Augen zum Himmel und auf zur Klippe

6. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Anzahl der Zeichen, die zur Vorsicht an den Aktienmärkten mahnen, nimmt zu. Abseits von rein technischen Indikatoren wie der schwindenden Marktbreite und der mit den Kursen gestiegenen Gelassenheit der Anleger trübt sich auch die Realwirtschaft weiter ein…

Das bemerkenswerte an vielen veröffentlichten ökonomischen Kennzahlen sind nicht die Werte oder Veränderungen dieser Zahlen. Es ist vielmehr die Menge an Menschen, die sich die oft nutzlosen Datenreihen Woche für Woche anschauen. Da muss man schon einen hohen Grad an Schmerzfreiheit oder Langeweile aufweisen, man könnte vom schwarzen Gürtel in Schmerzfreiheit sprechen. Denn man mag es kaum glauben, aber unlängst erreichte die Korrelation zwischen den veröffentlichten Daten ökonomischer Umfragen (ISM, Empire State Manufacturing, Phildelphia Fed, etc.) und den angeblich durch diese Zahlen prognostizierten realwirtschaftlichen Kennzahlen einen Wert von Null.

Null. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Es gibt derzeit keinen Zusammenhang zwischen den Umfragen und der ökonomischen Realität. Dennoch werden die Umfragen von zigtausenden Anlegern und so genannten Analysten angestarrt und gerne auch ausführlich kommentiert.

Eine der Zeitreihen, die schon optisch wenig hilfreich erscheint, ein Eindruck der sich als richtig herausstellt, sich aber größter Beliebtheit bei den Berufs-Prognostikern erfreut, ist die Veränderung der Erwartungen der Einkaufsmanager aus den USA. Hier schaut man gerne auf die aktuelle Veränderung dieser Erwartungen und betreibt dann eine Auswertung, die an das Werfen kleiner Schweineknochen erinnert, aber deutlich seriöser dargestellt wird.

Es handelt sich um eine schon optisch wenig hilfreich erscheinende Wertereihe. Ein Eindruck der sich erhärtet, denn einen Zusammenhang zwischen vielen derartigen Zeitreihen und der folgenden wirtschaftlichen Entwicklung gibt es derzeit nicht.

(J. Hussman) What’s striking about survey-based economic measures is that their 5-year rolling correlation with actual subsequent economic outcomes has plunged to zero in recent years (and periodically less than zero), meaning that these measures have been nearly useless or even contrary indicators of subsequent economic outcomes.

Interessanterweise gibt es aber einen Zusammenhang zwischen zahlreichen ähnlichen Umfragen mit der zurückliegenden Entwicklung am Aktienmarkt. Ist dieser gut gelaufen, dann fallen die ökonomischen Umfragen optimistisch aus. Ist der Markt gefallen fallen die Umfragen pessimistisch aus. Wohlgemerkt, diese Umfragen beziehen sich nicht auf das finanzielle Wohlbefinden sondern auf die fundamentale wirtschaftliche Entwicklung.

Mit diesem derzeitigen Zusammenhang ist der Kreisschluss zwischen zauberhafter Geldvermehrung und gefühltem Wohlstand endlich vollzogen. Dummerweise hilft ein gutes Gefühl bestenfalls temporär den Umsätzen im Einzelhandel. Schlimmstenfalls führt es zu irregeleiteten, kreditfinanzierten Fehlinvestments. Eine solche Spielart ist die Möglichkeit kreditfinanziert eigene Aktien zurückzukaufen. Vor allem in den Staaten haben die Aktienrückkäufe in den letzten Jahren massiv zugelegt.

Nicht zuletzt durch den Rückkauf eigener Aktien ist die Verschuldungsquote der Firmen in den breiten Aktienindizes deutlich angestiegen. Die Gipfel der Vergangenheit sind in Sichtweite oder wurden bereits wieder überschritten.

Gleichzeitig zeigen sich deutliche Risse im Konsumsektor. Vor allem die guten alten offline-Geschäfte leiden. Die Zahl der leidenden im Sektor nimmt jedoch ab. Dies zumindest suggeriert die Veränderung der Beschäftigung, die seit geraumer Zeit rückläufig ist. Auch die Vergabe von Krediten sinkt, in den letzten Monaten sogar deutlich. 

Ein deutlicher Rückgang ist für die Freunde ewigen Wachstums ebenso unschön wie ungewöhnlich. Ausreden gibt es natürlich wie immer reichlich, und wie so oft hat auch so manche Ausrede einen wahren Kern. So ist die Verlagerung der Kreditvergabe weg von Bankkrediten hin zur Anleihe in der Tat zu beobachten. Dieser Schwenk ist jedoch keine neue Entwicklung, die nun über die Kreditvergabe hereinbricht. Diese Tendenz ist ein alter Bekannter. Und so mag es einen wahren Kern in vielen Ausreden geben, das gesamte Ausmaß vieler Veränderungen erklären jedoch auch die besten Ausreden derzeit nicht.

Das alte Bild vom Aktienmarkt als Hund, der an der Leine der Wirtschaft mal voraus und mal hinterherläuft gilt auch heutzutage noch. Angesichts der Bewertung der US-Märkte aber auch der Märkte anderer Regionen sollte man davon ausgehen, dass viele Aktienmärkte der realwirtschaftlichen Entwicklung ein gutes Stück zu weit voraus gelaufen sind. Die stückchenweise unter Schmerzen angesammelten Gewinne der letzten vier Jahre sind nicht sonderlich erbaulich. Es mag sich für den einen oder anderen Anleger anders anfühlen, aber auch der Kursanstieg nach der US-Wahl führte lediglich dazu, dass der Ertrag einer Anlage im S&P 500 Index in den letzten fünf Jahren vor Kosten lediglich 1,9% jährlich einbrachte. Staatsanleihen brachten trotz leicht anziehender Renditen mit 2,3% jährlich mehr bei deutlich geringerer Schwankungsbreite.

Gegen die langfristigen Auswirkungen einer hohen Bewertung ist kein Kraut gewachsen. Das zeigt nicht nur der japanische Aktienmarkt, der sich mit der höchsten Bewertung eines Aktienmarktes eines Industrielandes in die Geschichtsbücher eintragen konnte. Seit nunmehr 30 Jahren laboriert man an den Folgen dieses Irrsinns. Angesichts solcher Zeithorizonte darf man sich Gedanken darüber machen, was manche Vertriebsbroschüren unter „langfristig“ verstehen.

Die Bewertung ist ein wichtiger Faktor, sie ist jedoch kein Indikator für die Freunde des kurzfristigen Handelns (wovon man den meisten ohnehin nur dringend abraten kann). Kurzfristig kann der Markt unabhängig von der Bewertung steigen oder fallen. Er kann noch teurer werden oder auch nicht. Wichtig ist für die meisten Anleger die langfristige Perspektive. Langfristig führen hohe Bewertung zu niedrigen künftigen Erträgen und umgekehrt.

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