Auf der Streckbank

19. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Die neueste Umfrage unter Banken im Handelblatt ergab, dass der DAX zum Jahresende auf 7400 Punkte klettert. Es ist eine Erwartung, muss aber nicht heißen, dass man an den Märkten bekommt, was man erwartet, sondern nur das, was man verdient. Andere fragen sich, ob man nicht die Finger von Aktien lassen sollte, wenn die technischen Ampeln grün, gelb und rot blinken. Die meisten Kurse haben längst ihre Hochs verlassen und leiden seitdem unter Schwindsucht. Wie im Jahr 2000 kursieren schon wieder Todeslisten mit Titeln, die den Abschwung nicht überleben werden. Auch ein ausgewogenes, optimiertes und wohltempertiertes Portfolio hat Schaden genommen…

Die Kurse bewegen sich wie auf Schienen auf eine Mauer zu, gebaut aus Ziegeln der “ -tionen“. Inflation, Deflation, Rezession, Stagflation und Depression haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht, den Anlegern Ärger zu machen. Nur Sachwerte steigen im Preis. „Kaufen Sie Aktien!“ stand auf den Bahnhofsanzeigen. „Kaufen Sie Zertifikate!“ „Kaufen Sie Fonds!“ „Werden Sie glücklich!“ Welche Ziegelreihe in der Mauer der “ -tionen“ der Zug letztlich treffen wird, erscheint im Sommer 2008 wie eine Wette unter Pokerspielern. Vielleicht reißt der Zug die ganze Mauer nieder? Wer kann das schon wissen? Zur Zeit werden die meisten Zuginsassen mit Rettungspuffern, Verlustbarrieren und Versicherungen ausgestattet. Auch Prophezeiungen und Wetten aus Dynamit sind dabei, während die Lokomotive Geschwindigkeiten erreicht, die den Mann auf dem Stellwerk zu Telefon und Notarztkoffer greifen lassen.

Merken Sie auch, wie häufig das Wort „überraschend“ benutzt wird? Der Ärger begann 2007 und auch dieses Jahr begann mit Ärger. Dem Kreditzyklus ging die Luft aus, die daraufhin folgende Krise verschärfte sich, so dass die Notenbanker seitdem im Dauereinsatz sind, eskortiert von optimistischen Versprechungen aus Politik und Wirtschaft. Die Aktienmärkte deflationieren, während sich die Teuerung über das Alltägliche hermacht. Das Rennen ist unentschieden. Für hunderte Millionen von Erdenbürger geht es dabei um das nackte Überleben, wenn die Nahrungsmittelpreise sich mal eben verdoppeln. Dass das Ärger gibt, sieht man an einigen Brennpunkten dieser Welt. Hunger macht Wut. Bei uns Deutschen machen die Nahrungsmittel elf Prozent der Ausgaben aus. Noch. „Kaufen Sie Rohstoffzertifikate!“ klingt in diesem Zusammenhang mehr als zynisch.

Die US-Wirtschaft wird trotz statistischer Feinjustierungen in der Rezession ankommen, wenn sie nicht längst schon dort gelandet ist. Der US-Verbraucher ist längst ausgelaugt. Was von vielen Experten an das Ohr der Welt drang, hat schlichtweg nicht gestimmt. Die Lage war ernster, und man möchte meinen, die Experten wussten das. Nun spüren die meisten Menschen stagnierende Löhnen und steigende Preisen und erleben so ihre ganz persönliche Stagflation. Viel zu kurz greift dabei die Suche nach den „Schuldigen“. Nicht nur die höhere Nachfrage von mehr Menschen nach den Rohstoffen treibt die Preise an, vor allem die Geldmenge aus den Notenbanken treibt die Preise. Inflation kein Ölpreisproblem, sondern ein monetäres, steht sogar die FAZ. Bravo! Es hat aber auch gedauert! Seit der Abkopplung der Währungen vom Gold wächst die Geldmenge zehn mal schneller als die realen Güter.

Mit dem ersten Scheppern bei den US-Hypothekenfinanzierern wurden noch mehr rosaroten Brillen verteilt. Eine weitere rosa Lackschicht bekamen diese mit dem Fall von Bear Stearns, IKB und Northern Rock verpasst. Alles andere schimmert ebenfalls leicht rosa, selbst die Sprechblasen tragen die Farbe rosarot. Dem Anleger wurde Sommerwetter verordnet. Und dann begann es nicht nur zu regnen, es schüttete. Anlageexperten versuchten ihre Sorgenfalten bezüglich der Finanzmärkte wegzubotoxieren, und traten strahlend vor die Anlegerschaft. Botox-Aktien wären der Renner im Jahr 2008.

Die halbstaatlichen Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae sind bankrott, stellt ein hoher Notenbanker der FED fest. Sie liegen auf der Intensivstation, werden notfalls verstaatlicht. Ähnliche Zombies sind General Motors, Ford und Chrysler, berichten die Zeitungen. Wieso hat man den Friedhof verschlossen und die Schlüssel versteckt?
Selbst in Deutschland werden noch standhafte Banken mit Mumien verheiratet. Das Deo liefert der Staat. Diese Woche sollte eine 15-jährige spanische Staatsanleihe plaziert werden. Mangels Interesse wurde das abgebrochen, die Offerte zurückgezogen. Ein Novum, und das in nur einer Woche.

Der Mensch ist ein komisches Tier. Mit 10% Verstand versucht er 90% seiner Emotionen zu kontrollieren. Während sich geschlagene Hunde den Schläger merken, und ihn auch nach langer Zeit meiden, verzeiht der Anleger recht schnell sich selbst als auch den Rat-schlägern. Statistiker haben herausgefunden, dass man nach einem halben Jahr den Schmerz vergessen hat, und den Fehler dann gerne wiederholt.

Der DAX steigt auf 10.000 Punkte und das Barrel Öl fällt auf 45 Dollar, hieß es vor wenigen Monaten. Obwohl seitdem das Gegenteil passiert ist, sind für Anlageberater Anlagen meistens (zu) billig. Doch Bullenmärkte sind endlich. Manchmal ist es nur eine Frage der Interpretation, Definition, der Zeitachsen oder der Selbsttäuschung. Und so erinnere ich mich an einen Interviewgast, der sagte, dieser im letzten Jahr gestorbene Bullenmarkt wäre nur eine Echoblase als Reaktion auf das Platzen der dot.com-Blase. Dank Greenspan`scher Gelder und niedriger Zinsen machten sich die Anlageklassen weltweit auf, um im Preis zu steigen. Er hat Gold gekauft und wurde belächelt. Aber er lag richtig und war einer der ersten.

Kennen Sie das jüdische Rad? In einer Sendung hat mir ein älterer, bescheidener und reicher Mann erklärt, dass das mit den Investitionszyklen ganz einfach sei: Er malte ein Rad mit drei Speichen. Aktien, Immobilien und Edelmetallen. Das Rad dreht sich sehr langsam, für viele oft zu langsam in einer Zeit, in der es um Schnelligkeit geht. Demnach hätten Aktien ihren Zenit längst überschritten und mit dem Platzen der Internetblase hat dass Zeitalter der Edelmetalle begonnen. Mit Schnelligkeit sind die wenigsten reich geworden, mit klugen Gedanken schon. Nur stehen diese selten in den Zeitungen.

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.