Auskommen mit dem Einkommen

31. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Sie sorgen sich finanziell um die Zukunft? Jetzt lehnen Sie sich mal zurück und genießen erst einmal die Erfolge in unserem Land. Auch wenn es nicht die Früchte des eigenen Erfolges sind…

Wozu gibt es schließlich den Mindestlohn? Der gibt Planungssicherheit! Damit weiß man heute schon, wovon man künftig nicht leben kann. Jedenfalls nicht so wie gewohnt.

Jetzt mal halblang! Die Experten sagen, es wäre alles bestens. Der Arbeitsmarkt brummt. Noch nie gab es so viele versicherungspflichtige Jobs. Irritierend hingegen ist die chronische Leere in den Sozialkassen und deren steigender Geiz. Bald steigen sogar die Zuzahlungen und/oder die Beiträge von denen, die noch arbeiten.

Ob man künftig von seiner Arbeit noch leben kann, ist ungewiss und auch nicht mit einem „Wir schaffen das!“ zu beantworten. Übrigens heute vor einem Jahr fiel dieser Satz unserer KannsNichtlerin. Theoretisch aber bleibt alles besser.

Billiglöhner bekommen ab nächstem Jahr 8,84 Euro pro Stunde. Das ändert jedoch nichts an der Praxis, dass Unternehmen einen gut bezahlten Job durch zwei oder drei Billiglöhner ersetzen – zumindest solange, bis ihn Roboter erledigen. Wahrscheinlich wurde der Mindestlohn nicht nur für Billiglöhner eingeführt, sondern als Maßstab für alle in der Zukunft, als Orientierungshilfe. So findet die (a)soziale Marktwirtschaft in der sozialen Planwirtschaft einen würdigen Nachfolger.

Wenn Roboter zur Realität geworden sind, gibt es zu wenig Arbeit für zu viele Leute. Nicht ganz zufällig wird wohl derzeit über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Dabei ist Hartz-4 schon eine Art von Grundeinkommen, wenn auch (noch nicht) bedingungslos.

Mindestlohn oder Hartz-4?

Das ist doch die Frage! Denn lohnt es sich zu arbeiten? Hartz-4 wird „deutlich“ steigen, berichten Qualitätsmedien. Ab 2017 soll der Regelsatz für Hartz-4 um fünf Euro für Alleinstehende auf 409 Euro (+5 Euro) steigen. Paare erhalten 368 Euro (+4 Euro). Unter 25-jährige 324 Euro (+3 Euro) und Kinder zwischen 13 und 18 Jahren 311 Euro (+5 Euro) Kinder zwischen sechs und 13 Jahren 291 Euro (+21 Euro). Die Miete geht aufs Haus. Im Statistikamt wurde nämlich festgestellt, dass der „Bedarf“ für Lebensmittel und Getränke erheblich höher liegt als bisher berechnet. Oh Wunder! Und das bei der bösen Deflation überall. Klar, der Klimawandel steigert offenbar auch den Flüssigkeitsbedarf. Dass sich ausgerechnet das Statistische Bundesamt verrechnet hat, irritiert doch sehr.

Wenn Sie also heute Abend ihre Familienmitglieder durchzählen und dann feststellen, dass das, was Ihnen zusteht, ausreicht, dann werden Sie sich fragen, ob sich zu arbeiten noch lohnt.

(Ironie an) Weil es „uns“ offiziell so gut geht, müssen 3,4 Millionen Kinder auch nicht in einen lästigen Urlaub fahren, weil sich die Eltern das nicht leisten können. Nach neuen Zahlen leben 16,7 Millionen Deutsche in Haushalten, die zu arm für Urlaubsreisen sind. Zu Hause ist es doch am schönsten! Und es schont auch noch die Umwelt!

Seitdem wir wissen, dass Wurst krebserregend sein kann, kaufen sechs Millionen Menschen nicht mehr regelmäßig ein für „fleisch- – oder eiweißhaltige Mahlzeiten“. Weitere vier Millionen kämpfen auf ganz eigenartige Weise gegen den Klimawandel an. Sie haben nicht genug Geld für eine angemessene geheizte Wohnung. Darunter befinden sich 800.000 Kinder. Die Umwelt freut sich.

