Reizthema Exportüberschuss: Aufgrund der großen Nachfrage…

20. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wenige Wirtschaftsthemen sind derzeit so emotional besetzt wie der deutsche Export. Wie sooft bleiben bei allzu großer Emotionalität die Fakten auf der Strecke…

Die Presse und Teile der Politik überschlagen sich zeitweise in der negativen Beurteilung der wachsenden Exporte Deutschlands. Einige sehen in der Republik gar den Schuldigen an der Misere zahlreicher Mitgliedsländer der Eurozone (siehe Sparen.com). Die daraus resultierenden Schlussfolgerungen sind in der Regel monokausal hergeleitete Hoffnungsketten, die aus einer Senkung der deutschen Handelsbilanzüberschüsse oder auch allein der Exporte segensreiche Automatismen ableiten. Die Hoffnungen auf gleichzeitig höhere Löhnen hierzulande und verbesserte Wirtschaftsentwicklungen andernorts mögen menschlich nachvollziehbar sein, allerdings gehen Wünsche und Fakten nicht immer Hand in Hand.

Der Wunsch nach mehr Geld ist verständlich. Der Gedanke allerdings, dass jemand der morgen 10% mehr verdient von seinem dann höheren Salär statt einem BMW doch lieber einen Peugeot kauft fällt wohl eher in die Rubrik „kann sein, kann auch nicht sein“.

Würden die Kosten auf das Produkt umgelegt und im Ausland sänke die Nachfrage nach dem bayerischen Automobil stellte sich die Frage, warum man hierzulande mit der gleichen Personaldecke weniger Autos herstellen sollte. Entlässt man dann einen Teil der Belegschaft während man für den verbleibenden Teil die Löhne anhebt?

Das wäre in der Tat eine sehr interessante Interpretation von „sozialer Gerechtigkeit“. Will man die heimischen Unternehmen stärker besteuern, so stellt sich zum einen die Frage, wie willkürlich die Auffassung von Kongruenz in Europa denn sein soll. Zum anderen darf man sich mit einem Blick auf die französische Industrie fragen, ob es denn an den Steuern liegt, dass man nicht überall besonders erfolgreich ist. Peugeot zahlt auf Grund horrender Verluste ohnehin keine Steuern und wurde zudem vor nicht allzulanger Zeit mit einigen Milliarden Steuergeldern gestützt.

(manager magazin 24.10.2012) Paris – Der angeschlagene französische Autobauer Peugeot bekommt Staatshilfen für seine Finanztochter PSA Finance. Frankreich werde mit bis zu 7 Milliarden Euro für die Emission von Anleihen garantieren, teile der Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën heute mit.

Nun wollen wir bestimmt nicht der hiesigen Autoindustrie das Wort reden. Die Abwrackprämie war schließlich ein globales Phänomen, das auch in Deutschland zu beobachten war. Subventionitis ist auch hierzulande nicht auf den Energiesektor beschränkt. Dennoch darf man sich fragen, was einem lieber ist, ein international konkurrenzfähiges Unternehmen, das Steuern zahlt oder ein Dauersanierungsfall, für den Steuergelder aufgewendet werden müssen.

BMW zahlte zwischen 2009 und 2013 insgesamt 9,5 Milliarden Euro Steuern, was einer Steuerquote von 33,7% entspricht. Die Einnahmen könnte man natürlich direkt nach Paris überweisen um die Rettung von Peugeot als folgsamer Europäer solidarisch zu finanzieren. Man kann auch die Steuern um 10% anheben, dann hätte man ein paar hundert Millionen mehr in der Tasche. Damit kann man dann den Brückenbau in Portugal ankurbeln. Wer einmal im schönen Portugal war, der hat dort viele neue Brücken gesehen. Vor den meisten steht ein kleines blaues Schild mit einem Kreis gelber Sterne.

Die Euro Bombe

 

In einem ersten Schritt ist es sinnvoll, sich von den absoluten Zahlen abzuwenden und sich den relativen Werten zu widmen. Der Vergleich absoluter Exportüberschüsse verschiedener Länder ergibt ebenso wenig Sinn wie das Gegenüberstellen absoluter Arbeitslosenzahlen. Eine Million Arbeitslose ist eine große Zahl, allerdings sind die Implikationen von so vielen Arbeitslosen für ein Land wie die USA anders als für Portugal.

Die folgenden Grafiken zeigen die Anteile der Exporte und Importe am BIP für verschiedene europäische Länder. Alle Daten stammen von Eurostat, Exportwerte von mehr als 100% wie im Falle Irlands sind unter anderem möglich durch einen hohen Anteil an Vorprodukten, die dann weiterverarbeitet wieder exportiert werden. Werte von mehr als 100% des BIP sind nicht allzu häufig, kommen aber durchaus vor. Auch in Singapur oder Hong Kong lassen sich solche Zahlen beobachten.

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Der Anteil der Exporte am deutschen BIP ist zwar hoch aber alles andere als außergewöhnlich. Wären die Quoten die Köpergröße von Menschen, so würde der Michel in einer Menschenmenge nicht sonderlich auffallen. Interessant ist das untere Ende der Balkengrafik. Dort finden sich eben die Länder, aus denen des öfteren Klagen über die Exportquoten anderer Länder zu hören sind. Schaut man sich die mittleren Werte an, so wäre der Hinweis auf eine sehr schwache Exportindustrie in diesen Ländern wohl mindestens ebenso angebracht wie die Kritik an den stärker auf den Export orientierten Ländern darüber. Bei den Importen sieht es ähnlich aus.

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Auch bei den Importen liegen Frankreich, Italien und Spanien am unteren Ende der Skala. Prozentwerte sind für viele Menschen oft wenig greifbar. Daher lohnt sich der Blick auf die in Euro pro Einwohner umgerechneten Importe in verschiedenen Ländern. Von einer strukturellen Importschwäche Deutschlands ist in den Daten von Eurostat nichts zu erkennen. Wenn nun von Monsieur Hollande oder seinen staatlichen Mitangestellten die mangelnde Bereitschaft der Deutschen zum Kauf ausländischer Waren als Hauptgrund für die eigene ökonomische Misere dargestellt wird, so darf man dies durchaus als politisch motivierte Ausrede einstufen.

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Besonders hilfreich waren die Klagen für den erfolglosen sozialistischen Staatspräsidenten unseres schönen Nachbarlandes bisher nicht. Aber die Erfolglosigkeit von Hollande auf nur diese Fehleinschätzung zurückzuführen wäre wohl des Monokausalen ebenfalls zu viel…


Eine der Ursachen für die zum Teil künstlich erhöhte Nachfrage aus anderen Staaten der Eurozone nach deutschen Gütern liegt in der politisch motivierten Einführung einer Einheitswährung und ihrem gefährlichen Zwilling den Einheitszinsen.

Diese Probleme wurden in Brüssel aus der Taufe gehoben, langfristig schädliche Folgen waren lange vor der Einführung des Euro bekannt und wurden ignoriert. Hören wollte man davon weder in Berlin noch in Paris etwas.

Wie Länder, die vor dem Euro ihre externe Wettwerbsfähigkeit durch regelmäßiges Abwerten der Währung relativ zur D-Mark aufrechterhielten, dies mit einer Einheitswährung bewerkstelligen sollten, interessierte niemanden.

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Das ginge nur mit interner Abwertung, die natürlich politisch schlechter zu verkaufen ist als eine Währungsabschwächung, an die sich alle im Laufe der Jahrzehnte gewöhnt hatten. Nun soll es halt weder die externe Abwertung (geht mit dem Euro nicht) noch die interne Abwertung (geht mit dem Wähler nicht) sein. So entschloss man sich zum einfachen Weg und wälzte die Verantwortung auf ein anderes Land ab, dass doch gefälligst intern aufzuwerten habe. Man schließt in einem feuchten Raum alle Fenster luftdicht ab und wundert sich, warum es nach einiger Zeit zu schimmeln anfängt. Auf die Idee, die Fenster wieder öffnen, kommt bisher (noch) niemand.

Kurz erwähnt sei an dieser Stelle wegen der oft verknüpften Themen Exporte hüben und Defizite drüben auch die Bedeutung der Art des Exports im Falle von finanzierten Exporten. Wird mit dem geliehenen Geld konsumiert oder investiert?

Die Euro Bombe

Am Beispiel Griechenlands, an dessen Problemen neuerdings ebenfalls der Michel die Hauptschuld tragen soll, lässt sich dies gut verdeutlichen. Die privaten Konsumausgaben in Griechenland stiegen zwischen 1995 und 2013 um 78%. In Deutschland legten sie im gleichen Zeitraum um 43% zu.

Bei den Investitionen sieht das Bild anders aus. In Deutschland legten die Investitionen in diesem Zeitraum um 26% zu. In Griechenland schrumpften sie um 11%. So etwas geht natürlich auf Dauer schief. Jeder muss für sich beurteilen, ob es attraktiver ist, jemanden 5.000 Euro für einen Hot Dog-Stand oder für ein paar Designerklamotten zu leihen.

Das Projekt Einführung des Euro respektive Abschaffung der D-Mark war seinerzeit wichtiger als grundlegende ökonomische Fragen. Dass man nun die Folgen des eigenen Handelns nicht realisieren will gehört leider zum Spiel. Man solle doch Europa nicht auf „das Wirtschaftliche“ reduzieren, war und ist ein Mantra der Euro-Befürworter.

Dennoch geht es seltsamerweise gerade den Freunden dieser Haltung immer wieder ums Geld. Vielleicht arbeitet man in Brüssel aber bereits am großen Einheitsstaat. Wenn Europa nur noch ein Land ist, dann ist endlich Schluss mit so furchtbaren Dingen wie Exportüberschüssen. Das Leben kann so einfach sein. Vielleicht macht einfach endlich mal jemand ein Fenster auf.



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