Aus aktuellem Anlass: „Sei wachsam“

10. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

Angesichts der aktuellen Diskussion über den Text des Liedes „Marionetten“ von Xavier Naidoo und den „Söhnen Mannheims“ sollte man andere Liedermacher nicht ignorieren. Ein bemerkenswertes Lied schrieb Reinhard Mey.

Wir kannten das Lied „Sei wachsam“ nicht und möchten uns beim Leser cmartin für den Hinweis bedanken.

Hier der Link zum Internetauftritt des Musikers.

Und hier der Text, der nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs beachtenswert ist.

Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen,
Sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen,
Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen,
Die Dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen.
Und ich denk’ mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück.
Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen,
Sie nennen es das Volk, aber sie meinen Untertanen.
All das Leimen, das Schleimen ist nicht länger zu ertragen,
Wenn du erst lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen:
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten, alten Werten.
Ihre guten, alten Werte sind fast immer die verkehrten.
Und die, die da so vorlaut in der Talk-Runde strampeln,
Sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln:
Der Medienmogul und der Zeitungszar,
Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar!
Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und guten Sitten,
Doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.
Verrohung, Verdummung, Gewalt sind die Gebote,
Ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.
Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!
Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Es ist ‘ne Riesenkonjunktur für Rattenfänger,
Für Trittbrettfahrer und Schmiergeldempfänger,
‘ne Zeit für Selbstbediener und Geschäftemacher,
Scheinheiligkeit, Geheuchel und Postengeschacher.
Und die sind alle hochgeachtet und sehr anerkannt,
Und nach den schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt.
Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber läßt man laufen,
Kein Pfeifchen Gras, aber ‘ne ganze Giftgasfabrik kannst du kaufen.
Verseuch’ die Luft, verstrahl’ das Land, mach ungestraft den größten Schaden,
Nur laß dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
Man packt den Grünfried, doch das Umweltschwein genießt Vertrau’n,
Und die Polizei muß immer auf die Falschen drauf hau’n.

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!
Wir ha’m ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantieren.
Was hilft’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren,
Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln
Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich,
Abteilung kehrt, im Gleichschritt marsch, ein Lied und heim ins Reich!
„Nie wieder soll von diesem Land Gewalt ausgehen!“
„Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!“
„Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!“
„Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen.“
Sie zieh’n uns immer tiefer rein, Stück für Stück,
Und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück!

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Ich hab’ Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
Und verschon’ mich mit den falschen Ehrlichen,
Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
Ich hab’ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
Nach ‘nem bißchen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.
Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu lachen,
Sie wer’n dich ruinier’n, exekutier’n und mundtot machen,
Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen.
Wenn du die Wahrheit sagst, laß draußen den Motor laufen,
Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:
Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.
Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Quelle: Internetauftritt von Reinhard Mey.

Schön, dass es Künstler gibt, die etwas zu sagen haben. An den öffentlich-rechtlichen Sendern gehen solche Lieder offenbar vorbei. Schade.

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5 Kommentare auf "Aus aktuellem Anlass: „Sei wachsam“"

  1. Insasse sagt:

    Besten Dank fürs Einstellen des Songtextes! Ein paar Stellen wären an die neuen politischen Herrscher anzupassen:

    ==============

    „Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und guten Sitten,
    Doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.“

    Neu:
    Sie rufen nach Toleranz, Teilhabe und Gleichheit,
    und erschlagen damit den Rest von Freiheit.

    =============

    „Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
    So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!“

    Neu:
    Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
    So viel beliebig gebrauchte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

    =============

    „Man packt den Grünfried, doch das Umweltschwein genießt Vertrau’n,
    Und die Polizei muß immer auf die Falschen drauf hau’n.“

    Neu:
    Man packt den Andersdenkenden, der Linientreue genießt das Vertrau’n,
    um die Ecke schon die neuen Maasi-Spione schauen.

