Auf Krawall gebürstet

8. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Diese Kolumne ist nur ein Gedankenspiel ohne Anspruch auf Richtigkeit. Sie kann nicht mehr sein als das, weil man in die Köpfe der Entscheider in Politik und Wirtschaft nicht hineinsehen kann, nicht wissen kann, was hinter verschlossenen Türen getuschelt und beschlossen wird.

Aber eines meine ich, darf man getrost als Fakt festhalten: Die Damen und Herren an der Spitze der Weltbevölkerung scheinen zusehends auf Krawall gebürstet zu sein. Alles wirkt ebenso aggressiver wie planloser. Und langsam, ganz langsam merken auch immer mehr Couch Potatoes, die ansonsten schon damit überfordert sind, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern, dass irgendwas nicht stimmt.

Die Frage ist, warum man plötzlich so ungemütlich wird. Noch wichtiger ist die Frage, wohin man glaubt, dass diese neue Bereitschaft, sich mit anderen anzulegen, führen wird? Kann da ein Segen drin liegen? Ich fürchte nein. Und wenn man sich so die Zinsen in Europa und die Aktienindizes ansieht, glauben immer mehr – vor allem große Adressen – das auch nicht.

Ich könnte mir vorstellen, dass man diese Aggressivität verstehen kann, wenn man sich ansieht, woher wir kommen – und wo wir nun stehen. Ich habe den Eindruck, dass diese Entwicklung darauf beruht, dass man fürchtet, nun eine Rechnung bezahlen zu müssen, die man mit aller Macht anderen unterzuschieben versucht. Und das in vielen Bereichen.

Warum sonst hört dieses Säbelrasseln zwischen EU und USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite nicht auf? Man müsste doch verstehen, dass dieses so ungeschickt wirkende Verhalten am Ende beiden Seiten schadet … und man nie sicher sein kann, dass kein Totalschaden daraus wird.

Warum scheinen Griechenland einerseits und die EU nebst EZB und IWF andererseits ihre Energie darauf zu verwenden, die Schuld bei der jeweils anderen Seite zu suchen, statt nachhaltige Lösungen zu finden, indem man seine eigene Teilschuld eingesteht?

Wieso geht in den USA nichts voran, weil seit einigen Jahren die Republikaner in sich zerstritten sind, die Parteien untereinander ohnehin keine einheitliche Meinung zusammen bekommen und so selbst dringende Sachen nicht entschieden werden?

Wie ist es möglich, dass man scheinbar außerstande ist, gemeinsam und zielgerichtet gegen den IS-Terror oder Boko Haram vorzugehen, nachdem man doch noch vor wenigen Jahren offenbar an einem Strang zog, als es gegen Al Kaida ging?

Kann es wahr sein, dass in Griechenland oder Spanien immer noch Arbeitslosenraten um die 25 Prozent herrschen und niemand imstande und/oder ehrlich bereit zu sein scheint, dagegen vorzugehen?

Das Verhalten der großen Notenbanken wirkt nicht nur wirr, sondern auch brandgefährlich. Nur scheint das vor allem in der Politik niemanden zu stören, egal, wie viele unabhängige Experten Alarm geben. Andererseits stehen die Notenbanken vor allem in den USA und Europa alleine da, weil seitens der Regierungen die begleitenden Maßnahmen und Reformen ausbleiben. Wieso?

Man zerfleischt sich gegenseitig, während die Wölfe außerhalb der Grenzen der etablierten, „reichen“ Regionen immer stärker werden. Dass unsere Entscheider mit dem Eisberg der Geschichte bewusst auf Kollisionskurs gehen, ist unrealistisch. Denn dass ein, zwei unter den Mächtigen durchdrehen, kann schon mal vorkommen. Aber nicht alle. Was aber soll dann diese zunehmende Aggressivität? Wie eingangs vermutet: Man will möglichst versuchen, den schwarzen Peter anderen zuzuschieben.

Die Segnungen der Globalisierung waren, dass die Abkehr von isolationistischen Wirtschaftsräumen und die Tendenz zu politischen, wirtschaftlichen und militärischen Zusammenschlüssen zunächst nur Vorteile hatten. Mehr Sicherheit, mehr und konstanteres Wachstum für alle. Wuchs ein großer Wirtschaftsraum, hatten alle etwas davon. China wuchs. Überhaupt die vielen Emerging Markets. Dies und eine aggressive Bekämpfung aufkommender Rezessionen durch niedrige Zinsen und billiges Geld halfen zu verhindern, dass die Kehrseite des Ganzen wirklich zum Tragen kam: Wenn eine große Region kippt, zieht das eben auch alle mit.

