Bananenschalen in Bananenrepubliken

9. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Erstaunlich, dass die Welt nicht voran kommt, obwohl die Zahl der Wissenschaftler schneller wächst als das Bruttoinlandsprodukt. Die Welt ist nicht besser geworden, aber anders. Aus der Hauptzentrale zur Umleitung von verirrten Kometen gibt es Neuigkeiten. Die Lage für den Bundespräsidenten bleibt hoffnungslos, aber fantastisch gut…

Wir sehen uns konfrontiert mit einem Orkan an Schlagzeilen, einer Mischung aus Umfragen, Optimismus, Intrigieren und Schmutz. Das Letztere ist am spannendsten. Es befleckt Hirne, verstopft Ohren und lässt den Blick verschwimmen. Alle haben die Gemeinsamkeit zu verwirren –  Politik zwischen Erfolg und Niedergang, zwischen „wird schon wieder“ und vorwärts immer im Wettkampf mit der Realität.

Warum beißt man sich nur an diesem Bundespräsidenten fest? Er tat doch nichts, zumindest hat er keinen solch großen Schaden angerichtet wie ihm nachgesagt wird. Er hat vielleicht den Fehler gemacht, nicht in die Wirtschaft gewechselt zu haben, sondern in der Politik geblieben zu sein. Vielleicht tat er nur das Übliche? Und woher soll er nach Jahren in erlauchten  Kreisen wissen, was richtig und falsch ist? In der Wirtschaft hätte er einem seiner Hobbys, Kreditzinsen zu sparen, besser nachkommen können. Es wäre gar nicht aufgefallen. Er ist ein Mensch. Außerdem ist die Gewinnoptimierung heutzutage das Pflichtprogramm nicht nur in börsennotierten Konzernen.

Filmregisseur Dieter Wedel sollte einen Film drehen. Ach ja, tut er ja bald schon…

Wer andern eine Grube gräbt…

Was hat Wulff falsch gemacht? Vielleicht war er verbal zu streng gegenüber den Banken, als er eine Rede hielt? Sind die Journalisten nachtragend gewesen, als er eine ISO-Norm für sie forderte? Waren es andere unliebsame Äußerungen gegenüber wem auch immer? Wir wissen es nicht, vermuten nur, das Spektakel geht seinem Höhepunkt entgegen.

In den Zeitungen steht, die Pressefreiheit wäre in Gefahr. Die Bildzeitung rettet sie gerade, so der Eindruck. Es stellt sich die Frage, wer Wulff damals medial geholfen hat. Wir Journalisten erinnern uns gut an das Frühjahr 2011. Dort sagte der Bundespräsident bei der Eröffnung der Hauptzentrale der Nachrichtenagentur dpa, dass eine ISO-Norm für Journalisten wünschenswert wäre.

Nach seinen Vorstellungen sind Medien nötig, „die eine neue Art der Qualitätssicherung, quasi eine ISO-Norm für den Journalismus einführen, auch um die eigene Existenz zu sichern“… Es seien Journalisten gefragt, „die Verantwortungsbewusstsein zeigen, die glaubwürdig sind“, sagte Wulff. (Quelle)

Niemand schrie auf. Hat sich niemand getraut? Vielleicht ist jetzt alles der Bumerang. Wer weiß, wenn er eines Tages sein Amt zurück gibt oder aus selbigem getragen wird, ist er dann weg von den nicht vorhandenen Schalthebeln im Schloss Bellevue, die ISO-Norm-Debatte aber nicht vom Tisch. Wenn man sich ansieht, wie viele der Meldungen aus Agenturen stammen und per Copy-Paste ihren Weg in die medialen Kanäle finden, gibt es diese vielleicht schon – und zwar nicht in den chronisch unterbesetzten Redaktionsabteilungen der Sendeanstalten und Schreibspecht-Abteilungen.

Es ist spannend und erschütternd zugleich – wenn Kaiser nackt herum laufen und das Volk sich empört, vergleichbar mit falsch gesetzten Pfiffen eines Schiedsrichters in einem Fußballspiel. Erstaunlich auch, dass Vergangenheiten das tun, was ihnen nachgesagt wird, ihren Erschaffern beharrlich im Dunkel zu folgen. Und dann schaltet jemand eine Lampe an. Doch wer sitzt am Schalter?