Selbst die Rentner spucken fürs BIP wieder in die Hände, vor allem die über 75-jährigen. Inzwischen geht fast eine Million der 17 Millionen Rentner einem Minijob nach. Im Vergleich zu 2010 ist das ein Anstieg um 22 Prozent. Aus dem Institut der deutschen Wirtschaft heißt es, dass es nicht nur die drohende Altersarmut sei, die die Leute zurück in den Arbeitsmarkt dränge, sondern vielen Senioren macht ihr Minijob einfach Spaß wegen der Kontakte zu anderen Menschen. Darauf wäre ich nie gekommen!

Was für ein Zynismus, der uns täglich in die Ohren geschmiert wird. Noch nie ging es den Deutschen besser, hat neulich eine Bertelsmann-Studie ermittelt. Das erinnert an DDR-Zeiten. Da hat sich der Aufschwung planmäßig selbst überholt. Warum man solche Umfragen und noch besser, solche Ergebnisse nicht verboten hat, ist mir schleierhaft. Selbst ein Aufschwung mit einem Minuszeichen ist doch ein Aufschwung. Ich frage mich ernsthaft, warum das nicht auffällt, dass nur die virtuelle Scheinwelt prächtig strahlt, aber davon sonst wenig zu sehen ist. (Ironie aus)

Zurück zum Mindestlohn: Mit 8,84 Euro pro Stunde verdient jemand bei 40 Stunden Wochenarbeitszeit monatlich rund 1.400 Euro brutto. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleibt doch ein hoher dreistelliger Betrag für das Auskommen übrig! Sicherlich kann man davon leben. Nur wie? Und auch: Wo? Früher waren das mal 2.000 D-Mark.

Besser ist es, man fährt künftig seine Ansprüche herunter, rückt enger zusammen und teilt sich die Kosten. Wohngemeinschaften boomen wieder bei den Mietpreisen. Pardon, das ist soziale Reibungswärme, mit der man die Wohnung auch effektiv und kostengünstig heizen kann. Überhaupt liegt Social Sharing voll im Trend! Da geht es ums Teilen, wahrscheinlich weil man sich nicht mehr alles leisten kann. Die Experten kleben ein Öko-Label darüber. Alles eine Frage der Sichtweise.

Das Einfachste ist natürlich, sich staatliche Unterstützung zu holen, wenn sich Leistung nicht mehr lohnt. Solange ein Staat sich verschulden kann für Zinsen von jetzt draghischen null Prozent, gibt es etwas. Nicht dass die Leute auf dumme Ideen kommen! Doch irgendwann wird das enden.

Künftiger Ärger hat zwar seine Ursache im Finanzsystem, kommt aber nicht über den DAX, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Aus Geschichtsbüchern weiß man, dass erst das Geld schlecht wird, dann die Wirtschaft und dann alles andere. So werden wir noch lange vom Märchen des Aufschwungs (für wenige) hören, während die Leute irgendwie wütend werden und aus Protest die Faust ballen – später dann nicht nur noch um den Henkel des Bierkruges.

Und später geht es um Reich gegen Arm und umgekehrt, wenn 95 Prozent der Leute an das Vermögen der oberen fünf Prozent wollen. Was glauben Sie, wer dann mit Hilfe der Politik gewinnen wird? Dann, ja dann haben wir es wirklich geschafft.

Irgendwann wird auch der Ruf nach mehr Gerechtigkeit dazu führen, dass die Ursachen für Ungerechtigkeit keine Rolle spielen. Die Politik wird für die passenden und die Mehrheit beruhigenden falschen Feindbilder sorgen. Hier findet schon ein weiterer Aufschwung statt. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer nicht unser Freund ist, ist unser Feind. Alles schon gehabt und irgendwie wie in der Physik: Die Schwerkraft ist neutral, unbestechlich und der Boden hart.

 

Schlagworte: , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.