Ausverkauf! 20 Prozent auf alles

14. August 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

In dieser Woche glich die Börse einem Autounfall. Am Steuer der Turbulenzen saßen mal wieder die Schulden. Neben ihnen hatten Politiker, Geldmacher, Gerüchtekocher sowie 25-jährige Investmentbanker Platz genommen.

Viele haben ihre Fahrerlaubnis im Lotto gewonnen. Binnen weniger Stunden können Computer heute ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen. Schreib- und Sprechspechte in den Redaktionsstuben waren ebenso fassungslos wie Experten, die von Unsicherheiten redeten als ginge es um Hautirritationen. Fotografen suchten auf der Dax-Tafel den längsten Strich nach unten, während der gemütlichste Platz unterm Schreibtisch war oder der in der Nähe des Börsenausgangs.

Sie haben keine Aktien? Dann haben Sie bis zu 20 Prozent Verlust gespart. Moment! Kann man in einem Markt nicht sein und sich sicher fühlen? Nein. Irgendwo steckt man doch immer drin und springt wie in dieser Woche aus heißen Bratpfannen in die Kochtöpfe. Aktien können crashen und Schulden ausfallen. Guthaben frisst die Inflation auf. Dann fleht man Götter an und wird wütend.

Vergesst die alte Welt, sagen die Händler. Bald stufen Ratingagenturen den Sommer auf Herbst ab. Was hilft? Ärzte verschreiben gegen Depressionen Medizin. Politiker verteilen Beruhigungspillen, die wirken wie Placebos. Gegen Schulden hilft nur das Ausbuchen selbiger und kaum ein Spekulationsverbot, was zudem auf Verantwortliche ausgeweitet werden muss, sagt Gold. Es ruft „Ich glaube Euch kein Wort“, wettet auf die Dummheit der Experten und überfuhr bei vollem Misstrauen sämtliche Rekordmarken wie Autos mit Turbo oft rote Ampeln.

Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten

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11 Kommentare auf "Ausverkauf! 20 Prozent auf alles"

  1. Avantgarde sagt:

    Das war kein richtiger Unfall sondern nur ein größerer Rempler.
    Ein Reifen ist platt und Kühlmittel läuft aus….
    🙂

    Statt sich eine Weile Auszeit zu nehmen haben die Jungs zurückgesetzt und sind dabei das Gaspedal wieder bis zum Bodenblech durchzudrücken.
    Es wird wohl in einigen Tagen kommen wie es kommen muß und sie werden die Kiste beim nächsten Mal so gegen die Wand fahren, daß erst mal eine Reparatur nötig ist.

    Dann gibt es vielleicht auch 40% auf alles – ohne Tiernahrung allerdings.
    🙂

    • Frank Meyer sagt:

      Es riecht aber ganz stark nach Benzin. Und die Kinder auf dem Rücksitzen spielen mit Feuerzeugen…

      • Avantgarde sagt:

        Ist bei Diesel nicht so tragisch – die auslaufende Bremsflüssigkeit macht mir mehr Sorgen – aber das fällt zumindest nicht sofort auf..
        🙂

        • Frank Meyer sagt:

          Oh ja, das hatte ich ganz übersehen. Und sie fahren schon wieder los…

          • Avantgarde sagt:

            Die Sache mit der Bremsflüssigkeit fällt erst bei einem Gefälle auf…
            🙂

            Nee – aber im Ernst.
            Es gibt so etwas wie Kapitulation, Enttäuschung, Aufgabe…
            Ich meine den Punkt wo jeder sofort sagt: Aktien nein Danke!

            Dieser Punkt war weder 2008 noch jetzt erreicht.
            2008 ging es zu schnell wieder nach oben, und heute glauben fast alle, daß die Krise doch schon vorbei sei und das die letzten Tage nur ein kleiner Unfall war.

            Der Optimismus ist einfach noch immer ungebrochen – der Tenor der meisten Kommentatoren ist „ungerechtfertigt“ „Chance“ „läuft doch alles gut“….

  2. Andre sagt:

    Herr Meyer der Mann mit den wunderbaren Analogien:“aus heißen Bratpfannen in die Kochtöpfe.“
    Das ist immer wieder erheiternd zu lesen!
    Allerdings mache ich mir so langsam schon Gedanken, wohin die „Reise“ gehen wird. Leider befürchte ich, dass Herr Gehrt wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

  3. Fnord23 sagt:

    Als gelernter DDR-KFZ-Mechaniker sehe ich das nicht so tragisch.

    Ein ganzes Volk war vor 1989 mehr oder weniger als Crashtest-Dummy unterwegs. Bei gebrochenen Schraubenfedern wurden die Windungen übereinander gelegt und geschweißt. Autos machten 3 Spuren im Schnee, so verzogen war die Geometrie, usw. Verrückte Zeit so im Rückspiegel betrachtet.
    Heute lachen wir über vieles, was damals Normalität, aber eben nicht normal war.

