Bauer sucht Frau, Depp sucht Zins

22. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Eine angemessene Bereicherung des mannigfaltigen Unfugs, den der Rundfunk verbreitet, ist die Sendung „Depp sucht Zins“ der großen Zentralbanken. Die derzeit gern zitierte Willkommenskultur hat dem Schwachsinn an den Märkten bereits freimütig Tür und Tor geöffnet. Die finale Frage: Gibt es schon vor Weihnachten einen Achtelpunkt?

Das Ende der Welt rückt jeden Tag näher. Das gilt in jedem Fall. Ob sich die Galgenfrist nun von zwei auf einen Tag oder von fünf Milliarden Jahren auf fünf Milliarden Jahre weniger einen Tag reduziert. Wer will das schon ganz genau wissen. Es gibt wichtigeres, geradezu existenzielles! Die einzig wichtige Frage für den dauernervösen Unterhaltungszweig der Finanzindustrie, das sind in etwa die 97% der Branche, die der Normalbürger in den Medien zu sehen bekommt, stellt auf Zinsveränderungen von Zentralbanken ab. Die Werte, um die es geht, könnten marginaler kaum. Sein. Wird es nun ein Viertel eines Prozentpunktes oder nur ein Achtel? Oder, man mag es sich kaum vorstellen, gibt es gar eine ausgefeilte Veränderung des aktuellen Zinskorridors auf einen neuen Korridor, möglicherweise sogar mit einer nichtleeren Schnittmenge der beiden? Der reinste Wahnsinn, was sind dagegen schon die banalen realwirtschaftlichen Flausen aus Produktion und Dienstleistungen?

Wohl und Wehe der Menschheit scheinen, wenn man das Brimborium denn ernst nehmen möchte, von dieser lächerlichen Entscheidung abzuhängen. Ökonomisch ist dies reiner Unfug, die Auswirkungen sind lächerlich. Daher verweist der Großaugure in Funk und Fernsehen (und im Handelsblatt) natürlich umgehend auf die wichtige „psychologische Komponente“. Das ist prima und erinnert an bekannte Hilflosigkeiten aus dem deutschen Rechts-und Bildungssystem. Drei plus drei ergibt zwar sechs, aber fünf und sieben ist bei schwerer Kindheit auch in Ordnung. Wenn einem absolut kein Grund mehr einfällt, die eigene Tätigkeit mit Fakten zu rechtfertigen, dann helfen nur weiche Faktoren. Es wie im wundervollen Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wer die Wichtigkeit des Zinsgeschwafels nicht einsehen will, der ist für sein Amt ungeeignet. Klappt immer noch die Nummer, fabelhaft.

Niemand will bestreiten, dass das menschliche Gehirn und seine nicht immer optimal an das Börsengeschehen angepassten Windungen in der Breite für manche Kapriole an den Finanzmärkten mitverantwortlich sind. Das gilt jedoch nicht nur für die Börse sondern auch für den Kauf von Buchstaben-Nudel-Tütensuppen (neue Rechtschreibung) und Bio-Pflastersteinen (aus Südafrika) für die heimische Terrasse. Glücklicherweise wird die Thematik bei Alltagsprodukten nicht so breit getreten wie vor dem Börsensaal. Abgesehen von den alljährlich wiederkehrenden „populärwissenschaftlichen“ Glanzlichtern mit Titeln wie „Abzocke beim Nudelkauf: Die Psychowaffen der Supermärkte“ darf sich der Zuschauer meistens ganz entspannt dem Werbeblock oder dem lehrreichen Informationsmaterial des Staatsfernsehens zuwenden.

In der Unterhaltungssparte der Finanzindustrie gibt es hingegen ganze Berufszweige, die sich der Sinndeutung von Zentralbankveröffentlichungen widmen. Die Bedeutung, die dem ganzen beigemessen wird ist, wenn man die verschwendete Sendezeit als Maßstab nimmt, abenteuerlich. Man hat den Eindruck eine ganze Horde von Fed-Watchern und EZB-Beobachter hätte nicht alle paar Wochen ein paar dumpfe Wiederholungen von Schwachrhetorikern wie Draghi oder Yellen auf dem Seziertisch sondern eine steinerne Truhe mit bisher unbekannten Büchern des Alten Testaments.

Man kann besseres mit seiner Zeit anfangen, als sich derartigem Unfug hinzugeben. Wer keinen Hang zum Masochismus hat darf sich beim Abschalten sicher sein, keinen Nutzwert zu verpassen. Einfache Regeln helfen beim Umgang mit den Sitzungen weiter.

Für Daytrader: Einen Fed- oder EZB-Tag lieber am See oder mit dem Buch vor dem Kamin verbringen – je nach Jahreszeit. Für Investoren: Das Geschwafel nicht ernst nehmen.