Was für ein Schauspiel, das da gerade geboten wird. Ein lustiges Ausrutschen auf Bananenschalen. In Bananenrepubliken fallen diese öfters zu Boden und verursachen Schwierigkeiten und für andere Lachen oder Empörung. Um an wichtige Meldungen zu kommen, muss man heute die Bilder und Buchstabenansammlungen über einen Mann im Schloss Bellevue weg klicken und versuchen hinter sich zu lassen, ohne dass der aus dem Mund aussteigende Schaum die Sicht der Dinge behindert. Die wahren Aufreger in Sachen Umbau Europas und die damit verbundenen Rechtsbrüche treten in den Hintergrund. Kaiser dankten früher ab. Politiker, die Fälle mehren sich, müssen öfters festgeklebt auf ihrem Stuhl aus der Burg getragen werden. Doch da ist niemand, der bereit wäre, die Lehnen des Stuhls zu packen.


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11 Kommentare auf "Bananenschalen in Bananenrepubliken"

  1. FDominicus sagt:

    Das ist fies, das habe ich schon in diversen Blogs angeprangert. Sowas von Verschleierung muß einem erst mal einfallen. Und im Hintergrund wird kräftig weiter an der Zementierung des Rechtsbruchs gearbeitet:
    eins
    http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/01/35155/

    zwei
    http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/01/35102/#

    cha cha cha.

    Ach „faszinieren“ wie die USA „unterauchen“ vielleicht hat Bernank ja eine neue
    Stealth technologie gefunden. „Geld drucken und nicht darüber reden“

    Oder lass mal die blöden Europäer ran oder was weiß ich.

  2. samy sagt:

    „Es ist spannend und erschütternd zugleich – wenn Kaiser nackt herum laufen und das Volk sich empört, vergleichbar mit falsch gesetzten Pfiffen eines Schiedsrichters in einem Fußballspiel…“

    Immerhin, das Volk hat schon den ersten gelben Schuh gezückt. Noch eine Schwalbe, und es zieht die roten Pömps!

    VG

  3. Avantgarde sagt:

    “ Vielleicht war er verbal zu streng gegenüber den Banken, als er eine Rede hielt? Sind die Journalisten nachtragend gewesen, als er eine ISO-Norm für sie forderte? Waren es andere unliebsame Äußerungen gegenüber wem auch immer?“

    Nö – an dieser Stelle greifen VTs zu kurz.
    Dominique Strauss-Kahn war schon mehr als komisch – aber das hier ist Millieubezogen völlig normal.

    „Was hat Wulff falsch gemacht?“
    Schlicht zu DUMM zum….. (tschuldigung)

    Wer jahrelang mit Journalisten arbeitet und dann auf einem ANRUFBEANTWORTER auch noch den manifestierten Beweis für ein nicht ganz demokratiekonformes Verhalten hinterlässt dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

    Und ganz generell:
    Wenn ich an Weizsäcker oder auch Herzog denke dann ist der jetzt amtierende auch eine ziemlich blasse Nummer – viel verlieren würden wir da eh nicht.

    Für die Regierung wäre ein Verlust freilich ein kleiner GAU.
    Erst wirft Köhler hin und dann noch ein Totalausfall – beide aus dem Regierungsnahestehenden Lager.
    Deshalb soll er wohl bleiben – nur deshalb.

    • samy sagt:

      Hi,

      witzig fande ich, dass Wulff bei diesem Anrufbeantwortern anscheinend vom vom „wir können dann“ und „wir werden“ sprach. Erinnerte mich an den Pluralis Majestatis. Die Borgias, falls du die ZDF-Reihe gesehen hast :-).

      Na egal, natürlich hat er es (bewusst) nicht so gemeint, jedenfalls sagt die Wiki dazu

      „… Der Pluralis Majestatis (auch: Maiestatis) ist die Bezeichnung der eigenen Person im Plural als Ausdruck der Macht. Hintergrund der Wahl der Mehrzahl ist, dass Monarchen oder andere Autoritäten immer für ihre Untertanen beziehungsweise Untergebenen sprechen und gleichzeitig eine Hervorhebung der eigenen Person stattfindet….“

      VG

      • Frank Meyer sagt:

        Borgias! Welch guter Einwurf! Der Film war Klasse.

