Bahnsinn!

9. September 2010 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Wenn einer eine Reise tut… Sie kennen das ja. Nun hat es mich aus meinen heimischen Gefilden nach Berlin verschlagen. Was liegt näher, als sich entspannt, schlafend, dösend oder lesend in die Bahnsessel zu kuscheln… Denkste!

Gernsheim. Bahnhof. 7.11 Uhr. Die Sonne geht auf. Perfekter „Halt“ – nur fünf Minuten zu spät. Das Wetter-Taft klebte vielleicht auf der Schiene. Der Anschlusszug…! Beim ungewollten morgendlichen Jogging zum nächsten Zug stellte ich dann doch aufatmend fest, dass auch dieser fünf Minuten Verspätung haben würde. Der Tag war gerettet. Und so zogen sich die Verspätungen auch über den weiteren Anschlusszug über Hannover nach Berlin fort – fünf Minuten zu spät. Wie sich Leute darüber aufregen können… Wenn die Bahn mehrmals am Tag die Uhr um fünf Minuten vorstellte, würde es mit der Pünktlichkeit klappen, dachte ich. Dafür ist die Pünktlichkeit im Erhöhen der Fahrpreise garantiert.

Snack-Attack 1

Wer durch die Gegend rennt und die Nerven fast verliert, muss stark sein. Dafür sorgt im Bordrestaurant der reich gedeckte Frühstückstisch. So jedenfalls säuselt die Stimme aus dem Lautsprecher. Brötchen, Brot, Marmelade und kostenlos nachgeschenkter Kaffee, bis die Herzkranzgefäße glühen, gehören inzwischen zum neuen Service. Macht schlappe 16 Mark, Pardon, nur 7,90 Euro. Mit etwas Schwarzwälder Schinken macht fast nen „Zwanni“, hätte man früher gesagt bzw. günstige 9,90 Euro. Das Angebot wird nach jedem zweiten Halt in Deutsch und Englisch wiederholt. Wieso eigentlich nicht auch in russisch, chinesisch, französisch und Esperanto? Ein Fall für die EU-Aufsicht…

Snack-Attack 2

Wessen Hintern dennoch nicht den Weg in das Bordrestaurant mit all seinen leckeren Schlauchsuppen und aufheizbaren Speisen finden möchte, wird heutzutage auch mit Leckereien am Platz verwöhnt. Die Snack-Attack liefert der „Mini-Caddy“. Der was? Ich wollte einen dreifachen Wodka, morgens halb zehn in Deutschland – und eigentlich nur schlafen. „Bitte halten Sie die Gänge frei…“, entfuhr es dem Lautsprecher. Es gab keinen Wodka. Doch mal ehrlich. Wer träumte früher nicht davon, mit Speis und Trank verwöhnt zu werden und dabei lustig durchs Internet zu surfen, wenn es funktioniert?

Die Bahn… läuft`s gut, steigend die Bezüge der Chefs. Läuft`s schlecht, steigen die Fahrpreise. Noch halb im Schlaf fragte ich mich, warum noch niemand auf die Idee gekommen sei, viertelstündliche Werbebotschaften durch die Lautsprechanlage zu schicken. Damit könnte man doch den Service erhöhen – vor Ort und überhaupt. Man könnte neue Schokoladensorten anpreisen, Automarken, Finanzdienstleistungen oder auch die neuen Angebote aus dem Bonusprogramm. Sagen Sie es bloß nicht weiter – sonst passiert das auch noch.

Berlin- wie haste Dir verändert…

Der Hauptbahnhof ist wirklich ein Prachtstück geworden, auch wenn damals einige Scheiben aus der Glasfront herausfallen wollten. Was hat das Ganze gekostet? 1,6 Milliarden Euro? Hey! Dafür bekäme Stuttgart mindestens vier solcher Bahnhöfe. Die Sachen werden eben irgendwie immer teurer. Aber es ist faszinierend, wie man wieder Dinge repariert, die ganz gut funktionieren. Berlin ist wirklich pleite, aber sexy. Stuttgart bald auch. Die Bahn keines von beidem.

Wieso regen sich die Leute eigentlich so gerne über Verspätungen auf? Das ist vielleicht wie mit dem Wetter. Die vier Feinde der Bahn kennen Sie ja: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Man hat immer ein Gesprächsthema. Es hat aber etwas Gutes, denn beim Aufregen kommt man sich an der Bahnsteigkante oder im Waggon manchmal sehr nahe. Gibt es Statistiken darüber, wie viele Pärchen sich auf der Bahn getroffen haben, während des kollektiven Schimpfens über den Ausfall oder die Verspätung eines Zuges? Im Stau auf den Autobahnen ist diese Sache schon etwas schwieriger. Und dabei muss man der Bahn wirklich zugute halten, dass die Anschlusszüge oft warten. Deshalb ist das Vordrehen der Uhr um fünf Minuten gar nicht so eine schlechte Idee. Was halten Sie davon? Wahrscheinlich gar nichts. Denn man hätte nichts zu schimpfen. Doch auch das soll sich ändern..

Winter-Chaos, Klimaanlagen-Ausfälle, Verspätungen und Zugausfälle – die Deutsche Bahn will jetzt gegen ihren ramponierten Ruf durchgreifen. 330 Millionen Euro sollen in eine „Kunden- und Qualitätsoffensive“ für die nächsten Jahren gesteckt werden. Das kündigte Bahnchef Rüdiger Grube an. (Quelle: Bild.de)

Das mit dem Service ist nun wirklich nicht mehr zu toppen. Und ganz nebenbei wird übersehen dass man in Bahnhöfen und im Zug gratis Englischkurse im Entschuldigen bekommt. So fragte eine neben mir wartende Frau, was denn dieses ständig hörbare „wii appolodscheis“ bedeuten würde. Hmmm… „Wir bedauern.“ sagte ich. Wenn die Bahn bei jedem „apollodscheis“ einen Euro für einen guten Zweck spenden würde, die Welt wäre besser. Und nicht nur das. Es wäre auch noch Geld übrig, um Stuttgart mit vier Bahnhöfen zu beschenken. Das wäre doch Bahnsinn. Oder?

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