Auf dem Weg abwärts zur Mitte…

10. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare

Schiesser, Kaufhof, Märklin, Rosenthal… Unternehmen gehen reihenweise pleite. In den Pressemeldungen steht, dass die Geschäfte gut laufen, aber die Refinanzierung der Schulden den oft Hundertjährigen die Beine wegzieht. Wären sie Banken, sähe ihre Lage schon anders aus. Mit ihrer Insolvenz stirbt auch die Tradition. Stück für Stück. Sie darbt schon länger, es wollte bloß niemand wahrhaben. Selbst als Werbeargument hat Tradition ausgedient…

Den wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer spürte man vor allem in der Vermehrungsrate der Reste-Rampen und Läden, wo sich die kleinen Preise gegenseitig an die Gurgel gingen. Seit Unterhose, Strümpfe und T-Shirts einen Euro kosten und der vietnamesische Plastikpullover für jeden erschwinglich ist, hat eine Art Paradigmenwechsel eingesetzt. Das komische Gefühl, einen Billigschlüpfer zu tragen ist dem Trost gewichen, dass man dabei gespart hat. Zudem sind sie salonfähig geworden wie Fast Food oder das Handy als anerkanntes Körperteil. Beim Kaffeebrühen ist man noch etwas eigen.

Doch die Traditions-Industrie wurde noch von anderer Seite angefallen – von Heuschrecken. Viele wurden von Finanzinvestoren ausgesaugt, die jetzt weiterziehen oder selbst entsorgt werden. Mit der Kreditkrise wird sichtbar, wie eng es für viele längst war. Es fehlte nur ein Funken. Man hat um Geld und um Ratschläge gebeten. Schlaue und gut bezahlte Experten haben es bereit gehalten. Doch es waren Schläge ohne Rat. Das Rezept hieß: Mitarbeiter entlassen, Löhne drücken, Produktion auslagern, Zulieferer erpressen und Nullrunden als Innovation verkaufen. Es gab kaum Chancen in einer Zeit, wo den Leuten das Geld für schönes Porzellan fehlt und es auch Discounterware tut. Im Lebensmittelbereich haben sie ihren Marktanteil auf 44% ausgeweitet. Man ist, was man isst.

Gegen China gibt es kaum eine Chance. In fernen Ländern liegen die Stundenlöhne unter einem Euro. Abfälle werden weggekippt, Sozialsysteme stecken in den Kinderschuhen. Inmitten der Globalisierung wird Tradition zerdrückt wie Cornflakes zwischen Mühlsteinen.

Gestern haben wieder tausende Leute ihre Sachen gepackt und wurden nach Hause geschickt. Dem Nachbarn geht es ähnlich. Ist er noch nicht arbeitslos, spürt er zumindest die die Angst davor. Und dann geht man schockiert zum Arbeitsamt, mit mehr Fragen als Antworten und macht sich auch die Suche nach Gründen und auch Schuldigen. Man wird wissen wollen, warum die Globalisierung keinen Vorteil hatte, obwohl man es doch versprach. Und warum die Politik sie nicht schützen konnte oder wollte.

Die Welt wird sich in der Mitte treffen, nachdem sie in den nächsten Jahren auf vielfältige Art durchgeschüttelt wurde. In den Denkfabriken sorgt man sich um das Thema Protektionismus. „Bringt den Nachbarn an den Bettelstab“ war früher ein oft verwendetes Mittel. Der Ruf nach Schutz wird lauter.

Was wird wohl passieren? Dinge mögen den energieärmsten Zustand – in der Physik, in der Chemie, in der Biologie. Ob die Wirtschaft davon ausgeschlossen bleibt? Wenn künftig mal eine Porzellankanne mit dem Rosenthal-Zeichen zum Einsatz kommt, werden wir als Großeltern zurückdenken und den Enkeln berichten. In der Zwischenzeit haben sich chinesische und britische Preise in der Mitte getroffen, auch die Arbeitsbedingungen und der Leistungsdruck. Deutsche und polnische Löhne werden sich angleichen. Nichts anderes passiert mit den Renten und Sozialsystemen. Die einen steigen auf, die anderen steigen ab.

Nicht dass ich mir das wünschte, ich erwarte es sogar. Es wird ein langer und schmerzlicher Weg.

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