Ausatmen verboten … bis wir platzen!

4. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt ( www.baden-boerse.de)

Frank Meyer brachte es gestern Früh zum Thema China auf den Punkt: Die Wirtschaft atmet ein … und wieder aus. Das ist der völlig normale Wirtschaftskreislauf zwischen Boom und Baisse. Dass es den Anlegern nicht recht sein kann, wenn „ausatmen“ ansteht, ist klar. Aber dass die Notenbanken deswegen seit einigen Jahrzehnten alles tun, um „ausatmen“ mit Gewalt zu verhindern, ist nicht normal. Wir empfinden es nur so. Ausatmen verboten!

Wenn man sich überlegt (aber wer macht sowas noch heutzutage), dass die Wirtschaft wie ein lebender Organismus funktioniert, da er von Menschen erzeugt wird, sprich nichts anderes als ein riesiger Ameisenhaufen ist, erkennt man schnell, dass es einfach nur idiotisch ist, einen normalen, vitalen Zyklus derart brechen zu wollen. Es ist, als würden wir alle zusammen mal ein paar Jahre die Luft anhalten. Da geht zwar jeder Schluckauf weg. Aber auch alles andere.

Eine Rezession ist bäh, mag ja sein. Aber sie funktioniert eben auch wie eine Entschlackungskur. Der angesammelte Dreck kommt bei der Gelegenheit mit raus. Unterbindet man diese Entschlackung, dieses Ausatmen, bleibt der Dreck drin. Und dass einigen zumindest ein wenig hellsichtigeren Anlegern beim Gedanken an China die Knie weich werden, liegt daran, dass diese Leute sehr genau wissen, dass a) die Welt ein Dorf ist und eine weitere Reduzierung des Wachstums in China oder gar ein Crash an den dortigen Finanzmärkten bzw. eine Rezession der dortigen Wirtschaft nirgendwo auf der Welt ohne Folgen bleibt und b) unsere Kartenhäuser in der US-Wirtschaft und der Eurozone mittlerweile derart hoch gebaut wurden, dass es in China nicht einmal richtig dicke kommen muss, damit bei uns der Baum brennt.

Was zum Grund führt, weshalb man irgendwann in den 90er Jahren – zunächst bei der US- Notenbank – auf diese Wahnsinnsidee kam, durch die Geldpolitik nicht nur die Folgen einer Rezession zu mildern, die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu geleiten und Überhitzungen zu dämpfen, sondern aggressiv zu versuchen, Rezessionen zu verhindern. Denn Jahr um Jahr steigt die Summe, mit der die Wirtschaft, aber auch die Börse, sich auf Pump finanziert. Da geht es nicht um die Staatsschulden, sondern um Ausleihungen der Banken, die für jeden Euro, den sie in die Finger bekommen, zehn verleihen. Es geht z.B. auch um die mittlerweile über 500 Milliarden Dollar offiziell gemeldeter Börsenkredite in den USA (1993: 50 Milliarden). Dieses Kartenhaus aus geliehenem Geld, weiter verliehenem Geld, virtuellen Milliarden inklusive den künstlich aufgepumpten Anleihemärkten, in denen Notenbanken mit aus der hohlen Hand (oder ist es der Kopf, der hohl ist?) erschaffenem Geld niedrige Zinsen erzwingen, um dieses normale Ausatmen mit Gewalt zu verhindern, ist fragil. Extrem fragil.

Deswegen macht China nervös. Und völlig zu Recht. Kippt China, kippt alles. Denn das ohnehin lausige Wachstum des Binnenkonsums ist in Europa ebenso wie in den USA instabil und vor allem in den USA massiv auf Pump finanziert. Man braucht das Wachstum der Emerging Markets, man braucht die Exporte als einzige echte Stütze des Wachstums. Und da einige Hoffnungsträger wie Brasilien oder Südafrika bereits Probleme haben, ist China wie ein letztes dünnes Streichholz, das diesen ganzen Budenzauber am Kippen hindert.



Diese unfassbare Dimension an Krediten in allen Bereichen bedingt, dass die Wirtschaft vor allem in den etablierten Wirtschaftsregionen, die von virtuellem Phantasiegeld förmlich „befallen“ sind, immer weiter wachsen muss. Nur so hält diese Pappmaché-Konstruktion, die Otto Normalverbraucher nicht einmal wahrnimmt. Daher diese Husarenstücke der EZB … und die Besorgnis, weil sie nicht recht funktionieren wollen.

