Banken für die Rente

16. November 2010 | Kategorie: RottMeyer

vom Bankhaus Rott

Schöne Worte waren unlängst aus Irland zu hören. Nicht für den Staat sondern für die Banken wird Geld benötigt – ah, ein Glück. Was soll diese Aussage suggerieren???

Die Banken noch zur Privatwirtschaft zu zählen bietet sich in den meisten Ländern der westlichen Hemisphäre nicht mehr an, abgesehen von direkten staatlichen Eingriffen, beispielhaft sei hier die Dauerstützung der Commerzbank via Eigenkapitalspritze genannt, überleben große Teile des Sektors nur dank der weit reichenden impliziten Maßnahmen. Angefangen bei expliziten staatlichen Garantien führen die oft hektisch durchgewunkenen Programme hin zu massiven Aktionen, wie der amerikanischen, europäischen und britischen Variante des euphemistisch quantitative easing genannten Vorgehens, das bekanntlich nichts anderes als das Stopfen wachsender Löcher mit neuem Geld darstellt.

Dieser Sektor also, der blass durch die Flure des Wirtschaftshospitals schleicht und dabei seinen Infusionsständer vor sich her schiebt, braucht Geld. Der Staat braucht also kein Geld, nur die Banken brauchen Geld, dass sie wegen weiter in Auflösung befindlicher Bilanzen nicht selbst auftreiben können, so dass der Staat eingreifen muss, dem es ja eigentlich prima geht. Ein interessanter Gedankengang, der entweder vollständiges Unverständnis oder eine gespaltene Persönlichkeit voraussetzt.

Nun sind die Probleme Irlands weder neu noch überraschend aufgebrochen. Der Kollaps des Immobiliensektors vollzieht sich nach dem gleichen Muster wie in anderen Ländern, die einen kreditfinanzierten Boom hinter sich haben, der zu aberwitzigen Preisen am Häusermarkt führte. Das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital stieg stetig an, das Angebot an Geld schob den Markt unabhängig von der realen Nachfrage unwiderstehlich an. Besonders an der Situation der aufgeblasenen irischen Hotelbranche ließ sich dies schon sehr frühzeitig ablesen.

Der Weg der Annäherung der Verschuldung an halbwegs begründbare Werte der Räume ist mittlerweile in Gang gekommen. Allerdings sacken die Werte der Immobilien auf Grund zum Erliegen gekommener Nachfrage weiter ab, so dass der Abbau der Verschuldungsquote überhaupt nicht Schritt halten kann. Die sich auftuenden Löcher finden sich folgerichtig in den Bilanzen der irischen Banken, die ohne staatliche Hilfen schon längst über den Shannon gegangen wären Angesichts einer scheinbar nicht sonderlich sorgfältigen Kreditvergabe wäre dies nicht verwunderlich sondern schlicht die Folge schlechten Wirtschaftens.

Einer der Streitpunkte innerhalb der EU ist aktuell die Forderung, die Geldgeber der Banken, sprich die Aktionäre und Bondholder, sollten an den „Kosten der Insolvenz beteiligt werden“. Welch revolutionärer Gedanke! Diesen Punkt überhaupt als „neuen Vorschlag“ zu präsentieren erfordert schon eine gewisse Dreistigkeit. Wofür haben die Investoren eigentlich vor der Pleite die Zinsen und Dividenden ihrer Papiere genossen? Dafür, dass sie es geschafft haben, eine Kauforder einzutippen? Respekt, wir würden diese enorme Leistung auf einen Wert von ca. €500.000 p.a. taxieren. Immerhin schafft dies nur, wer eine langjährige Ausbildung genossen hat, des Lesens halbwegs kundig ist und dazu noch den schwierigen Prozess einer Anmeldung am Bloomberg Terminal in den Griff bekommt. Über diesen Punkt zu streiten und gleichzeitig von Marktwirtschaft zu sprechen kann allenfalls als schlechter Witz durchgehen.

Das irische Budgetdefizit wird zur Zeit auf 32% des BIP taxiert. Das ist nicht nur zehnmal mehr als gemäß der Maastricht Kriterien „erlaubt“ ist. Es ist auch das Zehnfache des Defizits von Äthiopien und mehr als viele asiatische Volkswirtschafen als gesamte Staatsverschuldung vorzuweisen haben. Der hohen Zahl zum Trotz darf getrost von einem weiterhin hohen, in den Bankbilanzen lauernden Potenzial für weitere Defizite ausgegangen werden. Warum es die ausgewiesenen Fachleute in den Finanzinstituten bis heute nicht schaffen, innerhalb von gut zwei Jahren eine zumindest halbwegs ernstzunehmende Schätzung der nötigen Mittel vorzulegen, ist fraglich. So schwierig sollte die Bewertung eines Kreditbuchs nicht sein. Wenn ein Institut sogar dazu nicht in der Lage ist, hat es am Markt nichts zu suchen und sollte seine Banklizenz lieber im Internet versteigern.

Die Frage, ob Irland zahlungsunfähig ist oder nicht, stellt sich nicht. Das Land ist, wie andere westliche Staaten, nicht dazu in der Lage, sich am Markt zu refinanzieren. Von der Fähigkeit zur Rückzahlung der Schulden sind auch viele andere Länder so weit entfernt, dass so etwas eher in die Kategorie Mythen und Legenden gehört.

Wenn man über Anleihekäufe der EZB die Besitzer derartiger Papiere, also größtenteils Banken und Versicherungen, stützten möchte, so darf man dies ruhig offen sagen. In einem demokratischen System wäre dies sogar begrüßenswert, kann doch dann jeder für sich entscheiden, ob er ein solches Gebaren für richtig oder falsch hält. Die derzeit auf der europäischen und internationalen Bühne aufgeführte Farce wird zunehmend schwer erträglich. Ein solches Vorgehen zu verschleiern und im Nachhinein derart zu verklären, dass der Eindruck erweckt wird, es sei demokratisch legitimiert, führt sicher nicht zu einem Wiederaufbau der geschundenen Glaubwürdigkeit.

Die Aussichten sind weiter trostlos, aber ein Verschweigen der Zahlen macht es nicht besser. Kürzlich erhielt die Anglo Irish Bank erneut €6,4 Mrd. an Eigenkapital, in tutto belaufen sich die Kosten für dieses Institut alleine auf nunmehr rund €29 Mrd. Einige Milliarden sollten sich in den kommenden Quartalen noch hinzugesellen. Die zweitgrößte Bank der Insel, die Allied Irish Bank benötigt €3 Mrd. frisches Eigenkapital, zusätzlich kommen noch €7,2 Mrd. vom öffentlichen National Pensions Reserve Fund hinzu. Diese Vehikel hat eigentlich einen etwas anderen Zweck, wie der Name bereits vermuten lässt.

The National Pensions Reserve Fund was established in April 2001 to meet as much as possible of the costs of Ireland’s social welfare and public service pensions from 2025 onwards when these costs are projected to increase dramatically due to the ageing of the population. No money can be drawn down before 2025 and, from then on, drawdowns will continue until at least 2055 under rules to be made by the Minister for Finance. By spreading the Exchequer burden arising from Ireland’s additional pension commitments over a lengthy period, these drawdowns will contribute to the long-term sustainability of the pension system.

Kaum zehn Jahre alt, gegründet für eine Periode, die erst in 15 Jahren beginnt, und schon wurden Prinzipien über Bord geworfen…

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