlich die Staatsanwaltschaft ???

    • Argonautiker sagt:

      Hallo Bluestar,
      ja es ist auffällig, fast alle, die ein gehobenes Lohn oder Einkommensniveau haben, wechseln gerade zu der Seite der Finanzsystemstützer, denn sie wissen, wenn das Dominosteinchen fällt, tja, dann fällt’s. Staatsanwälte gehören dazu. Ich denke also sie lassen Drachen steigen, und haben deshalb nix gehört. Wie auch, wenn der Wind immer so bläßt. 😉

      Einen sonnigen Gruß aus Bremen

  2. Michael sagt:

    Der Arbeitsmarkt ist kein Markt mehr, war vermutlich auch keiner. Wenn kaum mehr ein Argument übrig bleibt, das eine Erklärung bietet, dann pflege ich schlicht an die Basics zurückzukehren und zusagen schauen wir uns mal den Kredit an.

    Wir leben ganz eindeutig in Tauschprozessen und handeln entlang Tauschprozessen. In einem Kreditgeldsystem, damit gibt es spiegelseitig ‚Geld‘ und Schuld, nimmt jeder Kredit auf und hält Tauschnmittel und Schuld in Händen.

    Der Einkommensbezieher nimmt einen Kredit auf (das passiert zumeist verdeckt) und sucht sich einen Wirtschaftsteilnehmer der, just ‚jenes Zahlungsmittel‘ stammend aus selbigen Kredit. Diesen Kredit muss man
    a) selbst verantworten
    b) sollte man Sorge dafür tragen die Fähigkeit des ‚Arbeitsgebers‘ bspw. in dem Maße aufrecht erhalten bleibt, als dass das Einsammeln auch morgen funktioniert.

    In der Umkehrung gilt eine ähnliche Verantwortung.

    Dagegen spricht gar nichts, gegen alles andere spricht viel. Die Buchung des Monatsgehalts (netto) unter der Annahme, dass alle Transaktion gedeckt sind – heißt ja individuelle Umlaufgeschwindigkeit von ’12‘. Das schöne Leben finanziert sich der Rest auf der Differenz der Umlaufgeschwindigkeit 12 vs. 1,25 im EURO-Raum. 9/10tel (etwas grob gesprochen) werden im Mittel allen vorenthalten – max. Kredit der diesem Umfeld zugerechnet werden kann .

    In dem Umfeld ist schon mehr als offensichtlich, dass in der Breite die Schuldenseite von Kreditgeld wird sozialisiert.

    Dann wird optimiert in Anlehnung an Ameisenvölker und der Verhalten und dabei wird vergessen, dass Ameisen nicht gern Autofahren außer als Beifahrer.

    Der Mindestlohn ist zuwenig, er ist zumindest mal ein Gegengewicht und erster Schritt in die Richtung nicht über Umverteilung versuchen zu bügeln.

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