Marshall Auerback: Bei Rohstoffen geht es um Spekulation bis zum Punkt der Manipulation

14. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Lars Schall) Nunmehr, da der Ölpreis eine Menge Aufmerksamkeit erfährt, fragte ich Marshall Auerback von Pinetree Capital Ltd, bis zu welchem Grad der Ölpreis von Spekulation getrieben wird. Hier ist exklusiv für Rott&Meyer seine Antwort…

von Marshall Auerback und Lars Schall

 

Marshall Auerback, wie viel Spekulation ist am Werk, wenn es um den Ölpreis geht?

Marshall Auerback: Persönlich denke ich, dass die Fundamentaldaten einen Preis nahelegen, der eher an $ 80 dran ist. Aber ich bin nicht blind für die geopolitischen Risiken, weshalb ich wahrscheinlich neutral beim Öl bin. Meine grundsätzliche Position beruht auf viel Lesen und Nachforschen, und hier ist, wo ich hinkomme: Die Bewegungen im Ölpreis korrelieren sehr gut mit den Daten über die Position von Spekulanten in den Öl-Futures-Märkten. Über einen Zeithorizont von drei Monaten geht es bei Rohstoffen um Spekulation bis zum Punkt der Manipulation.

Aber auf längere Sicht sind die Angebot / Nachfrage-Fundamentaldaten wichtig. Warum?

Marshall Auerback: Die Öl-Bullen behaupten, dass einem Anstieg der Produktion von Nicht-OPEC-Rohöl (und den gesamten Flüssigkeiten) nur sehr wenig im Wege steht, und das trotz einer Vervierfachung des geglätteten Ölpreises von der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bis zu den letzten fünf Jahren.

Die Öl-Bullen behaupten auch, dass aufgrund des Wirtschaftswachstums in den Energie hungrigen Schwellenländern die Nachfrage nach Öl weiterhin um etwa 1,5% pro Jahr wachsen wird, was ungefähr der gleichen Geschwindigkeit wie vor über einem Jahrzehnt entspricht, trotz der vierfachen Erhöhung des realen Ölpreises.

Als ein Ergebnis dessen sehen die Öl-Bullen sehr zurückhaltende Produktionssteigerungen voraus. Bei den derzeitigen Ölpreisen wird die weltweite Steigerung der Energienachfrage diese Produktionssteigerung übertrumpfen. Deshalb muss der Ölpreis mit der Zeit von der Nachfrage her bis zu einer Ebene steigen, die mit der eingeschränkten Versorgung übereinstimmt.

Die Analyse solcher Angebot / Nachfrage-Fundamentaldaten ist schwierig und komplex. Ich möchte auf zwei einfache Punkte eingehen, die der Position der Bullen entgegenstehen.

Die Anzahl der Bohranlagen, die in den USA nach Öl bohren, beträgt inzwischen fast 1100, und die Technologie hat sich verbessert. Man kann dies bereits im Erdgas-Bereich sehen.

Zwischen 2005 und 2009 betrug die Zahl der Bohrtürme, die in Betrieb waren, durchschnittlich 300. Das erwies sich als ausreichend, um 35 Jahre des kontinuierlichen Rückgangs der US-Produktion von Rohöl aufzuhalten und eine kleine Steigerung der Produktion zu bewirken.

Nimmt man die zusätzliche Anzahl von Bohranlagen, die nunmehr in Betrieb sind, nimmt ferner deren durchschnittliche Bohrzeit und ihre voraussichtliche durchschnittliche Produktionsrate, sollten Sie eine enorme Steigerung der US-Ölproduktion zu sehen bekommen, selbst nach Berücksichtigung von Verminderungen in Alaska, im Golf von Mexiko und den Lower 48 (auch “U.S. Lower 48 States“ genannt – Anm. des Übersetzers).

Bis vor kurzem hatte das DOE (Department of Energy / Energieministerium der USA – Anmerkung des Übersetzers) nur eine Erhöhung der Rohölproduktion von 100.000 Barrel pro Tag berichtet.

In den letzten Wochen haben sie eine Steigerung von rund 330.000 Barrel pro Tag berichtet.

Die aktuelle Produktionssteigerung könnte größer sein und sich immer noch erhöhen, da ich glaube, dass die DOE-Daten zeitlich sehr zurückgeblieben sind. Sie könnten eine wesentlich geringere Anzahl von Bohrplattformen von Anfang des letzten Jahres widerspiegeln. Es ist möglich, dass die große Produktionssteigerung, die von der deutlich höheren Anzahl an nach Öl bohrenden Bohranlagen einzukalkulieren ist, derzeit im Gange ist.

Darüber hinaus gibt es einen signifikanten Anstieg der US-Produktion von anderen Flüssigkeiten, da die Erdgas-Unternehmen nach Nass-Gas (wet gas) statt nach Trocken-Gas (dry gas) bohren.