    Was alles geht, wenn es gehen muß. Das System „Auto“ erfüllte trotzdem seinen Zweck: Mobilität.
    Gut, nicht sehr elegant. Aber es ging.

    So scheint es auch hier. Das Finanzsytem erfüllt seinen Zweck, nicht sehr elegant, aber es geht noch. Der Tank ist voll, die Crashtest-Dummys sitzen am Steuer, wir stehen am Straßenrand und hoffen das Ganze gesund zu überstehen.

    Mal schauen wer TÜV spielt und die Karre still legt. Und ob überhaupt. Der gesunde Menschenverstand lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu, dass es so kommen muß. Aber was ist an dieser Welt schon noch gesund? Der Stülpner legt da ja auch großen Wert drauf. Recht hat er.

    Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren auch mal lachend zurück blicken und sagen:

    „Man, was wir damals für einen Schei.. gemacht haben! Wir haben Riester-Renten abgeschlossen..Haha.. Und an der Börse wollten wir auch ALLE gewinnen. Und die gesetzliche Rente war doch sicher.“

    @Avantgarde

    Wo soll denn die Kohle auch hin? Wenn alles ähnlich gleich „schlecht“
    oder „gut“ ist. Das Spiel läuft bis zum Abpfiff.

    VG aus Sachsen

    • Avantgarde sagt:

      Das mit der zu vielen überschüssigen Kohle ist tatsächlich ein Problem – denn klar: irgendwo muß sie ja hin.
      Und so kann es tatsächlich passieren, daß sich aufgrund einer zu hohen Liquidität tatsächlich gigantische Blasen auftun.
      Deshalb ja auch mein Vorschlag, die überschüssige Liquidität oben abzusaugen um das Problem zu mindern.
      Zu Kanzler Kohls Zeiten gab es übrigens einen Spitzensteuersatz von 53% – und keiner der Vermögenden musste am Hungertuch nagen.
      🙂

      Gleich schlecht ist nicht alles – kommt vermutlich immer auf den Zeitraum an.
      Im Grunde ist eine Börse doch nichts anderes mehr als ein gigantischer Verschiebebahnhof von Geld.
      Die ganzen Derivate put/call-Spielchen sind eh ein Nullsummenspiel weil es immer eine Gegenposition geben muß – einer gewinnt – der andere verliert.
      Nur die Bank verkauft die „Schaufeln“ an die „Goldgräber“ und verdient.

      Wenn ein Kurs von 10 auf 20 steigt sind zunächst alle 100 Spielteilnehmer mit einer Aktie um 10 Euro reicher.
      Aber es können nicht alle diese 10 Euro realisieren – das ist doch der Witz dabei. Der welcher zuerst möglichst weit oben aussteigt gewinnt.

      Meistens geht es doch um genau diese Kursgewinne oder Gewinne im Derivatehandel.
      Aktien mit stabiler Dividendenrendite ohne Kurskapriolen gelten ja inzwischen als langweilig und verstaubt – wie heißt es so schön: Es gibt keine Phantasie….

  4. Berliner sagt:

    Asoka Wöhrmann (Fondsmanager der DWS) meint in einem Interview, dass deutsche Aktien unterbewertet sind.

    http://www.welt.de/finanzen/article13543770/Ich-habe-vor-dem-Crash-Land-gekauft.html

    Weiterhin sagt er, dass wir angeblich momentan noch keine hohe Inflation haben. Marc Faber meinte doch aber im letzten Interview, dass in den USA schon fast knapp 8 Prozent Inflation vorherrschen.

    Was soll man da denken?

    Zum Schluß die alte Leier: „Gold gibt keine Zinsen“. Da kann man sich ja den Wert dieses Interviews an 2 Fingern abzählen.

    Ich glaube er muss das öffentlich so sagen damit die Sheeples (bei DWS) weiter Fonds und Aktien kaufen.

    Oder was meint ihr?

    • auroria sagt:

      [Asoka Wöhrmann (Fondsmanager der DWS) meint in einem Interview, dass deutsche Aktien unterbewertet sind.]

      Was soll er denn anderes sagen?
      Dass es noch kräftig weiter runter geht und jeder lieber schnell seinen DWS Fond verkaufen sollte … weil ihm sein Job eh nicht mehr gefällt?

    • Fnord23 sagt:

      Der Herr Wöhrmann putzt doch auch schon lange seine EM. Sicher.

      Ich kenn einen Vertriebsberater einer großen deutschen Fondsgesellschaft.

      Der ist seit 2000 aus Anleihen komplett draußen. Die Gewinne aus Aktien landen in EM.

      Was empfiehlt er in Schulungen?: Aktien. Logisch. Was sonst. Sein Job.
      Privat hat er, wie gesagt, eine andere Meinung.

      VG aus Sachsen

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