Außer Spesen nix gewesen?

30. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

In diesen Tagen reiben sich viele Börsianer verwundert die Augen: Außer Spesen nichts gewesen, Dax nach dem Schock vom vergangenen Freitag und Montag auf dem Sprung zu neuen Höhen? Wenn das alles so einfach wäre. Ist es aber nicht.

Das liegt an dem komplizierten Mechanismus, dem Aktienkurse unterworfen sind. Auf sie wirken aktuell in kaum durchschaubarer Komplexität ein: die Abwertung der chinesischen Währung Yuan, ihre Wirkung auf deutsche Exporte, das Auseinanderdriften der Konjunktur in begünstigten und benachteiligten Ländern der Eurozone, die gewagte Geldpolitik der EZB, Gewinnmitnahmen von Großanlegern, der Ukraine-Konflikt, Finanzleichen in den Kellern deutscher Konzerne u.a.

Kratzt man auch nur ein wenig an der Oberfläche, kommt manch seltsames Ding zum Vorschein. Etwa die Reaktion bestimmter amerikanischer Kreise auf die Yuan-Abwertung. Sie reicht vom verhaltenen Beifall aus der US-Notenbank Fed, die nun ihr Zögern im Hinblick auf eine Zinserhöhung gerechtfertigt sieht, bis zu martialischen antichinesischen Sprüchen des selbst ernannten Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Oder nehmen wir die von der EZB eingegangen Wagnisse, bestehend aus Länderrisiken, weil die EZB unter anderem Anleihen schwacher Euroländer aufgekauft hat: Gerät auch nur eines dieser Länder in Zahlungsverzug, stellt sich die Frage, ob die EZB dann als bevorrechtigter Gläubiger gelten kann. Zweifel sind angebracht; denn andere Gläubiger würden die Konsequenzen ziehen und in so einem Fall lieber auf Länderkredite verzichten.

Wie bereits diese wenigen Beispiele zeigen, ist das Potpourri der Einflussfaktoren im Hinblick auf die Entwicklung der Finanzmärkte und speziell der Aktienkurse recht verschlungen. Das führt dann, wenn diese Faktoren auf eine ohnehin schon nervöse Börsenstimmung treffen, zu den erwähnten Entwicklungen. Im besten Fall konsolidieren die Börsen, wie es dann – zum Beispiel jetzt – in vielen Kommentaren heißt (dieser Begriff sagt jedoch nichts aus). Man könnte auch behaupten, die Aktienkurse wüssten nicht, ob sie steigen oder fallen sollen. Im schlimmsten Fall geht es mit ihnen nach kurzer Pause wieder abwärts; dann reden Börsianer halt wieder mehr über die negativen Folgen der Yuan-Abwertung für deutsche Exporte und über die Finanzleichen deutscher Konzerne.

Diese beiden Faktoren haben das Zeug in sich, die Kursentwicklung an unserer Börse entscheidend ungünstig zu beeinflussen, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: Chinas Yuan-Politik dürfte weiterhin einige Überraschungen mit sich bringen, nur können wir im Westen nicht wissen, welche. Und weil China für Deutschland ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, sind nervöse Reaktionen der Börsianer so gut wie programmiert. Was die Finanzleichen angeht, rumort es erst im Untergrund. Das liegt daran, dass man sich zunächst nicht vorstellen kann, auf dem Börsenparkett werde über so komplizierte Dinge wie Zinssätze für Pensionsrückstellungen diskutiert. Dennoch, auch dieses Thema wird zu gegebener Zeit in den Mittelpunkt rücken und die Leute vom Börsenparkett emotionalisieren.

Bleiben wir wegen seiner großen Bedeutung noch kurz dabei. Deutsche Konzerne haben ihren Arbeitnehmern recht großzügig Betriebsrenten versprochen. Dafür haben sie Rückstellungen gebildet, die auf den rechten Bilanzseiten zum Fremdkapital gehören und abgezinst werden. Der Clou: Je tiefer der Zins, desto höher müssen die Rückstellungen sein, desto mehr steigt also das Fremdkapital. An diese Überlegung lassen sich allerlei Gedanken knüpfen. Etwa dass Konzerne mit steigendem Fremdkapital gut beraten sind, ihr Eigenkapital aufzustocken, um zwischen beiden die Balance zu wahren – folglich neue Aktien auszugeben, was Börsianer in der Regel als Kriegserklärung ansehen und zu Verkäufen der alten Aktien veranlasst. Denkbar ist natürlich auch, dass es keine Kapitalerhöhung durch die Ausgabe neuer Aktien gibt; das wäre allerdings schlecht wegen der dann schlechteren Beurteilung der Bonität durch Ratingagenturen. Oder dass die Konzerne ihre Zusagen zu den Betriebsrenten kürzen; das täte dem Betriebsklima ganz und gar nicht gut, den Aktienkursen wegen der dadurch zu erwartenden schlechten Stimmung auch nicht.

Zugegeben, das alles ist Zukunftsmusik. Aber ist nicht gerade die Börse der Ort, an dem quasi die Zukunft gehandelt wird? Man kann diesen Aspekt gerade jetzt kaum hoch genug einschätzen.

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