      • Avantgarde sagt:

        Die ZDF-Reihe hab ich nicht gesehen.

        Aber vielleicht bist Du ja näher an der Wahrheit als Du selbst glaubst.

        Könnte schon sein, daß ihre Durchlauchtigkeit kurz die Contenance verloren hat und dem Schreiberling mal kurz ansagen wollte wie das zu laufen hat.
        🙂

        • samy sagt:

          Ja, im Sinne unbewussten Äußerung will ich das gar nicht mal ausschliessen. Wie dem auch sei, faktisch hat er sich selbst damit ein Mitspracherecht eingeräumt. Wörtlich soll er u.a. gesagt haben: „…dann entscheiden wir, wie wir Krieg führen“. Wer ist „wir“?

          Jawohl, Rodriguez Borgia! Lass die Schweizer Garde aufmarschieren 🙂

          VG

          PS: Gutes Nächtle, uns wird schläfrig

          • Avantgarde sagt:

            Hätte nur noch:
            „L’État, c’est moi“
            gefehlt.

            Dann könnten jetzt die Jungs mit dem Jäckchen ausrücken und die Sache wäre gegessen.
            🙂

            n8

  4. Wollen sagt:

    „Er müsse noch lernen“,aha dachten sich alle,der Praktikant Wulff,wie Herr Jauch sagte.Da fand ich den Rechtsanwalt richtig gut,Moral,Ethik von der Seite aus betrachtet.

    Nach sechs Ministern einen geopferten Bundespräsidenten, der die Wahrheit sagte,ist die deutsche Regierung nur noch ein Schatten,ne besessene,die unbedingt Kohls illusionistischen Traum weiterträumt ohne Verluste innerhalb und außerhalb.
    Einen egoistischen Machtanspruch präsentiert zum Selbstschutz,zum Schutz ihrer Partei gegen die Öffentlichkeit regiert,modernes Regieren…

    Wie kann ich negatives noch gut relativieren,oder gar in das positive.Die große Kunst der merkelschen Regierung.

    Herr Wulff ist die Ausrede der Ausrede, schlechter geht es nimmer,zum einen, weil er bewusst oder unbewusst auch die Frage stellt, ob das Amt des Bundespräsidenten heut als überflüssig gelte.

    Kann eine Demokratie nicht gelebt werden in dem heut immer öfter die repräsentierte Macht gegen über den Bürgern von Freundschafts,Begünstigungen,Amtsmissbrauch,untergraben wird, wenn man ehrlich ist.

    Langsam entsteht der Eindruck ein demokratisches System, wo doch nur Willkür vonseiten der Politik die Mächtigen, das Volk der Lächerlichkeit preisgeben, wir die dummen ehrlichen,die Qual der Wahl an der Wahlurne, Versprechungen, wo nach zwei Jahren alles in Luft auflöst, wird..,wem kann ich Vertrauen?
    Wer spricht die Wahrheit?

    Wir werden es schon nach einem Jahr vergessen,Herr Wulff was haben sie für ein innerliches Menschbild von uns ehrlichen, was sie in sich tragen?

  5. kettensprenger sagt:

    Das Problem: So lange 2 plus 2 vier sind, haben wir einen korrupten Bundespräsidenten. Als Ministerpräsident hat er von Maschmeyer oder vom zwischengeschalteten Bauunternehmer 500.000 Euro kassiert, mit einem anonymen Scheck. Es gab nirgends einen Zusammenhang mit einem Kredit. Es gab auch keinen Grundbucheintrag, keinen Kreditvertrag, und auch sonst nichts, was typisch wäre für einen Hauskredit. Dann wurde ihm die Sache zu heiß, und er hat eine abstruse Story um einen angeblichen Kredit der Unternmehmersgattin konstruiert. Die Strohfrau war dann zu offensichtlich. Dann will er mit einer Bank den Kredit abgelöst haben. Die Bank bestreitet das, usw., siehe FAS unter http://www.faz.net/aktuell/politik/wulff-affaere-im-praesidentenpelz-11596855.html und tp unter http://www.heise.de/tp/artikel/36/36202/1.html

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