Aufschwung durch die Hintertür

19. Januar 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Wir werden staunen, denn die EU-Oberen greifen jetzt zu ihrer stärksten Waffe, nicht etwa zur Überzeugung, sondern zu statistischen Tricks und passen die Wirtschaft den Notwendigkeiten an…

So sind Ausgaben für Forschung, Entwicklung und Rüstung künftig keine Ausgaben mehr, sondern Investitionen. Bei Rüstungsausgaben löst das sicherlich ganz besondere Freude aus.

Was nicht passt, wird passend gemacht. Wir werden staunen, wenn die EU-Wirtschaft 2013 plötzlich um 2,4 Prozent stärker gewachsen sein wird. Ich sehe schon die Experten staunen. Schnell sind statistische Anpassungen vergessen. Sämtliche Daten der letzten Jahre statistisch angepasst lassen keinen anderen Schluss zu – es gab niemals eine Rezession.

Der Schritt der Anpassung geschieht aufgrund einer „Harmonisierung“ in der Statistik. In den USA ist das längst Normalität, wobei Rüstung dort schon immer eine Investition war.

Wegen der neuen Berechnungsmethode in Europa sehen die Staatsschulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung gleich viel sympathischer aus.

Man hätte ja auch Kommas an andere Stellen verrücken oder Nullen streichen können, aber das wäre wohl etwas zu plump. Die Leute müssen langsam an ihr Glück gewöhnt werden. Hurra! Selbst bei Wirtschaftsabschwüngen geht es künftig aufwärts.

Juristen werden einwenden, es handelt sich um das Vortäuschen von nicht vorhandenen Tatsachen. Aber wichtig ist doch, was unterm Strich herauskommt: Glück, Wohlstand und Zuversicht – wenn auch nur auf dem Papier wie in der DDR. Dort hat man auch Statistik mit Statik verwechselt und wunderte sich dann, als das Kartenhaus entgegen aller Befehle von oben zusammenbrach.
Meyers Money-Fest: Über den täglichen Wahn und Sinn an den Kapitalmärkten

Wenn Ausgaben keine solchen mehr sind, dann müssen es wohl Einnahmen sein. Auf einer Bilanz gibt es nur zwei Seiten. Normalerweise. Es wäre für mich auch nicht erstaunlich, wenn künftig alle Sozialausgaben auch als Investition ausgewiesen würden. Schließlich investiert man ja in die Ruhe auf den Straßen. Oder man bezieht Dinge wie Glück in die Wirtschaftsleistung mit ein. Oder sämtliche Zinsausgaben für billionenschwere Schuldenberge. Am besten, man widmet sämtliche Ausgaben in Investitionen um, lässt Schulden verschwinden, streicht die Arbeitslosen und alles bleibt gut. Auch an den Börsen. Schöne neue Welt.

© Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nachrichten


 

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16 Kommentare auf "Aufschwung durch die Hintertür"

  1. Schubidu sagt:

    Ein schönes Beispiel aus der Praxis: Primärüberschuß in Griechland … Ich lach mich schlapp, wie die Menschheit verarscht wird!

  2. Lickneeson sagt:

    Endlich, „the Aufschwung formerly known as Abschwung is now deeply increasing“.

    Und nächste Woche im EU-TV:

    „EU Kommissar weiht Autobahn zum Mond ein. Sechsspurig und für Ausserirdische mautpflichtig.“

    Oje, es tut alles so weh!

  3. bluestar sagt:

    DDR-Niveau, das ist der treffende Vergleich.
    Unglaublich was einem an Lügen und Schwachsinn zugemutet wird.
    In der DDR konnte man wenigstens noch den Ausreiseantrag in ein anderes System stellen, aber mittlerweile lohnt sich das auch nicht mehr. Überall die gleichen Symptome des Niedergangs.

  4. Michael sagt:

    >Man hätte ja auch Kommas an andere Stellen verrücken oder Nullen streichen
    > können
    Zeichne die Exponentialfunktion in einen logarithmischen Chart ( Umkehrfunktion) und erfreue den Zuhörer mit einer Geraden der Steigung 1 die mit gewohnter gemütlich entlang des ewigen Aufschwungs im Schnitt nach oben geht – Alles Paletti oder.

    Die Ableitung der so dargestellten Funktion ist aber nicht die Funktion wieder selbst. Das Problem bei der Hyperinflation ist ja auch nicht die Anzahl der 0er, es ist die Frequenz mit der eine zuvor liebgewonnene Quantität wieder und immer wieder hinzugefügt wird.

    Das soll dem J.S. seinen Vortag in irgendeiner Weise diskreditieren. Er nimmt eine durchaus mutige Position ein.

    Irgendwann wird sogar mal der Bär bullish und dann holt das Preisniveau die Inflation auf… bevor dann der Glaube erschüttert wird. Das kann man bei verdoppelten Aktienpreisen bestens argumentieren, die Wirtschaft muss ja gut laufen, da die Aktien stiegen…

    Statistiken sind immer gut. Ist eine Software Lizenz perpetuell eine Investition oder Aufwand? Ist billig halt man uns an Steuerrecht und sagen es ist ein Geringwertiges Wirtschaftsgut. Ist es teuer ist es entweder eine Lizenz oder ein Anlagegut das man abschreiben kann. Begründen kann man jede Sicht jetzt außerhalb vom Steuerrecht.

  5. wolfswurt sagt:

    Im Endstadium von Zivilisationen herrscht Deflation beim Verstand und Inflation beim Schwachsinn.