Würde es zu einer – eigentlich normalen – Rezession kommen, würden erste Kredite uneinbringlich. Und durch die vorgenannte Hebelwirkung, bei der man echtes Geld potenziert weiter verleiht und dies auch noch gehebelt über Derivate an der Börse herumgeistert, haben wir so etwas wie eine auf den Kopf gestellte Pyramide, an der eine Ausweitung der Krise in China wirken würde, als würde man den Schlussstein wegtreten. Erste Kreditausfälle würden dann weitere nach sich ziehen und eine Lawine lostreten. Wie 2008. Nur heute in einem noch größeren Maß. Wie beim Zauberlehrling, der seinen Besen plötzlich nicht mehr unter Kontrolle hat, hat man vor vielen Jahren einen Prozess losgetreten, den man nicht mehr stoppen kann. Ausatmen verboten.

Aber wie lange geht das noch gut? Weiß man nicht. Klar ist nur: Es kann noch Jahre funktionieren, es könnte aber auch jeden Moment vorbei sein. Denn neben der Notwendigkeit, dass Länder stabil wachsen müssen, die nicht unter der Kontrolle der „Geldzauberer“ in den USA, Europa und Japan stehen, ist es eine Frage des Vertrauens. Wie gesagt: Ein echter Euro hat momentan allerorten virtuelle Kumpels, die dieses Spiel am Leben erhalten. Wenn dieser echte Euro von seinem Besitzer zurückgefordert wird, dann adieu, rosa Blase. Eigentlich ist es ganz einfach sich vorzustellen, was dann passiert: Griechenland hoch zehn.

Dabei hätte man doch nur auf Oma hören müssen: „Wenn Du kein Geld hast, kannst Du auch keines ausgeben.“ Das Dumme ist nur, dass die Entscheider in Politik und Notenbanken, oft aber auch die großen Wirtschaftsführer, glaubten und immer noch glauben, dass die Schwerkraft für alle gilt, nur nicht für sie. Und das Dumme ist zudem, dass trotzdem wir es sind, denen am Ende das Klavier auf den Kopf fällt.

Ich mache jetzt mal einen Feldversuch und atme ein Weilchen nur noch ein und nicht mehr aus. Wenn’s schiefgeht rufe ich Mario Draghi an und gebe ihm einen Tipp. Bis die Tage!

 

2 Kommentare auf "Ausatmen verboten … bis wir platzen!"

  1. Argonautiker sagt:

    http://www.rottmeyer.de/ausatmen-verboten-bis-wir-platzen/

    Mir gefällt der Artikel, mir gefällt das Gleichnis.

    Das Problem in einer Situation wie dieser ist jedoch folgendes. Dieses immense Einatmen, welches zunächst nur gemäßigt begann, mittlerweile jedoch zum kontinuierlichen Hyperventilieren des Geldmarktes und der Wirtschaft erwachsen ist, hat über die Dauer, so viel zu Viel inhaliert, daß es, wenn man nun das Ausatmen zulassen würde, daran ersticken KÖNNTE, da man beim Ausatmen nun mal nicht mehr einatmen kann. Denn das ist ja das Problem, wenn man mit dem Ausatmen begänne, strömte, wenn der Prozeß einmal begonnen, so viel Luft aus, das man dann eben dabei ersticken könnte.

    Man darf ja nicht vergessen, gerade Die Vertreter in der Wirtschaft, welche nahezu rein Kreditfinanziert sind, sind ja nur so lange kreditwürdig, wie das was sie tun wächst. Wachsen sie einmal für eine etwas länger Weile nicht mehr, sind sie nicht mehr kreditwürdig, und sie würden sich eben in genau das auflösen, was sie eigentlich sind. Luft. Obwohl Luft hat ja sogar noch mehr Substanz, denn sie sind ja sogar weniger als Luft, also eigentlich nur eine Illusion, welche sich derzeit eben nicht mehr erfüllt.

    Und nun kommt der Punkt. Wie viel von den wirklichen Riesenkonzernen sind denn noch in der Wirklichkeit fundamentiert? Ich bin ja kein Wirtschaftsexperte, sondern versuche mir das lediglich gedanklich zu erarbeiten, aber ich fürchte, es sind nur herzlich wenig, sodaß wenn es zusammenbricht, wohl wirklich rumpsen würde.

