Austerity in Spanien

4. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) „Austerity“ hat nichts mit dem Verspeisen von Austern zu tun – Auch wenn es so klingen mag. Mancher verwechselt das gerne an Stammtischen, an denen man überzeugt ist, die deutschen Steuergelder der Zukunft hätten diesen Zweck und die Leute würden dort deswegen unter Eiweissschocks leiden. Austerity die Hölle, vor allem für den kleinen Mann…

Ich habe mich neulich in Spanien umgeschaut. Bei den gleichen Preisen wie hierzulande sind die meisten Spanier inzwischen in arger Bedrängnis. Dazu trägt nicht nur eine Arbeitslosenquote von nahezu 25 Prozent bei, sondern auch die geringen Löhne, von denen man dort kaum noch satt werden kann.

Auf dem spanischen Festland verdient ein Spanier jährlich 22.790 €. Brutto. Auf Mallorca sind es 21.613 €. Wer in einer Behörde arbeitet, erhält jährlich 30.598 € – statistisch gesehen. Statistiken lügen vielleicht. Vieles geht schwarz über den Tresen. Davon hört man viel, wenn man regelmäßig auf Mallorca weilt.

Frauen sind in Spanien wesentlich schlechter gestellt als die Männer. Sie verdienen statistisch gesehen 19.812 € im Jahr, während Männer mit immerhin 23.113 € im Jahr nach Hause gehen. Ganz schlimm sieht es für die jungen Leute unter 25 Jahren aus. Hier liegt der Durchschnittsverdienst bei lediglich 13.638 € brutto jährlich oder 1.136 Euro im Monat. Familien mit einem Verdiener stehen unter gewaltigem Druck.

Wenn Experten nun von durchschlagenden Strukturreformen in Spanien reden, meinen sie einen Verlust an Einkommen, ein Zurückfahren der ach so berühmten Lohnstückkosten. Spannend ist, wer durch diese Strukturreformen die größten Fortschritte macht. Jose-Normalspanier ist es definitiv nicht.

In den Zeitungen kann man tausende Stellengesuche nachlesen. Besonders interessant erscheint uns eine Anzeige bei Ikea. Bewerber als Verkäufer haben sich einem Auswahlverfahren zu unterwerfen, das an die Auswahl eines Vorstandsvorsitzenden eines DAX Unternehmen erinnert. Persönliche Vorstellung, mehrere Interview per Telefon und Übungen in der Praxis mit allen Finessen gehören zum Alltag für alle, die Möbel verkaufen wollen – für monatlich 1.160 €.

Mit Austern essen hat das überhaupt nichts zu tun. Diese werden ohnehin nur in den Banken verspeist. Wenn es doch dort nur nicht so heiß wäre.


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