Ein Markt kann auch ohne Zinserhöhung fallen, steigen oder  auch kollabieren. Es ist nervtötend und nutzlos sich ein Jahr oder länger mit Debatten darüber ob, wann und um wieviel die Zinsen von wem auch immer angehoben oder gesenkt werden zu beschäftigen. Was will man eigentlich mit der unsicheren Einschätzung anfangen? Alle Bestände abbauen und sie danach wieder aufbauen? Viele Grüße an den Steuerberater und an die Transaktionskosten. Oder etwa alle Positionen adjustieren? Tolle Idee, aber wie?

Es ist schlichtweg nicht möglich auf Grund vollkommen vager Informationen und noch unsicherer Auswirkungen sinnvolle Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen. Jetzt gibt es eine sechzehnprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Anhebung im Oktober. Und jetzt? Das ist ja nur eine Variable, vielleicht sind es morgen 14% oder auch 20%. Wer weiß. Und dann?

Vergessen Sie es. Natürlich sollte man die Zinsen im Blick behalten (vor allem die am langen Ende), aber das gilt für viele andere Faktoren auch. Verzichten Sie auf Zinspropheten und nutzen Sie die gewonnene Zeit, um das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren und lassen Sie Ihre Entschlüsse lieber darauf fußen. Oder gehen Sie auch an den See. Noch besser in dieser Jahreszeit ist der Platz vor dem warmen Ofen. In dem können Sie dann alle Fed-Veröffentlichungen und die Reden der EZB-Beamten verbrennen. Da wird einem richtig warm ums Herz. Mindestens ein Achtel Grad.

 

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8 Kommentare auf "Bauer sucht Frau, Depp sucht Zins"

  1. toter_esel sagt:

    Käfer sucht Käufer… VW Vz. haben seit April 50% eingebüsst
    Update: jetzt sind´s schon 51%…

    • toter_esel sagt:

      Jetzt hätt´ ich ja fast den Standardsatz eines typischen Volontärs vergessen (frisch von der Uni, jung und braucht eigentlich Geld):

      „Edelmetalle werfen weder Zinsen noch Dividende ab, verursachen hohe Lagerkosten und können noch weiter fallen.“

      Bei dem Satz beisst ein treuer Commerzbank-Aktionär wahrscheinlich in eine Teppichkante, deren IQ in etwa 99% höher ist als… ja, als wer jetzt?

  2. Insasse sagt:

    So so…CAFÉ ROTT…Das Bankhaus expandiert und diversifiziert also bereits in andere Geschäftsfelder…Gefressen wird ja bekanntlich immer…Kredit aufgenommen dagegen nicht…Ein deutliches Zeichen also, dass der aktuelle Kreditzyklus dem Ende entgegen geht…;-)

    Viel Erfolg mit dem Café schonmal vom Insassen

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Insasse,

      leider ist das Café trotz des sehr attraktiven und gut gewählten Namens nicht in unserem Besitz. Vielleicht bietet sich aber eine Übernahme an – bei den Zinsen 😉

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Sebastian sagt:

        Das ist aber Schade. Ich dachte schon, bei euch gibts Café d’Oro und mit Goldbarren gefüllte Apfelstrudel. Das ganze auf dem Silbertablett natürlich.

      • Insasse sagt:

        Hallo Bankhaus Rott,

        eine kreditfinanzierte Übernahme (noch besser klingt ja „M&A“) ist immer gut. Da muss man nicht lange (selber) drüber nachdenken. Das machen andere für Sie. Ein wenig Eile ist mit Blick auf die Zinsen aber schon vonnöten. Die FED wird diese nämlich auf jeden Fall demnächst irgendwann, könnte jedenfalls sein oder auch nicht, um hammerharte 0,25 Prozent, gerne aber auch weniger, um „die Märkte“ nicht zu verschrecken, erhöhen. Und ob sich die Investition dann noch rechnet??? Allenthalben gilt: Man weiß es nicht…

        Daumendrückende Grüße vom Insassen

  3. bluestar sagt:

    Liebes Bankhaus,
    das Cafe‘ ist vielleicht nett aber besser wäre doch DER CAFE‘ ROTT.
    Also DIE Marke, welche immer frisch, gehaltvoll, anregend, leicht und locker mundet.
    Die Sorte für Aufgeklärte, Denker, Aufgeschlossene und kritische Geister mit Anspruch.
    Und das Beste: Diese Sorte schmeckt und wirkt, auch wenn man sie nicht trinkt sondern liest.
    Also wenn das keine grandiosen Alleinstellungsmerkmale sind…

  4. Lickneeson sagt:

    „Man kann besseres mit seiner Zeit anfangen, als sich derartigem Unfug hinzugeben“.

    So ist es, leider schon seit Jahren. Ich erinnere nur an das Volumen von Greenspans Aktentasche…das Neulinge an den Märkten begierig den „Meistern“ lauschen mag noch normal erscheinen. Was Experten und Journaille da treiben ist eigentlich nur erbärmlich und pubertär.

    Es bleibt dabei – stets selbst denken, ein Bild machen und hart arbeiten.

    MfG

    Kann man auch mit dem See an den Kamin????

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