Obwohl die USA der Ort sind, wo all die Schieferöl-Entwicklung stattfindet, ist es gut möglich, dass die Vervierfachung des Ölpreisanstiegs, der in den letzten anderthalb Jahrzehnten auftrat, in gewisser Weise aufgrund des geringfügigen Anstiegs in der Nicht-OPEC-Produktion außerhalb der USA stattfand.

Die Nicht-OPEC-Produktion für dieses und das nächste Jahr wird wohl deutlich über den pessimistischen Schätzungen der Öl-Bullen liegen.

In Bezug auf die Nachfrage, liegt die Möglichkeit zur Nachfrage-Zerstörung bei den heutigen deutlich höheren Preisen bei der Substitution von Öl in thermischen Anwendungen in den Schwellenländern. Das Potenzial für solch eine Nachfrage-Zerstörung wird durch die Öl-Bullen ignoriert, ebenso wie die jüngste wirtschaftliche Verlangsamung in Asien.

Die jüngsten Daten zur chinesische Nachfrage nach Öl weist darauf hin, dass sich der deutliche Anstieg des chinesischen Ölverbrauchs, auf den die Bullen gesetzt haben, möglicherweise angesichts des viel höheren Ölpreises nicht materialisieren wird. Eine solche Nachfrage-Zerstörung könnte nun mit einer charakteristischen langen Verzögerung auftreten. Sehen Sie sich ihre Importe in der letzten Zeit an. Flach wie der Brustkorb eines elfjährigen Mädchens in Shanghai.

Da nun Libyen und Jemen zurückkommen und sich eine deutliche Steigerung der irakischen Produktion abzeichnet, da die Infrastruktur-Engpässe überwunden sind, stehen die Chancen gut, dass die Öl-Angebot/Nachfrage-Fundamentaldaten immer schlechter werden im Verhältnis zu den Markterwartungen.
Wenn die Spekulanten-Positionen in den Öl-Derivate-Märkten nicht durch einen weiteren großen Anstieg in allen Risikoaktiva höher getrieben werden sollten, sollte der Ölpreis erodieren. Durch die Änderung des Charts sollte diese Erosion eine Liquidation der Spekulation verursachen und dadurch zu einen tieferen Rückgang des Ölpreises führen. Aber wie ich schon betonte, die Iran-Situation könnte all das zu ändern, so dass ich geneigt wäre, meine Shorts im Bereich der Basis-Metalle / -Materialien zu konzentrieren.

Wie auch immer, nur meine Gedanken.

Vielen Dank dafür!



Marshall Auerback, geboren am 27. Juli 1959 in Toronto, Kanada, ist mit der Szenerie der internationalen Finanzwelt aus erster Hand vertraut. Nach einem “Magna Cum Laude”-Abschluss in Englisch und Philosophie an der Queen’s University im Jahre 1981 und dem Erhalt eines Jura-Diploms am Corpus Christi College der Universität Oxford zwei Jahre später, war er von 1983 bis 1987 als Investment-Manager bei GT Management Ltd in Hong-Kong beschäftigt.

Von 1988-91 war Auerback in Tokio ansässig, wo sich seine Expertise für den pazifischen Raum um den japanischen Aktienmarkt erweiterte. Im Jahr 1992 ging er nach New York City, um einen Emerging-Markets-Hedge-Fonds für die Tiedemann Investment Group bis 1995 zu leiten. Die nächsten vier Jahre arbeitete er als internationaler Wirtschaftsstratege für Veneroso Associates.

Von 1999-2002 leitete er den Global Fixed Income Fonds für David W. Tice & Associates, einer global agierenden Investment-Management-Firma, und verwaltete den Prudent Bear Fonds. Seit 2003 war er als Global-Portfolio-Stratege für RAB Capital Plc tätig, einer in Großbritannien ansässigen Fondsgesellschaft. Zusätzlich war er Co-Manager des RAB Gold Fonds und ein unabhängiger Berater für PIMCO, der weltweit größten Anleihefonds-Management-Gruppe.

Heute ist er der Leiter und Unternehmenssprecher von Pinetree Capital Ltd, einer in Toronto ansässigen Firma, die in erster Linie in Uran, Kohle, Öl, Gas, Edelmetalle, Kali, Lithium, Seltene Erden und unedle Metalle investiert. Darüber hinaus ist er ein Fellow der Economist for Peace and Security (www.epsusa.org) und des Japan Policy Research Institute in Kalifornien (www.jpri.org). Als Braintruster des Franklin und Eleanor Roosevelt Institute in New York City ist er regelmäßiger Kommentator auf “New Deal 2,0″ (www.newdeal20.org). Derzeit lebt Marshall Auerback in Denver, U.S.A.

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