Bei Kopfweh … soll Aspirin helfen, bei Größenwahn sicher nicht!

26. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Teure „Mit-Gift“! Da diskutiert die deutsche Politik über eine Einschränkung der Benutzung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat auf deutschen Feldern und gleichzeitig legt der deutsche (noch) Pharmakonzern Bayer ein Milliardenangebot für die US-Skandalfirma Monsanto vor…

Ein Unternehmen, das wie kaum ein anderes in der Kritik von Umweltaktivisten und Nichtregierungsorganisationen steht. Diesen gilt Monsanto quasi als Synonym für gentechnisch verändertes Saatgut. Immer wieder macht das Unternehmen mit Patentklagen von sich reden. Denn statt einen Teil des Saatguts für die nächste Saison zu konservieren, sollen Landwirte stets die neuesten Körner aus dem Hause Monsanto kaufen – samt dafür maßgeschneidertem Pflanzenschutzmittel, versteht sich.

Ein zugegebenermaßen profitables Geschäftsmodell, gleichzeitig jedoch ein Segment, das höchst umstritten ist. Und genau diesen Image-Problemfall versucht sich nun der Bayer-Konzern anzulachen. Satte 62 Mrd. USD (Unternehmenswert inklusive übernommener Schulden) wollen die Leverkusener dafür bezahlen – für eines der verhasstesten Unternehmen der Welt. Was jedoch nicht bedeutet, dass für Monsanto damit das Ende der Fahnenstange erreicht wäre. Denn die Amerikaner haben das Angebot offiziell abgelehnt.

Laut Bayer bestehe weiterhin Interesse, die „überzeugende Transaktion gemeinsam zum Abschluss zu bringen“ (!). Was eigentlich nur eines bedeuten kann – eine Anhebung des gebotenen Kaufpreises. Denn immerhin ist die Monsanto-Führung von der „integrierten Strategie“ des gemeinsamen Konzerns überzeugt. Fehlen also nur noch ein paar Milliarden und die Sache ist geritzt.

Ob Aspirin noch hilft?

Nur um es noch einmal kurz zu rekapitulieren: Bereits mit dem ersten vorgelegten Angebot hätte Bayer rund das 26 fache des erwarteten Gewinns für 2016 bezahlt (ca. 4,60 USD je Monsanto-Aktie). Bayer selbst wird übrigens derzeit lediglich mit dem 13 fachen des 2016er Ertrags bewertet (aktueller Börsenwert von knapp 70 Mrd. EUR). Da macht es natürlich „Sinn“, durch Kauf eines mehr als doppelt so teuren Konkurrenten die Erträge hebeln zu wollen. Ein irrer Schuldenberg von mehr als 46 Mrd. USD wäre die Konsequenz, dazu eine stark verwässernde Kapitalerhöhung. Und wofür?

Laut einer Präsentation von Bayer wird sich im ersten vollen Jahr nach der Übernahme eine Erhöhung des Gewinns je Aktie im „mittleren einstelligen Prozentbereich“ ergeben, später dann möglicherweise gar im „zweistelligen Prozentbereich“.

Klingt irgendwie alles andere als spektakulär. Rein rechnerisch kann auch gar nicht so viel mehr dabei herumkommen, denn blicken wir noch einmal auf die Bewertung: Für einen Preis von 62 Mrd. USD würde Bayer seinen Gewinn im laufenden Jahr um rund 2,2 Mrd. USD erhöhen (laut Analystenschätzungen). Nimmt man Zinsen von 3% auf das Fremdkapital an, ergibt sich dadurch allerdings eine Belastung von rund 1,4 Mrd. USD pro Jahr. Und dabei sind die Eigenkapitalkosten für die neu emittierten Aktien im Volumen von knapp 14 Mrd. EUR noch gar nicht berücksichtigt.

Unterm Strich kann sich dieses Geschäft also nie und nimmer rechnen. Erst recht nicht, wenn jetzt auch noch beim Preis nachverhandelt werden muss. Und dies ist nur die finanzielle Perspektive: Zukünftig wird wohl der Bayer-Konzern das sein, was heute Monsanto ist. Der Inbegriff des Bösen für jeden Umweltaktivisten. All dies gibt es quasi „gratis mit dazu“. Dem erst seit drei Wochen amtierenden CEO Werner Baumann scheint dies wenig Kopfzerbrechen zu bereiten, vielleicht ist aber auch nur gut mit Aspirin versorgt…

2016_05_25-Monsanto

Auf seiner Hauptversammlung vor drei Wochen konnte Warren Buffett zum Thema Bayer/Monsanto noch keinen Kommentar abgeben. Wir gehen jedoch stark davon aus, dass auch das „Orakel von Omaha“ seine Schwierigkeiten hätte, die Logik dieses Deals zu verstehen. Unsere Impressionen von der diesjährigen Berkshire Hathaway-Hauptversammlung lesen Sie im neuen Smart Investor, der diesen Samstag erscheint.

Zwei Länder in einem

Denkbar knapp ging die Stichwahl um die Wiener Hofburg aus. Letztlich entschied der „neutrale“ Alexander Van der Bellen das Rennen hauchdünn für sich und wurde dann unmittelbar als „grüner“ Bundespräsident bejubelt – zumindest von etwas mehr als der Hälfte des politisch tief gespaltenen Nachbarlands. Mehr als nur einen Achtungserfolg konnte sein Gegenkandidat Norbert Hofer (FPÖ) erzielen – das ist jener Mann für den sich etwas weniger als die Hälfte der Österreicher ausgesprochen hatte.