Da wären wir nunmehr aber angekommen. Die Notenbanken haben ihr Pulver verschossen und das Wachstum der Emerging Markets schwindet, in einigen Regionen ist es bereits komplett dahin. Der Kuchen, von dem doch alle etwas abhaben wollten und dessen Nährwert ausreichte, um das fehlende, organische Wachstum in Europa und den USA ebenso wie das Fehlen tiefergehender Konsequenzen aus Subprime-Krise und der Flutung der Finanzindustrie mit Gratisgeld zu kompensieren, ist jetzt zu klein für alle.



Wie immer zeigt sich die Stabilität und die Vertrauenswürdigkeit von Zweckgemeinschaften erst, wenn es nicht mehr so gut läuft. Und siehe da, man streitet, ringt um eigene, kleine Pfründe und hat keine Hemmungen, mit dem Finger auf die zu zeigen, die vorher noch Freunde waren. Aber was bringt das? Sicher, eine wieder angespannte geopolitische Lage bietet Ausreden, die man wie ein As im Ärmel im Notfall anbringen könnte. Und ja, wenn Zweckgemeinschaften ihre Struktur verlieren, bleibt mehr für die Stärksten übrig. Aber:

Dieses Verhalten, das auf dem laufenden G7-Gipfel bislang so auffällig ist, nämlich sich vor allem mit Schuldzuweisungen zu beschäftigen statt etwas zu bewegen, macht immer mehr Menschen nervös. Und da, genau da, liegt das Problem. Denn das gesamte Kartenhaus, aus dem die wirtschaftliche und politische Welt besteht, basiert darauf, dass es nicht wackelt. Und schwindendes Vertrauen würde zur Folge haben, dass es am Fundament wackelt, dort, wo Konsumenten und Anleger bislang im Vertrauen darauf, dass alles mindestens so bleibt, wie es ist, konsumiert und investiert haben.

Ist das Vertrauen dahin, würde beispielsweise eine Rallye, die den DAX von Oktober bis April um 4.000 Punkte nach oben katapultiert hatte, einfach (und das gemeinhin schneller, als es aufwärts ging) zu Staub zerfallen. Wenn erst einmal das unangenehme Gefühl, dass hier etwas aus dem Ruder läuft, zum Allgemeingut wird, ist nichts mehr zu halten. Dann wird der Anteil derer, die ihr Geld doch lieber, ggf. mit kleinen Strafzinsen, auf dem Konto lassen anstatt sich den Verlustrisiken am Aktienmarkt auszusetzen, rapide steigen und eine Kettenreaktion auslösen, die dann auch, vergleichbar mit 2008, den Weg in Rezessionen beschleunigt. Konsumbremse, fallende Unternehmensgewinne, steigende Arbeitslosigkeit, noch weniger Konsum und so fort. Der Unterschied zu 2008:

Gegenüber damals haben die Notenbanken bereits alle Register gezogen. Und die Politik hat sich seitdem in ihrer Fähigkeit, schnelle und vor allem kluge Entscheidungen zu treffen, rückwärts entwickelt.

10bund1

Wenn dann auch noch steigende Zinsen hinzukommen, weil große Adressen sich an diesem gegenseitigen Schienbein-Treten beteiligen und gezielt über die Anleihemärkte auf die Eurozone schießen, dann gute Nacht. Sie erinnern sich sicherlich an meine Kolumne von Mitte Mai. Kurz darauf schien es, als würde sich die Lage wieder beruhigen. Aber der vorstehende Chart zeigt: es geht erneut los. Heftiger als zuvor. Und nicht nur in Deutschland steigen die Zinsen, sondern quer durch die Eurozone.

Dass Mario Draghi, der in der EZB-Pressekonferenz am Mittwoch verbal tat, was er konnte, um die Wogen zu glätten, damit scheiterte, ist ein Indiz dafür, dass sich die allgemein zunehmende Aggressivität in Politik und Wirtschaft nun sogar beschleunigen könnte, denn dort sehen nun alle zugleich ihre Felle davonschwimmen … und tun alles, damit es zuerst die Felle der anderen sind!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt www.baden-boerse.de



Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar