Bad news are good news

6. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Mehrere meiner Kollegen sind der Meinung, dass die Jahresendrallye, von der negativen Gemengelage mal abgesehen, alleine deshalb nicht stattfinden könne, weil alles und jeder daran glaubt. Tja…

Grundsätzlich ist diese Überlegung ja richtig, denn wenn Börsianer an ein noch bevorstehendes Ereignis glauben, tun sie das ja nicht, ohne bereits mit eigenen Positionen auf dessen eintreten zu setzen.

Was bedeutet: Wenn alles und jeder vorkauft, gehen dem Markt die Käufer aus und es kann sehr leicht auf einmal in die Gegenrichtung gehen. Nämlich dann, wenn die Akteure merken, dass da gar niemand zugreifen will und dann, meist alle zugleich, doch lieber aus ihren Positionen aussteigen. Aber!

Es ist ja nicht nur der verdächtige Umstand, dass die Jahresendrallye-Skeptiker sich bei mir hochkant stapeln, sprich alles und jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben und deswegen nicht daran glauben, dass die Rallye kommt (vereinfacht ausgedrückt). Nein, in meinen Augen geht es momentan auch weniger darum, was Privatanleger und Marktstrategen denken. Diese Phase ist von zwei Elementen geprägt:

Zum einen von den Performance-Zwängen der institutionellen Investoren. Diese würden die angesichts des negativen Umfelds unerwartet hohe Performance an den Aktienmärkten natürlich nur zu gerne werbewirksam ausbauen. Im November schien es noch, als würde sich die Mehrheit für die Sicherung des Erreichten und die Absicherung der Performance durch Short-Positionen entscheiden. Aber als die Notierungen vor zweieinhalb Wochen auf dem Absatz kehrtmachten, galt für die Fonds, Hedge Funds, Versicherungen und Pensionskassen „alles rein – und zwar schnell“. Es ist momentan nicht sehr wahrscheinlich, dass man die Entscheidung, ein nun doch bullish ausgerichtetes Window Dressing durchzuführen, bei allzu vielen „Großen“ in den verbleibenden drei Handelswochen revidieren wird.


Zum anderen von der Hoffnung, dass die „Fiscal Cliff“ in den USA umschifft werden kann. Sprich Budgetkürzungen und der Wegfall von Steuererleichterungen ausbleiben und die US-Wirtschaft somit nicht in die Rezession abrutscht, weil sich die US-Politiker rechtzeitig zum Jahresende auf einen Sparhaushalt einigen werden. Nun hatte ich zwar in einer der letzten Kolumnen erläutert, warum das alles dennoch für die Katz sein wird. Aber das juckt jemanden, der hofft, weil er Long ist und Long ist, weil er hofft, nicht im Mindesten. Die wahrgenommene Realität ist selten die echte … und spielend leicht den eigenen Hoffnungen angepasst. Dass Akteure im Vorfeld der Entscheidung in den USA in größerem Maße aussteigen, halte ich daher für unwahrscheinlich, es sei denn, es kommt wirklich ein negativer „Klops“ daher, der ebenso gewaltig wie unerwartet ist.

Hinzu kommt, dass die Börsentendenz letztlich vor allem eine Frage der Stimmung ist. Und ob diese auf einer bewusst oder unbewusst schöngefärbten Realität beruht oder auf wirklich positiven Fakten, ist kurzfristig egal – zumindest so lang, bis die de facto überaus finstere Realität der hinsichtlich Verschuldung und Wachstum bis zum Ende durchmessenen Sackgasse wieder massiv in den Vordergrund tritt. Aber das braucht a) den Wegfall der Zugkraft des Window Dressing zum Jahresultimo und b) markant negative Nachrichten, die ich eigentlich erst wieder im Januar erwarte.

Der negative „Kleinkram“, den wir momentan als permanenten Nieselregen verabreicht bekommen, reicht meines Erachtens nicht aus, um diese Kombination aus Hoffnung und Performancedruck zu egalisieren. Downgrade der Rettungsschirme oder gar Deutschlands und der Niederlande – letzteres wird gerüchteweise herumgereicht? Nun gut, macht doch nichts … dann kommt wenigstens in den nächsten Monaten keine Herabstufung mehr nach. Boehner motzt, Obama zweifelt? Na ja, man wird sich ja trotzdem bis zum Jahresende in den USA einigen, etwas anderes wäre schlicht undenkbar. Solange die Stimmung hoffnungsschwanger bleibt, sind auch schlechte Nachrichten gute Nachrichten. So ist die Börse nun mal!