    Man steht also quasi wirklich vor der Frage, läßt man das nun zusammenbrechen, denn das würde nach einem rund 40 jährigen konsequent durchgeführten mehr Einatmen passieren, wenn man nun das Ausatmen zulassen würde. Die wirtschaftliche Rezession würde eben wahrscheinlich ebenso lange dauern, wie man zuvor mehr eingeatmet hat, also rund 40 Jahre, jedenfalls lange. Oder man erzeugt eben eine noch größere Lüge, wie zum Beispiel reines monopolisiertes Giralgeld, bei dem die wenigen Bestimmer dann einfach bestimmen wie viel jedem zusteht. Oder läßt man es zusammenbrechen?

    Und seien wir doch mal ehrlich, wenn man das zulassen würde, wäre man mit Gold vielleicht etwas besser dran, aber wirklich sicher wäre das eben auch nicht, weil, wenn all die Systeme zusammenbrechen würden, die derzeit mit der Kreditwirtschaft verbandelt sind, dann würde nicht mehr viel übrig bleiben. Nur mal Eins herausgepickt.

    Gesundheitssystem.
    Wenn dies zusammenbricht, dann ist das eben auch nicht mehr da, und dann kann man das auch nicht mehr mit Gold kaufen, weil sich deren „Regale“ eben genauso schnell leeren würde, wie die Supermärkte. Und wenn nichts mehr nachkommt, kann man auch mit Edelmetall nichts mehr kaufen. Jeglichen Anderen von oben herabgesteuerten Systemen ginge es ähnlich. Vornweg die Kreditgesteuerten. Lediglich das von unten Gewachsene hätte eine bessere Chance. Also ein sehr geringer Teil.

    Die Versuchung, dem mit der nächst größeren Lüge, wie reinem Giralgeld, oder etwas dergleichen zu entgehen, ist also immens groß. Meine Lebenserfahrung sagt mir jedoch, daß Lügen eben wirklich kurze Beine haben, also eine nur begrenzte Dauer haben können, bis sie unweigerlich zusammenbrechen, eben weil sie sich nun mal zu weit von der Wirklichkeit entfernt haben, und in einer Illusion fundamentiert sind, die das Negative ausschlossen haben. So als wäre es Sinn und Ziel des Lebens, in einer perfekten Welt zu Leben, wie es gerne beworben wird.

    Wie rettet man also ein System welches 40 Jahre hyperventiliert hat? Weiter einatmen könnte ein Platzen zur Folge haben, das 40 jährige Ausatmen könnte einem totalen Ersticken gleichkommen. Notfall medizinisch hieße die Lösung, Plastiktüte über den Kopf, bis kaum mehr etwas geht, Plastiktüte runter, kurz atmen lassen, und Plastiktüte wieder über den Kopf, usw., usw., bis sich ein normales Gleichgewicht des Ein- und Ausatmens, des Nehmen und Gebens wieder aus sich einfindet.

    Und so sehr ich gedeckte Währungen wie Gold und Silber vorziehe, es sind letztendlich eben auch nur Währungen, die eigentlich etwas währen sollen. Also Dauer durch eine Überproduktion in guten Zeiten, für schlechte Zeiten geben sollen. Leben findet aber nun mal nicht in der Dauer, sondern im Augenblick statt. Das heißt die wirkliche Lösung kann auch nicht nur im Überdauern liegen, sondern im Leben selbst. Das heißt wieder schwerpunktmäßig mehr zurück zum Prinzip des Lustgesteuerten Tuns, anstatt des Gewinnorientierten Tuns.

    All den Edelmetallliebhabern dieser Seite wünsche ich natürlich, daß ihnen das Gold die Dauer geben kann, um in die Zeit zu gelangen, in der man wieder leben kann und will, anstatt gewinnorientiert zu funktionieren hat, oder gar wie jetzt, sich Gedanken machen muß, wie man da nun durchkommt.

    Beste Grüße aus Bremen

  2. Mir gefallen die Metaphern in diesem Artikel – sehr zutreffend! Sehr informativ und deutlich formuliert, danke dafür.
    LG

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