Bachelor of Debt

6. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wenn der Abschluss schon nichts bringt, soll wenigstens der Galgenhumor nicht zu kurz kommen. Unter amerikanischen Uni-Abgängern kursiert mittlerweile ein Witz, der sich mit der Situation nach der Uni beschäftigt. Wie soll man nach der Uni einen Job zu finden, der die Miete für eine Wohnung einspielt? Immer öfter gelingt dies nicht, und die Frage, die sich jungen Pärchen dann stellt, lautet: Gehen wir zu Deinen oder zu meinen Eltern?

Das Hotel Mama hat in den Vereinigten Staaten Hochkonjunktur. Vor allem der Anteil junger Männer, die wieder ihr Kinderzimmer bewohnen, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Viele junge Menschen in der Altersklasse bis 34 Jahre geben weniger das gute Essen oder den heimischen Scrabble-Abend als viel mehr finanzielle Gründe für die Rückkehr an.

Die Geldbörsen vieler junger Menschen sind selten prall gefüllt. Die finanziellen Verhältnisse junger Amerikaner haben sich in den kommenden Jahren über alle Bildungsniveaus hinweg deutlich verschlechtert. Neben schwindenden Rücklagen, im Mittel bei Menschen dieses Alters nur noch rund $2000 pro Person, steigen die Verbindlichkeiten rapide an.

Die Jobsituation der unter 25-jährigen ist nicht nur in Ländern wie Spanien schlecht, auch in den USA sind die Aussichten trübe. Selbst ein Universitätsabschluss ist kein Allheilmittel. Von den Menschen dieser Altersgruppe haben selbst diejenigen, die mindestens einen Bachelor in der Tasche haben, 53% keinen Job oder sind unterbeschäftigt. Das Taxi und die Bar werden so schnell zum Dauerarbeitsplatz, die Einkommen der meisten sind sehr niedrig.

Zu allem Überfluss hat sich gerade in dieser Altersgruppe oft bereits ein gewaltiger privater Schuldenberg aufgetürmt, der ohne gute bezahlte Arbeit nicht zu bedienen ist. In der Gruppe der bis zu 39-jährigen Absolventen sind mit den Jahren insgesamt satte $580 Milliarden allein an Studienkrediten aufgelaufen. Der Autokredit und die Kreditkartenschulden gesellen sich zu diesem Saldo noch hinzu.

Bemerkenswert ist die gespaltene Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten. Während sich die Situation für ältere Arbeitskräfte zuletzt im Rahmen der Möglichkeiten entspannt hat, kam im Rahmen der Erholung der vergangenen Jahre für die Jüngeren kaum Positives heraus…

Das liegt vermutlich auch daran, dass jemand der sich lediglich etwas dazuverdienen will, oft auch für einen niedrigeren Stundenlohn arbeitet, als jemand, der von dem Job leben muss. Vielleicht entspannt sich durch diese Entwicklung zumindest die Situation im heimischen Wohnzimmer. Wenn die Eltern arbeiten, gibt es zumindest keinen Streit um das TV-Programm.

In den Arbeitslosenzahlen finden sich diese Werte so natürlich nicht wieder. Das liegt an der Tendenz, die gewonnene Zeit, die ein fehlender Job mit sich bringt, für ein Aufbaustudium oder einen anderen Studiengang zu nutzen. Wer studiert ist nicht arbeitslos. Dumm nur, wenn bereits jetzt die Möglichkeiten für Absolventen nicht berauschend sind. Wäre die Bildung nicht mit horrenden Kosten verbunden, könnte man mit der Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage argumentieren oder sich freuen, dass jemand die Zeit für Bildung und nicht für die Konsole nutzt. Wer allerdings mit $50.000 Schulden von der Uni kommt und einen Job sucht, ist eher zu Kompromissen bereit. Das niedrigere Gehalt, mit dem nicht nur Abgänger bereits heute konfrontiert sind, genügt dann meist nicht, um die Schulden wieder loszuwerden.

