B – Ein Markt sucht seine Bewertung

22. Mai 2017 | Kategorie: Aufgelesen, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer ein Floß aus Fässern baut, der achtet darauf, möglichst keine Fässer mit Löchern zu verwenden. Auch am Aktienmarkt möchte man lieber einen von vielen Aktien getragenen Anstieg als einen, der nur von ein paar besonders großen Titeln getragen wird. Betrachtet man den amerikanischen Aktienmarkt als Floß, so wächst allerdings die Zahl der Lecks von Monat zu Monat.

Es gibt viele Faktoren, die die Robustheit eines Anstiegs am Aktienmarkt charakterisieren. Einer der Faktoren ist die Bewertung, ein anderer ist das Momentum. Weniger augenfällig aber ebenfalls wichtig ist die Marktbreite. Diese Kennzahl zeigt, wie viele Aktien steigen und wieviel fallen. Das lässt sich bei Indizes, die die Gewichtung der Konstituenten nach Marktkapitalisierung vornehmen, so nicht ablesen, daher wird eine separate Kennzahl genutzt. Da die meisten Aktienindizes die Einzeltitel gemäß ihrem aktuellen Börsenwert gewichten, kann ein Index auch dann steigen, wenn nur wenige Schwergewichte nach oben streben. Das gleiche gilt natürlich im umgekehrten Fall in Bärenmärkten.

Derzeit deuten bereits zwei von drei Faktoren, die hohe Bewertung und die geringe Marktbreite, auf ein hohes Risiko deutlicher Rückschläge hin. Der letzte Faktor, der Trend, hält weiterhin an.

Wer erst ein paar Jahre an den Finanzmärkten unterwegs ist, mag auf Grund des Trends an das „neue Paradigma“ der Unfehlbarkeit der Geldpolitik glauben. Die Zentralbanken experimentieren weiterhin herum, daher könne der Markt nicht fallen, so lautet einer der zentralen Glaubenssätze dieser Weltsicht. Man kann nur jedem raten, sich nicht darauf zu verlassen, denn es ist eine Illusion anzunehmen, die Bewohner der Zentralbanken und anderer Amtsstuben hätten das Zepter dauerhaft in der Hand. Auch hier gilt das alte Motto, wenn es klappt war man es selber, wenn nicht waren es unabsehbare externe Faktoren, die alles zunichte machten. Short Seller, politisches Geplänkel, Rohstoffpreisveränderungen und so weiter.

Die Allmacht der Zentralbanken wird immer mal wieder vorausgesetzt. Meistens wird diese These besonders engagiert vertreten, wenn die Märkte gerade ein paar Jahre gestiegen sind. Nach einer Halbierung schwirren vielen ehemals Überzeugten dann die Fragezeichen um den Kopf, was sich jedoch bei den meisten als vorübergehender Zustand herausstellt. Da es Zentralbanken auch in den 1960ern, 70ern oder auch 2001 und 2008, kann man sich nur wundern, warum die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit nie gänzlich verschwindet. Es ist ein bisschen so wie mit dem Krieg. Nur weil man zufällig dankenswerterweise auf dem eigenen Territorium ein paar Jahrzehnte Ruhe hatte sollte man sich nicht dazu verleiten lassen anzunehmen, der Mensch wäre mittlerweile so intelligent, dass es keine Kriege mehr geben könne. Schön wär’s.

Auch Bärenmärkte wird es wieder geben. Die folgende Grafik zeigt die Verluste von den jeweils erreichten Höchstständen bei den USA Aktien seit 1870 (Datenquelle: Robert Shiller). Über einen Zeitraum von 10 Jahren 40% zu verlieren ist kein sonderlich überraschendes Ereignis. Nach einem Plus von lediglich 166% ist man aber schon wieder bei Null, kein Grund zur Sorge also.

Wirklich wundern kann das Festhalten an derartigen Hoffnungen dennoch nicht, denn auch die zahllosen Wetter-Apps mit einer mittleren Trefferquote von unter 50% werden weiterhin klaglos genutzt. Ein Blick auf den abendlichen Himmel in Kombination mit einem Münzwurf sollte deutlich besser abschneiden.

Während man also die Unfehlbarkeit des Papstes müde belächelt, hält man sie bei den Zentralbank-Angestellten für realistisch. Das war bereits zu Zeiten des japanischen Bullenmarktes so, wie folgendes Zitat zeigt.

Das Ende dieser Geschichte ist bekannt und erinnert an Irving Fishers „permanently high plateau“, dass US Aktien vermeintlich Ende der 1920er Jahre erklommen hatten. Danach ging es freilich um etwa 90% in Richtung Hades, allerdings musste man lediglich 25 Jahre warten und – schwupps – war man bereits wieder bei den Einstandskursen angelangt.  Das muss man einfach alles ganz entspannt sehen. Mit der Smartwatch kann man sich dann beim Joggen darüber informieren lassen, wie viel Geld man auf den letzten sieben Kilometern verloren hat. Ist das nicht toll?

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar