Auf Augenhöhe im Märchenwald

1. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Vor einigen Quartalen haben sich die deutschen und französischen Wirtschaftsindikatoren zerstritten und gehen seither getrennte Wege. Als Trend darf, aber muss man das noch nicht deuten, wenn auch die desolate Vorstellung der Pariser Laiendarsteller bleibende Schäden anrichten kann. Weniger Arbeiten, mehr Gehalt, tiefere Einkaufspreise und höhere Exporterlöse…

Gleichzeitig weniger produzieren aber die Kapazität nicht verringern. Prima, Monsieur Hollande, geben Sie bitte kurz Bescheid, wenn Sie die Lösung dieser Wirtschaftsgleichung gefunden haben. 

Die oberflächliche Europa-Romantik lässt sich von derlei wirtschaftlichen Kleinigkeiten nicht aufhalten. Mögen sich die Räder und Rädchen des brüsseler Bürokratengetriebes kürzlich selbst gefeiert haben, die wirtschaftlichen Entwicklungen beider Staaten driften auseinander.

Seit einiger Zeit wandern die Einkaufsmanagerindizes in entgegengesetzte Richtungen. Das gilt sowohl für das produzierende Gewerbe …

… als auch in deutlicherer Ausprägung für das Dienstleistungsgewerbe.

Nun ist die deutsche Wirtschaft vor Ungemach nicht gefeit. Viele Probleme sind bereits seit einigen Quartalen auch in Deutschland spürbar. Dennoch wird das Nachbarland wesentlich härter getroffen, eine Entwicklung, die durch die hilflos wirkenden Aussagen der offensichtlich überforderten Politiker in Paris verschärft wird.

Generell kann man sich für die Produktion von Waren im schönen Nachbarland nicht mehr erwärmen, was daran liegen mag, dass sich potenzielle Konsumenten das made in France-Schildchen nichts kosten lassen wollten. Ob die politischen Gewaltträume à la „Wer entlässt, der wird enteignet“ zu überstürzten Investitionen aus dem In- und Ausland führen darf bezweifelt werden.


Die folgende Grafik zeigt den Verlauf der Industrieproduktion beider Länder. Aufschlussreich ist die Entwicklung nach dem rapiden Einbruch in der ersten akuten Phase der Krise. Die deutsche Produktion kam auf die Beine. In Frankreich hingegen kehrte die Produktion nach einigen Quartalen äußerst schwacher Gegenwehr wieder auf den abwärts führenden Pfad zurück.

Das Ausmaß des Auseinanderdriftens seit 2009 darf man angesichts der kurzen Zeitspanne erstaunt zur Kenntnis nehmen. Europa hat alles andere als nur ein peripheres Problem, was jedoch niemanden mehr überraschen sollte.

Die Renditedifferenz der Staatspapiere beider Länder hat im Jahr 2012 einen ersten Aufwärtsimpuls gezeigt. In den 90er Jahren lag sie bei mehr als 2 Prozentpunkten, ein Niveau, von dem die beiden Schatzämter noch weit entfernt sind.

Ein gegenseitiges Einmarschieren konnte übrigens seinerzeit trotz hoher Zinsdifferenz und nicht existenter Einheitswährung verhindert werden. Quelle surprise …


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11 Kommentare auf "Auf Augenhöhe im Märchenwald"

  1. vegaman sagt:

    „Gleichzeitig weniger produzieren aber die Kapazität nicht verringern. Prima, Monsieur Hollande, geben Sie bitte kurz Bescheid, wenn Sie die Lösung dieser Wirtschaftsgleichung gefunden haben.“

    Die Ironie verstehe ich nicht. Ich dachte, Deutschland zahlt die Differenzen. Habe ich was verpasst?

  2. MH sagt:

    Die Frage ist, welche Alternativen Deutschland hat. Da kämen dann ja nur ein Alleingang oder Partner außerhalb der Eurozone in Frage. Die Einteilung in Nord-und Südeuro hat sich meiner Meinung nach mittlerweile erledigt, da zu viele Anwärter für den Südeuro. Und zu einem Alleingang fehlt Deutschland die Traute – leider, muss man wohl sagen.

    Da man weder die geographische Lage noch kulturelle Faktoren übersehen kann, wären Zusammenschlüsse außerhalb der Eurozone sehr gewagt. Ein engerer Zusammenschluss mit Russland, wie es beispielsweise Paul Craig Roberts empfiehlt, wäre schon allein aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten schwierig, von den unterschiedlichen politischen Systemen mal ganz abgesehen.

    So wird alles wie gewohnt seinen Gang gehen, bis September müssen alle Dämme halten. Die Zeit danach wird allerdings spannend werden.

  3. FDominicus sagt:

    “ Und zu einem Alleingang fehlt Deutschland die Traute – leider, muss man wohl sagen.“

    Ich kann nicht sehen warum da nicht folgende Länder mitziehen sollten. Niederlande, Österreich und was immer im Norden von D noch so mit dabei ist. Auch GB könnte vielleicht die „Traute“ sein…

  4. 4fairconomy sagt:

    „Gleichzeitig weniger produzieren aber die Kapazität nicht verringern.“ Dies kann natürlich nicht aufgehen.

    Gleichzeitig mehr produzieren und, zumindest relativ dazu, weniger Lohnsumme zahlen – ist nicht vernünftiger. So steht Deutschland nur dank eines beachtlichen Exportüberschusses besser da. Damit sich aber die anderen Länder in Europa erholen können, muss dieser Exportüberschuss abgebaut werden und sich in ein Importüberschuss verwandeln – zumindest gegenüber den europäischen Ländern in Schwierigkeiten. Ansonsten Deutschland seine Exportüberschüsse nachträglich selbst wird bezahlen müssen in Form von Rettungspakete.

    Ob das der Michel begreifen wird und die übrigen Europäer sich die Rolle der abhängigen „faulen“ Bittsteller längere Zeit gefallen lassen werden, ist fraglich. Für den innereuropäischen Frieden jedenfalls keine gute Ausgangslage.

    Die Lohnentwicklung in Deutschland hat aber die Entwicklung eines starken Binnenkonsums verhindert und Deutschland von Exportüberschüssen abhängig gemacht:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/gehaeltervergleich-der-industriestaaten-deutschland-ist-lohnminus-meister-a-734794.html

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sinkende-realloehne-deutsche-koennen-sich-immer-weniger-leisten-a-796625.html

    Demnach hat die Kaufkraft vor allem bei den mittleren Einkommensklassen nachgelassen, während ganz oben ein realer Kaufkraftanstieg erreicht wurde. Nur steigt die Sparquote je höher die Einkommen. Diese sind keine verlässliche Stütze für den Binnenkonsum. Die Ersparnisse können zu mehr Arbeitsplätze schaffenden Investitionen führen. Dies muss aber nicht der Fall sein, wenn das Geld in Boden, bestehende Immobilien, Liquiditätshaltung, Edelmetalle, Staatsobligationen, Aktien (Sekundärmarkt) u.a. angelegt wird.

    Die Exportüberschüsse verdankt Deutschland zu einem nicht unwesentlichen Teil dem Schuldenwachstum im übrigen Europa.

    http://www.ftd.de/politik/europa/:statt-droge-exportueberschuss-deutschland-braucht-hoehere-loehne/70120101.html

    Die Gewinne aus dem Exportüberschuss – wie auch alle anderen Gewinne und Ersparnisse – wurden zum Hauptteil nicht in Sachanlagen investiert sondern „zur Bank getragen“. Entsprechend der aktuell vorherrschenden Geldanlagestrategien floss davon ein hoher Anteil in Hypothekarkredite, Staatsobligationen, Aktienmärkte (Sekundärmarkt) u.a. und nur ein geringer Teil ging an Unternehmen. Die meisten Ersparnisse fliessen also in Anlageformen, deren Rückzahlung letztlich eine höhere Güterproduktion erfordern wird, welche aber diese Anlageformen kaum finanzieren helfen. Es entstehen so die Realwirtschaft immer mehr belastende Verbindlichkeiten. Diese Gewinne bzw. Ersparnisse hätte man sich aus volkswirtschaftlicher Sicht besser erspart bzw. statt dessen wären gescheiter z.B. höhere Löhne ausbezahlt worden.

    Positive Zinsen (nominell!) für Geldanlagen machen eigentlich nur Sinn, wenn die Nachfrage für realwirtschatliche Investitionen über dem Geldangebot liegt. Eigentlich eine volkswirtschaftliche Binsenweisheit und Selbstverständlichkeit. Das ist z.B. nach einem Krieg oder sonst einer Verwüstung bzw. verhinderten Entwicklung problemlos der Fall. Je entwickelt eine Volkswirtschaft, desto geringer der Bedarf an realwirtschaftlichen Investitionen aber desto höher der Sparbedarf…Wenn dies nicht über den Preis, den Zins, ins Gleichgewicht gebracht werden kann, dann muss es irgend wann zum Knall kommen.

    Das Wirtschaftsmodell, welches nach dem Krieg bis in die 70er Jahre gut funktionierte, kann auf Dauer nicht mehr funktionieren, ob in Deutschland, Frankreich oder sonst welchen Industriestaaten. Damit lassen sich keine der aktuellen Probleme lösen. Das bisherige Wirtschaftsmodell bzw. seine Rahmenbedingungen, ist die eigentliche Ursache der ökonomischen Krise in der die Industrieländer stecken.

    (Dies schreibt ein Kleinunternehmer, der seine Arbeit gerne macht und gerne weiter machen würde, ohne besondere materielle Ansprüche aber der sich nach einer friedlichen, nachhaltigen Entwicklung sehnt, wobei möglichst viele Menschen ihr Glück eigenverantwortlich und frei handelnd erarbeiten können – wie im Märchen, welches uns Ökonomen und Politiker schon lange erzählen)

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo 4fairconomy,

      Handelsbilanzen entwickeln sich. Die Aussage dann „muss dieser Exportüberschuss abgebaut werden und sich in ein Importüberschuss verwandeln“ ist zwar unter Politikern sehr beliebt, hat aber mit der Realität wenig zu tun.

      So gleicht sich ein Ungleichgewicht, wenn es denn eines ist, über die Zeit wieder aus. So wäre eine Normalisierung der Verhältnisse innerhalb der intraeuropäischen Handelsströme ohne das rein politisch motivierte Festhalten an einem nicht funktionierenden Währungs-Peg schon längst erfolgt. Ohne das Ventil der unterschiedlichen Währungsentwicklung und mit einer künstlichen Aufrecherhaltung der Nachfrage aus den Ländern Südeuropas wäre man einen Schritt weiter. Bisher wird übrigens niemand zur Aufnahme eines Kredites gewzungen, um damit deutsche Produkte zu kaufen.

      Man zudem nicht vergessen, dass deutsche Produkte nicht nur in Europa sondern weltweit verkauft werden. Generell ist es jedenfalls gesünder, mehr zu produzieren als zu konsumieren als der umgekehrte Fall. Denjenigen, die ständig über deutschen Exportüberschüsse jammern, steht es frei, teurere Produkte zu kaufen. Die Alternative aus Daimler ein Peugeot zu machen erscheint uns nicht sonderlich attraktiv, aber das mag jeder anders sehen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie gefährlich und verantwortungslos der „französische Weg“ ist.

      „Entsprechend der aktuell vorherrschenden Geldanlagestrategien floss davon ein hoher Anteil in Hypothekarkredite, Staatsobligationen, Aktienmärkte (Sekundärmarkt) u.a. und nur ein geringer Teil ging an Unternehmen“

      Das Geld geht nicht irgendwohin. Jede Aktie wird immer von jemandem gehalten, ebenso jeder Bond. Wenn jemand am Sekundärmarkt eine Aktie kauft, ist das Geld ja nicht weg. Diese Theorie ist ein Mythos wie der von der Wall Street (und der Presse) propagierte Unsinn der „Rotation der Gelder von Anleihen in Aktien“. Das ist nicht möglich.

      Ein wichtiger Punkt der Kreditvergabe an Unternehmen wird gerne ausgeblendet. Durch die unseligen Basel Richtlinien werden seit Jahren Staaten und Finanzinstitute gegenüber Unternehmen massiv bevorteilt. Eine Abschaffung der Risikogewichtung wäre ein Schritt Richtung Gleichbehandlung. Abschließend sei gesagt, dass viele Unternehmen, die halbwegs solide aufgestellt sind, derzeit keine Probleme haben, sich Fremdkapital zu besorgen. Vielmehr fehlen interessante und vor allem rentable Projekte.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Ashraf Khan sagt:

        Da jetzt schon das Thema Handelsbilanzen angesprochen wurde, möchte ich eine Frage los werden, mit der ich mich schon seit Tagen ohne befriedigende Antwort beschäftige. Ich hoffe hier kann mir jemand einen Stoß in die richtige Richtung geben 🙂

        Insbesondere im Zusammenhang mit Handelsbilanzdefiziten wird zur Zeit das Abwerten der Währung bis hin zur Abwertungsspirale bzw. dem Währungskrieg thematisiert.
        Es ist klar, dass meine Produkte auf dem Weltmarkt durch Abwertung günstiger werden und ich mehr verkaufen kann. Dadurch werden tendentiell mehr Leute beschäftigt werden. Allerdings kann der Arbeiter sich dann von seiner schwächeren Währung weniger kaufen, isbesondere Energie und Nahrungsmittel sind da ja recht kritisch. Wenn ich dann noch Handelsbilanzüberschüsse erzeuge, verkaufe ich sogar Arbeit und Rohstoffe gegen potentiell leere Forderungen, also irgendwie nicht gut.
        Im umgekehrten Fall eines Aufwertens der Währung, werden mehr Arbeiter ihren Job verlieren und nichts davon haben, dass sie sich theoretisch günstiger Güter kaufen könnten, weil sie ja kein Geld mehr verdienen, oder sie müssten sich entsparen bzw. verschulden, also auch nicht gut.
        Habe ich hier irgendwo einen Denkfehler oder sind Auf- und Abwertung tatsächlich beide problematisch, sodass ich am besten gar nicht dran rumfummeln sollte, damit sich die Gleichgewichte auch einstellen können? Sind das dann die „besten“ Lösungen?

        Auf der anderen Seite fiel mir auf, dass zwar der Arbeiter von beidem nicht wirklich profitiert, sehr wohl aber die Unternehmen bzw. die oberen 10%. Bei einer Abwertung können sie höhere Gewinne generieren und bei einer Aufwertung können sie sich von ihrem Gesparten mehr auf dem Weltmarkt kaufen. Für sie ist dabei kein Problem zu entsparen, weil tendentiell genügend Kapital vorhanden ist bzw. angehäuft wurde, als die Währung noch schwach war. Ist es also „nur“ ein Verteilungsproblem?

        Es würde mich wirklich sehr freuen, wenn mir hier jemand weiterhelfen kann, damit ich nachts wieder ruhig schlafen kann^^

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hallo Ashraf Khan,

          Sie sprechen einen leider oft vernachlässigten Punkt an. Die künstliche Abwertung der eigenen Währung hat den nachteiligen Effekt, die Importe der zur Herstellung notwendigen Güter zu verteuern. Dieser Punkt wurde übrigens in der Schweiz heftig diskutiert, wovon in der deutschen Presse leider nicht viel ankam. Der Effekt für Produzenten ist abhängig von der Zusammensetzung der Herstellungskosten (Material, Personal). Nur Nachteile hat der heimische Unternehmer, der Waren importiert und daheim verkauft. Leidtragende sind ebenfalls dessen Kunden.

          Wenn Sie Zugriff auf Rohstoffe haben, trifft Sie der Effekt weniger stark. Daher sind die Auswirkungen von Abwertungen nicht überall gleich. Die USA steht diesbezüglich nicht nur bei Energierrohstoffen wesentlich besser da als Japan oder die Europäische Union. Bis vor kurzem zahlten die Japaner übrigens für Öl dank dem starken Yen Preise wie in den 80ern. Sollten die Japaner beim Abwertungswettrüsten weiter Ernst machen, wird man auf die bösen Folgen nicht lange warten müssen. Durch die sprunghafte Veränderung der Kaufkraft bleibt den Firmen und Bürgern keine Zeit zur Anpassung.

          So segensreich die Politik eine Abwertung darstellen mag, so gefährlich kann sie sein. Die Senkung der Kaufkraft trifft alle Bürger, womit die Lasten eines Sektors in gewohnter Manier auf alle verteilt werden. Das beste wäre es, wie Sie es so schön formulieren, man fummelte nicht an solchen Parametern herum. Da eine optimale Lösung aber nicht bedeuten muss, dass jeder Einzelne die Situation ebenfalls als optimal beurteilt, ist dies aber politisch wohl nicht opportun. Politik ist meistens kurzfristig orientiert und immer Klientelpolitik.

          Beste Grüße und Ihnen eine hoffentlich angenehme Nachtruhe
          Bankhaus Rott

          • Ashraf Khan sagt:

            Hallo Bankhaus Rott,

            vielen Dank für die Antwort, sie hat mir sehr geholfen. Zum einen weil sie mir zeigt, dass ich doch auch zu kurz gedacht bzw. zu sehr vereinfacht habe. Zum anderen weil Sie ganz deutlich hervorheben, dass es hier wie so oft einfach um die Bevorteilung einiger Gruppen auf Kosten des Restes geht. Genauso würde es wohl auch kommen, wenn man sich von Regierungsseite entschließt aufzuwerten (wenn das denn auch so einfach geht). Also, Finger weg von der Geldpolitik! 🙂

            Beste Grüße und einen guten Start in die Woche,
            Ashraf Khan

      • 4fairconomy sagt:

        Hallo Bankhaus Rott

        Ungleichgewichte der Handelsbilanzen zwischen Staaten gleichen sich aus, in dem sich die Güter- und Geldströme umkehren. Idealerweise bewegen die Währungskurse die Waage in die eine oder andere Richtung zur Korrektur der Ungleichgewichte. Wenn die Währung aber dieselbe ist, was sehr problematisch ist, da sind wir uns einig, muss dieser Ausgleich über die Löhne erfolgen. Sinken aber die Löhne in Südeuropa, wie sie es sollten, wird zumindest ein Teil der Produktion nach Südeuropa verlegt, wobei dann Güterüberschüsse Richtung Deutschland statt aus Deutschland fliessen. Und da bekäme Deutschland mit seiner Abhängigkeit von einem Exportüberschuss ein Problem.

        Eigentlich ist es immer dasselbe Gundproblem: wer mehr produziert als konsumiert, spart. Dies macht aber kein Sinn bzw. kann ökonomisch nicht aufgehen, wenn dieses Sparen nie dafür aufgewendet wird, in Zukunft mehr zu konsumieren. Sparen zum Selbstzweck sozusagen. Wer aber die Güter kaufte, was das Sparen erst ermöglichte, muss dann auch die Chance haben zu Einkommen zu kommen, sei es schon nur um die Kredite der auf Pump gekauften Güter zurückzahlen zu können. D.h. er muss nun seinerseits mehr produzieren können, als er selbst verbraucht. Und diese Mehrproduktion muss von den früheren Sparern gekauft werden, da sie die einzigen sind, welche ohne sich zu verschulden, mehr ausgeben können als einnehmen. Wollen die Sparer aber gar nie mehr ausgeben als einnehmen, sondern immer nur sparen und darauf sitzen bleiben, müssen andere sich immer mehr verschulden, d.h. immer mehr ausgeben als einnehmen.