Zu viel geliehenes Geld für Studien auszugeben, deren spätere Erträge sehr unsicher sind, ist vergleichbar mit dem Kauf einer Aktie auf einem überhöhten Niveau. Ob dieser Fehler wegen überschäumender Fantasie passiert, oder ob ein defekter Taschenrechner dafür herhalten muss, irrwitzige Wachstumsträume als Rechtfertigung für die Bewertung heranzuziehen ist egal. So etwas kann gutgehen, führt jedoch in der Regel zu katastrophalen Verlusten. Wer heute per Kredit in eine Ausbildung investiert, mit der er oder sie später nichts anfangen kann, hat in kurzer Zeit ein wachsendes Finanzproblem. Die Ausrede, ausgerechnet das eigene Studium habe einen derart hohen gesellschaftlichen Stellenwert, dass doch bitte andere für die spätere eigene Beschäftigung aufkommen mögen, ist eher peinlich als hilfreich. Sie kennen möglicherweise auch hierzulande Aussagen wie „ich habe doch studiert, da muss ich doch auch mehr verdienen“. Schnell, sicher, falsch.

Die Tendenz zu mehr und höheren Studienkrediten nimmt unterdessen in den Staaten groteske Ausmaße an. Die Universitäten verlangen höhere Gebühren und diese werden trotz bestenfalls stagnierender Realeinkommen der Akademiker seit Jahren auch bezahlt. Auf Dauer ist dies kein tragfähiges Modell. Die Studienkredite sind nichtsdestotrotz mittlerweile – neben den Staatsschulden – die einzige Kategorie, die im allgemeinen Deleveraging noch wächst, und das sogar rasant.

Die Entwicklung erinnert an den Immobilienmarkt im mittleren Stadium. Damals wurden Häuser von Menschen mit Krediten gekauft, die diese aus ihren Einkommen niemals hätten bedienen können. Allein der Glaube an ewig steigende Häuserpreise war die Triebfeder dieses Wahnsinns. Ein Blick in die langfristige Entwicklung der Preise hätte jedem schnell gezeigt, dass diese Idee absoluter Unfug ist. Bei den Studienkrediten ist es nun die Hoffnung, mit einem Abschluss in der Tasche später fast jeden beliebigen Kredit tilgen zu können. Diesmal muss man nicht einmal die Historie bemühen. Schon die Realität zeigt, wie unsinnig diese Annahme ist.


 

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5 Kommentare auf "Bachelor of Debt"

  1. Johannes sagt:

    Vielen Dank, liebes Bankhaus für die wie immer genialen Artikel.

    Dazu möchte ich noch etwas ergänzen, was mir ein Stammtisch- Kollege, auch ein kleines Bankhaus erzählt hat.

    Interessanterweise gibt es in deren österreichischem Bankhaus die Order, Gutverdiener bei der Kreditvergabe (z.B. Hauskredit) genauer zu prüfen, als „Wenigverdiener“.

    Der Grund dafür liegt darin begründet, dass „Wenigverdiener“ es einfach gewohnt sind, mit wenig Geld auszukommen. Ein Gutverdiener, der den Job verliert und dann evt. einen schlechter bezahlten annehmen muss, kommt dann meist nicht mehr mit den Zahlungen nach.

    Nur so als kleine Anmerkung aus der aktuellen österr. Bankpraxis.

  2. pat sagt:

    Das gemeine an den Studienkrediten in den USA ist, dass sie im Falle einer Privatinsolvenz nicht entschuldet werden können, sondern unter allen Bedingungen bestehen bleiben (http://www.collegescholarships.org/research/student-loans/).

  3. samy sagt:

    N’Abend,

    „…Die Entwicklung erinnert an den Immobilienmarkt im mittleren Stadium….“

    Nicht nur das, die Entwicklung wirkt auch auf die Erholung des zukünftigen Immobilienmarktes. Denn wer im Hotel „Mama“ wohnt, der erwirbt keine.

    VG

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