Bedrohte Art des Jahres: Der Investor

15. September 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Der Dodo, der Wisent, der Büffel, der Tasmanische Tiger, die Wandertaube … sie alle wurden verfolgt, gejagt, ausgerottet. Die Stärkeren setzen sich gegen die Schwächeren durch. Und was die Fauna angeht, ist der Mensch – noch – immer am stärksten gewesen…

Was er essen, beseitigen, erbeuten will, das geht unter. In den letzten Jahrzehnten beginnt zwar ein langsames Umdenken. Doch die Zahl derer, die sich aus Angst oder Profitgier über jedes Gesetz zum Schutz bedrohter Arten hinwegsetzen, ist immer noch zu groß, um zu retten und zu schützen, was gerettet und geschützt werden müsste. Und in einigen Bereichen gibt es immer noch keine oder wenige Bestrebungen, diejenigen zu schützen, ohne die unser Ökosystem aus dem Gleichgewicht gerät. Denn nahezu jede verschwundene Tierart bedeutet Konsequenzen, weil sie als Jäger oder Opfer ausfällt. Und ganz am Ende der Reaktionskette steht der Mensch und schaut dumm und verwundert aus der Wäsche.

Und auch, wenn dieser Gedanke offenbar bislang wenig verbreitet ist: Das gilt auch für die Börse. Denn dort ist eine Gruppe vom Aussterben bedroht, die durch die vermeintlich Stärkeren gejagt und aus ihrem gewohnten Lebensraum, der Börse, vertrieben wird. Doch der erste Effekt leichter erzielbarer Profite und einfacherer Steuerung der Märkte wird ebenso wie im Tierreich dazu führen, dass das Ganze aus dem Gleichgewicht gerät. Und ob Ökosystem oder ökonomisches Gefüge, die Konsequenzen werden hier nicht weniger brutal sein.

Es ist daher an der Zeit, den privaten Investor als bedrohte Art innerhalb des Wirtschaftsgefüges auszurufen und einfach mal zu überlegen was passiert, wenn die Zahl dieser Investoren immer weiter sinkt.

Die Wirtschaft denkt letztlich wie die Politik. Ob Wähler oder Privatanleger – man braucht sie bisweilen, aber sie stören, weil sie immer nur im Weg rumstehen und sich erdreisten, eigene Meinungen zu haben und eigene Ziele zu verfolgen. Lästig, umständlich. Also: Weg mit ihnen. Wer am Aktienmarkt investieren will, soll gefälligst in Fonds oder Hedgefonds investieren. Da tun dann große Adressen mit unserem Geld, was sie für richtig halten.

Das zunehmende Tempo der Kursbewegungen am Aktienmarkt und die Tatsache, dass die Dominanz großer Adressen einerseits und daytradender Zocker andererseits immer öfter zu Trends führen, die jeder fundamentalen Basis entbehren, haben dazu geführt, dass der Privatinvestor immer mehr in Reservate abgedrängt wird. Nur diejenigen, die sich anpassen, indem sie stur anhand charttechnischer Eckpunkte traden, flexibel sind und regelmäßig einen Blick auf die Märkte werfen können, überstehen diesen Wandel. Der Rest landet im großen Reservat des passiv gemanagten Geldes … oder geht zugrunde.

Am Anleihemarkt ist man da momentan noch gewiefter unterwegs. Die lächerlich niedrigen Renditen, auch bei langen Laufzeiten, vertreiben den Sparer fast völlig aus diesem Segment. Und so reduziert sich die Gruppe der wichtigen Kreditgeber der Staaten auf große Adressen auf der einen Seite, andere Länder auf der anderen Seite und, allen voran, die eigenen Notenbanken. So braucht es nicht mehr das Geld der Bürger, um die Staatsfinanzierung zu gewährleisten, es wird einfach von den Notenbanken erschaffen … und die schieben es einfach von der linken in die rechte Tasche. Und wenn es dann doch in die Hose geht, schreibt man uneinbringliche Forderungen aus dem Anleihemarkt dort einfach mit einem Federstrich ab.

Allerdings darf man sich durchaus fragen, was man zu unternehmen gedenkt, wenn diese Farce zu einer Bauchlandung wird. Immerhin zeichnet sich ab, dass sich der Effekt einer künstlichen Wiederbelebung des Wachstums nicht einstellt. Irgendwie erinnere ich mich oft an diesen Coup mit Zypern. Enteignung der Sparer, um die Folgen fehlgegangener Kapriolen der Finanzwirtschaft zu reparieren. Eine Aktion, die nach einem kurzen Aufschrei schnell vergessen wurde. Aber in den Schubladen der EU liegt ein im Dezember 2013 beschlossenes Gesetz zur Bankenrettung, das grundsätzlich auch die Sparer mit einbezieht, wenn es brennt.

Und nach all den Jahren, in denen die Finanzindustrie sich, gelockt durch das Gratisgeld der Notenbanken, mit Aktien vollgestopft hat, die die Privatanleger eben nicht mehr gekauft haben, ist die Frage: Was passiert, wenn die Aktienmärkte kippen? Das wird zwar wegen des „billigen Geldes“ von vielen einfach ausgeschlossen. Aber auch, wenn aus der Mehrheit der vormals privaten Investoren passive Fondsanleger wurden, so haben diese doch immer noch die freie Wahl, ihr Geld auch wieder aus diesen Fonds abzuziehen. Wer würde das auffangen?

Noch mehr Notenbank-Kredite, um die fliehenden privaten Investoren vollends zu ersetzen? Sicher, wann man die Regelungen zur Eigenkapitalquote einfach wieder über den Haufen wirft (ei, warum auch nicht?) und die Großbanken diesen Irrsinn mitspielen, weil sie hoffen, dass die dadurch immer mehr anschwellenden Verbindlichkeiten sich schon irgendwann irgendwie wieder zurückführen lassen, kann man da eine Weile dagegenhalten. Aber da müssen nur ein, zwei „Große“ aus diesem Weg in den Wahnsinn ausscheren und ihre Bestände abbauen, und das Kartenhaus bricht zusammen. Und immerhin weiß man dort: Wer zuerst abhaut, kommt wahrscheinlich noch davon. Es wären wie immer die letzten, die dann von den Hunden gebissen würden.

Die Verdrängung des Privatinvestors aus seinem Lebensraum Anleihemarkt blieb durch das Füllen der Lücke durch Notenbanken zunächst ohne direkte Folgen. Aber am Aktienmarkt? Würden die Anleger ihr Geld auch nur in einigermaßen nennenswerten Umfang abziehen, müssen die Fonds verkaufen. Immerhin sind die Kapitalreserven zu gering, um nennenswerte Rückflüsse einfach mit Barreserven ausgleichen zu können. Das erzeugt Druck und fallende Kurse und führt zu einer Kettenreaktion. Und entsprechend einiger Statistiken scheinen die Anleger bereits seit zwei Jahren langsam ihr Geld aus in Deutschland investierenden Aktienfonds abzuziehen. Wieviel fehlt noch, damit das Ganze kippt? (Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "Bedrohte Art des Jahres: Der Investor"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Wie kann man nur mit so wenig Worten, soviel Wahrheiten sagen.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

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