Das einzige, was dem bundesdeutschen Mainstream zu Hofer einfallen wollte, war die gebetsmühlenartige Etikettierung als „Rechtspopulist“. Das Argument in der Sache mochte man dem hiesigen Publikum nicht zumuten, Hofers Kernthesen schon zweimal nicht – zumindest nicht ungefiltert. Trotz des äußerst knappen Wahlausgangs bestätigte sich das Establishment nach dem Wahlsieg Van der Bellens durch vehementes gegenseitiges Schulterklopfen darin, doch irgendwie alles richtig gemacht zu haben. Dies ist Teil des Problems.

Wer nur nach Bestätigung für die eigene Meinung sucht, wird blind für echte Probleme. Wenn sich dann die eigentliche Opposition auch noch konsensselig von der Regierung umarmen lässt, dann ist der Boden für neue oppositionelle Kräfte bestellt. Dieses Phänomen sehen wir europaweit. Das i-Tüpfelchen ist dann ein Wahlkampf des Zuschnitts „Alle gegen einen“, den Herr und Frau Österreicher offenbar weniger als gemeinsame Kraftanstrengung gegen eine außergewöhnliche Bedrohung wahrnahmen, sondern als unfaire Behandlung des Underdog-Kandidaten. Wenn sich die etablierte Politik also fragt, was die entscheidenden Kräfte hinter dem Aufstieg der „Populisten“ sind, dann findet sie die Antwort auf vielfältige Weise im Spiegel. Mehr dazu finden Sie im neuen Smart Investor 6/2016, der zum Wochenende erscheint.


Zu den Märkten

Das Börsenthema, das zuletzt auch starken Einfluss auf die DAX-Entwicklung hatte, war das Gebot der Leverkusener Bayer AG für den US-Konzern Monsanto (s.o.). Der Vergleichschart (vgl. Abb.) zeigt zweierlei: Normalerweise laufen die Kurse beider Konzerne (hier auf EUR-Basis prozentual skaliert) in etwa parallel. Das ist nicht weiter verwunderlich, da beide den Weltmarkt bedienen und teilweise in verwandten Bereichen tätig sind. Sie unterliegen also – zumindest partiell – den gleichen Einflussfaktoren. Umso deutlicher fällt das Urteil der Börse zur möglichen Megafusion aus: Der klare Gewinner heißt Monsanto (schwarz), und der ebenso klare Verlierer Bayer.

Den Bayer-Aktionären erschließt sich die industrielle Logik des Deals bislang offenbar nicht – ganz im Gegensatz zum frisch gebackenen CEO Baumann. Die schiere Größe/Komplexität der Transaktion lässt die Anleger erst einmal auf Distanz zu den Leverkusenern gehen, zumal die erwartete Fusionsdividende niedrig und Monsanto nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt ist.

Beim DAX kam es erneut zu einem Richtungswechsel: Schon wieder passierte der deutsche Leitindex die 10.000 Punkte-Linie nach oben. Ob das inzwischen dreizehnte(!) Überspringen dieser „magischen“ Marke auf Schlusskursbasis (vgl. SIW 20/2016) den Bullen Glück, Reichtum und Gesundheit bescheren wird, ist nicht ernsthaft prognostizierbar. Im Moment befinden wir uns weiter in einer ausgedehnten Handelsspanne.

Fazit

Mit der geplanten Monsanto-Übernahme dreht der deutsche Bayer-Konzern ein ungewöhnlich großes Rad. Eine Transaktion, die an so viele gescheiterte Übernahmen deutscher Konzerne in den USA erinnert (Daimler/Chrysler, Telekom/ VoiceStream). Bereits der angedachte Preis deutet darauf hin, dass dies im Fall Monsanto nicht viel anders enden dürfte. „Ein einziger Wirkstoff genügt“, hieß es früher mal. Ein einziger Fehler vielleicht auch…
© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

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Ein Kommentar auf "Bei Kopfweh … soll Aspirin helfen, bei Größenwahn sicher nicht!"

  1. AblaBix sagt:

    Hmmm, die Monsanto-Aktie ist derzeit mit knapp US $110 bewertet.

    Das letzte Bayer Angebot von 62 Milliarden würde beim 2015’er Jahresgewinn Monsantos in Höhe von nur noch gut 3 Milliarden US-Dollar einen Kaufpreisfaktor von 20 bzw. eine Rendite von 5% ergeben…ja, dummerweise fällt der Gewinn weiter rapide ab wg. den bockigen Brasilianern…bei Fremdkapitalisierungskosten von 3% eine wahnsinnig verrückte Idee, in der Tat !

    In Anbetracht das Monsanto alleine im letzten Jahr einen katastrophalen Gewinnrückgang von fast 700 Millionen hatte, sollten sie froh sein das Bayer ihre abgewirtschaftete Giftküche überhaupt noch zu diesem Preis kaufen will.

    Logisch ist das alles nicht, allerdings könnte Bayer auch nur eine Marktbereinigung im Auge haben (meine Meinung) und könnte bei geschickt medialer Zerschlagung von Monsanto ein Ass im Ärmel haben.

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