Der Witz ist ja dabei, dass jeder einigermaßen intelligente Mensch weiß, dass die Herabstufungen ihre Gründe haben und hinsichtlich der Eurokrise nichts, aber auch gar nichts gelöst wurde, was die eigentlichen Probleme angeht. Und diese Anleger wissen eigentlich auch, dass ein fauler Kompromiss halbherziger Sparmaßnahmen in den USA ebenso fatal wäre wie massive Sparmaßvorgaben, die die Konjunktur abwürgen. Sprich die USA sitzen tief im Matsch fest und jeder könnte sich darüber im klaren sein. Aber je größer die Bedrohung, je größer die Angst, desto größer ist zugleich die Bereitschaft, sich selbst in die Tasche zu lügen und sich das düstere Umfeld rosarot zu malen … vor allem, solange die Kurse steigen und es den Marktteilnehmern so leicht machen, zu hoffen und weiter zu kaufen.

Aber wenn zu Zwecken des Window Dressing angehäufte überschüssige Bestände zu Beginn des Neuen Jahres plötzlich wieder abgestoßen werden und man Zeit genug hatte, sich über den wahren status quo Gedanken zu machen, wird es womöglich sofort Anfang Januar eng. 2008 hatten wir dasselbe Phänomen in vergleichbarem Umfeld erlebt, warum nicht auch diesmal? Ich würde daher in den kommenden Wochen lieber noch nicht auf Baisse wetten … aber sollten die Aktienmärkte Richtung Silvester noch kräftiger zulegen, wäre kurz vor der Jahreswende – aus der Sicht dessen, was wir heute an Fakten kennen – die eine oder andere kleine, antizyklische Shortposition wohl einen Gedanken wert!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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2 Kommentare auf "Bad news are good news"

  1. freiheit50 sagt:

    Hallo Herr Gehrt,

    ich schätze Ihre Artikel sehr und „verschlinge“ sie meistens sofort in dem Moment, wo ich sie entdecke. Nun muss ich aber doch mal etwas kritisch werden: Seit langem kommen von Ihnen Warnungen vor einem fundamental gut begründbaren Absturz der Aktienmärkte (z.B. Artikel „Alarm“).
    Nun laufen die Märkte aber steil nach oben, was Sie technisch hier erklärt haben; auch noch soweit in Ordnung.
    Aber die letzte Aussage …“die eine oder andere kleine, antizyklische Shortposition wohl einen Gedanken wert“ erscheint mir der Lagebeurteilung nicht angemessen. Wenn die Grundüberlegungen richtig sind, müsste es noch im Frühjahr steil bergabgehen. Ansonsten würde die Voodoo-Ökonomie der Herren Draghi, Juncker, Schäuble & Co doch noch von den realen Märkten honoriert werden. Das kann ich mir eigentlich kaum vorstellen …

    MfG Christian

  2. MARKT sagt:

    Bei den Einschätzung der Artikel von Herrn Gehrt gehe ich mit ihnen konform.
    Bliebe noch anzumerken, was sind die „realen Märkte“.
    Könnte es nicht sein, das die von Ihnen genannten Herren eingesetzt sind um eben „reale Märkte“ zu verhindern.
    Schauen Sie sich bitte die Berichterstattung derzeit an: Wir scheinen in der besten aller Welten zu leben.
    Dabei gibt es genügend Fakten die eben dies nicht belegen, aber penetrant ignoriert werden.
    -7. einanderfolgender Monat mit neuer Rekordarbeitslosigkeit in der EU,
    -sinkendes EU-BIP , letzter Monat -0,1%
    -stagnierendes Bruttogesamteinkommen in D trotz Rekordbeschäftigung.
    -sinkende Einzelhandelsumsätze -3,6% real unbereinigt. -1,2% real ber.
    -exponentielles Wachstum der Target 2 Salden.
    Das einzige Problem Deutschlands scheint aber ein NPD-Verbot zu sein, die Unterstützung der Türkei an der syrischen Grenze sowie das permanente herbeisehnen einer Inflation,die zumindest bisher nicht kommen will, die Angst davor, die Konjunktur in D aber einigermaßen in Gang hält.
    Der letzte Höhepunkt medialer Proaganda durfte bei Frau Maischberger bewundert werden. Als eine Frau aus dem Niedriglohnsektor sich gemeinsam mit Herrn Alt und Herrn Söder für den Erhalt und die Gerechtigkeit des herrschenden Systems einsetzte. Vielen Dank dafür, da zahlt man die Zwangs-GEZ-Gebühr doch richtig gerne.

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