    =============

    Mit diesen kleinen, aber wesentlichen Änderungen ist der Text auch heute noch genauso aktuell wie damals. Alles beim Alten also. Perfektes Theater fürs dumme Volk, das entweder in die eine Richtung läuft oder in die andere, aber niemals in die richtige.

  2. dork sagt:

    Nicht zu vergessen „Narrenschiff“ von Reinhard Mey!
    http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/das-narrenschiff

    Da ja immer die Wortwahl sehr wichtig ist …. ich würde mir aktuell mal angesichts der aktuellen Bundeswehrdebatte eine Diskussion wünschen, was ist „staatsgefährdend“? Ein Attentat auf einen Spitzenpolitiker? Das Opfern ganzer Volkswirtschaften, Sozialsysteme, Rentensysteme und der Umwelt durch jahrelange falsche Politik? EIn Anschlag auf ein AKW? Ein Anschlag auf ein Parlament? Attentate gegen Staatsbürger? Wie wird beim Wort ’staatsgefährend‘ das Wort „Staat“ definiert? Fünf Politiker? Bestimmte Ämter? Oder die Gemeinschaft aller Bürger, Firmen, Politiker und Organe auf einem bestimmten Territorium? Erst danach würde sich die Frage stellen, was ist staatsgefährdend? Gibt es im Strafrecht diesen Begriff überhaupt und wie ist er definiert?

  3. Don_Juan_Matus sagt:

    (schon wieder) mal Dank an das Bankhaus Rott&Meyer, an cmartin und natürlich an Reinhard Mey. Hut ab!

    Der (Psycho-)Trick ist der, dass man schon lange versucht vorzugaukeln, dass man der Einzige sei, der so denkt. Durch die unzensierte Verbreitung über’s Internet erfährt man aber, es gibt etliche/viele, die die Matrix durchschauen! Deshalb wurde jetzt der Informationskrieg ausgerufen.
    Deshalb, nicht WIR sind die „verrückten Spinner usw.“, sondern die, die uns das einreden wollen.
    Apropos gute Liedtexte – wer es gern unverblümt und heftig-deftig mag, kann mal die Lieder von „die Bandbreite“ anhören (s.u.)!
    Und wer meint / schon weis, das seien anti-Semiten, dem sei „Kein Sex mit Nazis“ empfohlen 😉 …

    https://www.youtube.com/watch?v=pMklQTGpnGc
    Vor Allem aber:
    https://www.youtube.com/watch?v=J1wbUUnPUB0
    (Was ‚mal gesagt/gesungen werden musste…)
    u.v.m.!
    Ja, „was ist los in diesem Land?“ Gute Frage.

  4. Skyjumper sagt:

    Reinhard Mey ist eben ein Liedermacher vom alten Schlag. Mit vielen bemerkenswerten Texten in seinen Songs. Ich teile wahrscheinlich in vielen Detailpunkten nicht seine politische Meinung, aber seine Mahnungen an echte Toleranz, Wachsamkeit in der Demokratie und allgemeine politische Aufmerksamkeit kann man nur immer wieder unterstreichen.

    Man muß sich nicht in allem einig sein um in den grundlegenden Punkten einen Konsens zu haben. Das wäre ein wahrer demokratisch-freiheitlicher Rechtstaat. Deswegen würde ich seinen Text auch nicht anpassen wollen. Er sagt was ER meint. Und das ist gut so.

  5. samy sagt:

    Jetzt nähern wir uns wirklich langsam 1984.

    Googlelt es mal aus. An der Bundeswehruniversität Hamburg muss ein Bild von Helmut Schmidt abgehangen werden. Es zeigt ihm in Wehrmachtsuniform.

    Hallo? Altkanzler Schmidt, einem Staatsmann, dem heute kaum einer das Wasser reichen kann? Der immer wieder von der „großen Scheiße Krieg“ geredet hat. Halten die jeden Bürger in Uniform für derart dämlich, dass ihm keine Differenzierung zwischen Gut und Böse zugetraut werden darf?

    Bildersturm der Gutmenschen. Marionetten, verfangt euch nicht in den Seilen.

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