        Fliesst netto mehr Geld aus der Realwirtschaft in Aktien, Staatsanleihen, Edelmetalle, Immobilien, kurzfristigen Devisengeschäften usw. als davon wieder zurück in die Realwirtschaft fliesst, trocknet dies die Realwirtschaft genau so aus wie das Horten von Tauschmitteln. Es kommt auf die vorherrschende Flussrichtung an. Im Idealfall sind die Flüsse in beiden Richtungen gleich bzw. gleichen sich mit der Zeit aus. Sonst haben wir in der Realwirtschaft Deflation oder Inflation und spiegelbildlich Blasenbildung oder Verlustbildung bzw. Schrumpfung der Assetpreise. Je grösser die Geldmenge, welche hin und her schwappen kann, desto grösser die möglichen Preisschwankungen einerseits und Blasenbildungen andererseits.

        Nun zum wichtigsten Punkt, der Kreditvergabe an Unternehmen. Absolut einverstanden, die aktuellen Rahmenbedingungen für Geldanlagen die Sie beschreiben, setzen der Problematik noch eines drauf. Aber auch wenn diese Rahmenbedingungen geändert werden und Staat und Finanzinstitute nicht mehr übervorteilt werden, muss über den Preis, d.h. den Zinsen, der Ausgleich stattfinden zwischen Geldangebot (=Ersparnisbildung) und der Geldnachfrage für Investitionen. Aber ein Preis, der nur positiv sein kann, d.h.. ein Ungleichgewicht in immer derselben Richtung voraussetzt, damit er als Gleichgewichtspreis funktionieren kann, macht keinen Sinn bzw. wird zwangsläufig immer wieder zu grösseren Verwerfungen führen. Insbesondere kann dieser Preis so nicht signalisieren, dass zuviel gespart wird.

  5. quest sagt:

    Ich bin gelegentlicher Besucher und habe mich zuweilen gefragt, wer sich hinter dem Namen „Bankhaus Rott“ verbergen mag.

    Zum Artikel: Die beiden ersten Grafiken sprechen ja eine eindeutige Sprache, so dass die nonchalant-spöttischen Bemerkungen als Garnierung durchaus angezeigt scheinen. Aber hier scheint nun ganz deutlich die Sicht durch, die allein einem Bankhaus (Sektor „Dienstleistungen“) eigen ist. Ein paar auf- bzw. abwärts strebende Linien, und fertig ist die Zeichnung der Lebenssituation in den beiden Ländern.

    Kommen Ihnen da nicht selbst ein paar Zweifel, zumal ich einfach mal davon ausgehe, dass Sie (wie ich) das Nachbarland nicht nur vom Hörensagen ein wenig kennen.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo quest,

      danke für Ihren Kommentar. Die deutlichere Sprache sprechen unserer Meinung nach die beiden unteren Charts. Jeder mag für sich beurteilen, wie bedeutsam etwa ein derart rasches Auseinanderdriften der industriellen Fertigung in beiden Ländern ist. Wer 30 Prozentpunkte für Kleinigkeit hält, darf das gerne tun, wir sehen das anders.

      Natürlich kann man nicht auf einer Seite, die „Lebenssitutation in beiden Ländern“ beschreiben, wobei wir diese Bezeichnung ohnehin befremdlich finden. Was soll beispielsweise „die Lebenssituation in Deutschland“ sein?

      Dennoch kann man aus den wirtschaftlichen Tendenzen einiges ablesen. Die Grafiken sind nicht vom Himmel gefallen sondern repräsentieren reale Entwicklungen. Die aktuellen Begebenheiten, wirtschaftlich und politisch, sprechen für deutlich schwierigere Zeiten in Frankreich. Wie die Menschen damit umgehen werden steht auf einem anderen Blatt.

      Einen Großteil der Informationen, die wir über den Zustand und die Entwicklung in der französischen Industrie erhalten, stammt von Vertretern hiesiger Unternehmen, nicht von Banken. Falls Sie in der Breite anderslautende oder gar gegenteilige Informationen besitzten, würden wir uns freuen, wenn Sie uns daran teilhaben ließen.

      Beste Grüße und einen guten Wochenstart
      Bankhaus Rott

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