    Die deutsche Sprache leidet unter einem Wortmangel um dies noch ausdrücken zu können.

  6. bluestar sagt:

    @wolfswurt
    „Im Endstadium der Zivilisation……“
    Hier ein Beweis für die Richtigkeit Ihrer These. Heute gab es wieder eine tolle Erfolgsmeldung auf dem unaufhaltsamen Weg zum Schwachsinn.
    „Dschungelcamp“ erreicht sensationell neuen Rekord bei Einschaltquoten. 51,5% Marktanteile bei den 14 bis 49-jährigen.“

    • wolfswurt sagt:

      Da leg ich mal nach.
      Überschrift unserer Regionalzeitung: „Jobwunder ging an den Arbeitslosen vorbei“

      Sind anscheinend im Dschungelcamp untergekommen…

      • wolfswurt sagt:

        Und noch einer:
        Juncker, ehemals EURO-Gruppenchef, sagte mal: „wenn es ernst wird muß man lügen“ und forderte als Premier in Lux die Steuerehrlichkeit der arbeitenden Bevölkerung ein.

        Oder:
        Der Finanzberater, welcher fremdes Geld anlegen möchte, wird für Fehler bei Beratung seiner Kunden vor den Kadi gezerrt und muß sich vor Gesetzen verantworten die von Leuten geschaffen wurden deren Hauptbeschäftigung die Verschwendung fremden Geldes ist.
        Selbstverständlich ohne jemals dafür vor den Kadi gezerrt zu werden.

        Noch Fragen Kienzle?

        • wolfswurt sagt:

          Einer geht noch:

          Steinmeier versteht die Frustration der ukrainischen Bevölkerung und die Reaktionen, sprich Gewalt gegen die Staatsmacht.
          Was er überhaupt nicht nachvollziehen konnte war die Empörung der Stuttgarter über die „demokratische Einstellung der BW Regierung in der Sache S 21.

          Für heute Schluß.

  7. bluestar sagt:

    Heute: Steinmeier bestellt den ukrainischen Botschafter ein. Er fordert die Einstellung von Gewalt der Sicherheitskräfte gegen die friedfertigen Demonstranten mit Masken, Eisenstangen, Molotovcocktails, brennende Autoreifen und Bussen.
    Natürlich wäre diese Art der Demo bei uns eine schwere Straftat die gnadenlos von der Staatsmacht verfolgt und geahndet wird. Schließlich leben wir in eine Demokrtie…
    Übrigens sind in 15 Monaten sowieso Wahlen in er Ukraine, aber das spielt ja keine Rolle wenn der Westen unbedingt Destabilisierung und Spaltung will.
    Wahrscheinlich bekommt der Mobführer Klitschko demnächst auch den Friedensnobelpreis.

    • wolfswurt sagt:

      bluestar, man weiß ja gar nicht mehr wo anfangen und wo aufhören.
      Die Zivilisation, sprich das Großhirn, ist inzwischen so weit weg vom Stammhirn, daß der Spread zum zerreißen gespannt ist.
      Da das Stammhirn nicht hoch kann und das Großhirn von unten kam bleibt nur die eine Möglichkeit das es da wieder hin muß.
      Und das wird ein Aua machen – oh weh oh weh.

      • wolfswurt sagt:

        Noch einen zum Mob und Klitschko und so.
        Wenn Menschen in Massen zusammenkommen, ist das Erste was sich verflüchtigt der Verstand.

        Insofern hüte ich mich dem Geschrei der Massen Achtung zu schenken.

      • bluestar sagt:

        Ja, es gibt unendlich viele Beispiele. Man müsste die mal alle aufschreiben. Vielleicht schreiben Sie ja einmal ein Buch mit dem Titel “ Inflation beim Schwachsinn“, Deflation beim Verstand – willkommen im Endstadium der Zivilisation“.
        Das wird bestimmt ein Renner bei den verbliebenen geistig Aktiven unter der Menschheit:)

        • wolfswurt sagt:

          Ja, geschrieben wurde in den letzten 2500 Jahren viel über den Niedergang von Kulturen.
          Aristoteles, Sokrates, Senneca, Sebastian Brant(Das Narrenschiff, 1495), Spengler, Ortega, Stoddard, Lorenz, Löbsack, Knaul u. a.
          Genützt hat es nichts. Der Zug rollt.
          Die Auflage eines solchen Werkes würde heute wohl unter 5000 reichen.
          Der Deflation wegen.
          Ich schwanke auch ständig ob sich ein Kommentar überhaupt noch lohnt oder nicht.
          Aber man kann halt schlecht aus seiner Haut fahren.
          Schönes WE

          • bluestar sagt:

            Der Nutzen des Schreibens liegt auch manchmal einfach in der Selbsttherapie um diesen ganzen Wahn-und Schwachsinn ertragen zu können und geistig standhaft zu bleiben. Der Anspruch etwas grundsätzlich verändern zu können ist natürlich nicht realistisch, wie die Geschichte genügend gelehrt hat. Geistig aktive, gebildete Menschen mit Moral und Verantwortung waren und sind auch heute in der absoluten Minderheit.
            Bei der geschätzten Auflage bin ich wesentlich optimistischer, ich glaube das grundsätzliche Interesse bei ca. 5% der Bevölkerung ist da.
            Gut, dass Sie nicht aus Ihrer Haut fahren können und Kommentare schreiben.
            Für mich sind Ihre Beiträge interessant und wertvoll.
            Beste Grüße

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