Auch du Genosse, bleibst gehebelt!

22. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Im Zeitalter der Ankündigungen ersetzt das gesprochene Wort die Handlung. So feiern sich prassende Sparweltmeister für leere Versprechungen und Großstrategen erfreuen sich am Deleveraging. Dabei hat dieses noch nicht einmal richtig Fahrt aufgenommen …

So richtig weiß niemand, wann sich das menschliche Bewusstsein derart verändert hat. Kaum wird ein neues Sparprogramm verkündet, will man das noch gar nicht Gesparte wieder ausgeben. Es ist ein bisschen so, als würde jemand eine strikte Fastenkur ankündigen. Jeden Tag will der gute Mann 500 Kalorien weniger zu sich nehmen. Zur Feier des Tages fällt das Fasten dann aus und wegen des großen Erfolges gibt es spontan eine Currywurst mit Pommes – mit doppelt Mayo, bitte.

Auch beim Deleveraging, dem Abbau der Verschuldungsquoten, ist dieses Muster zu beobachten. Zum einen ist dies der krankhaften Hektik der Finanzinstitute und der Politik anzulasten. Sie kennen das. Hoppla der Dax fällt, da muss aber schnell die Verfassung geändert werden, sonst ist alles vorbei, der dritte Weltkrieg beginnt und die Portugiesen kommen mit Panzern über den Rhein marschiert! Verrückt.

Das dauernde Starren auf die täglichen Zuckungen einiger Indizes und Kennzahlen führt lediglich zu operativer Hektik, so dass tägliches Rauschen überinterpretiert wird. Was ändert es an strukturellen Problemen, wenn die Rendite spanischer Anleihen an einem Tag um 20 Basispunkte fällt oder steigt?

Auch in den Staaten ist viel vom erfolgreichen Deleveraging die Rede. Die Firmen und privaten Haushalte in den Staaten enthebeln tatsächlich und geben sich per Saldo der schnöden Tilgung oder auch der einen oder anderen Insolvenz hin. Bevor nun aber dem Kreditvolumen die Schmelze gestatten wird, leiht Onkel Sam sich lieber Geld fürs Kollektiv.

Bei den Haushalten sinkt die ausstehende Verschuldung vor allem durch die immer noch hohen Ausfallraten bei den Hypotheken, die den Großteil der privaten Verschuldung ausmachen.

Angesichts der zwar gefeierten aber immer noch sehr schwachen Zahlen vom Immobilienmarkt ist das nicht weiter verwunderlich. Vor einigen Tagen wurden wieder einmal die Baugenehmigungen gefeiert die sich auf einem Vierjahreshoch befänden. Wirft man einen Blick auf die historische Entwicklung, so zeigt sich ein Sektor, der immer noch im tiefsten Niemandsland herumkrebst. Die Zahl der Baugenehmigungen liegt unter den Tiefs der 60er Jahre. Was das in der pro-Kopf-Betrachtung heißt, möchten viele eher nicht ausrechnen. Man muss es sportlich sehen. Wer von der ersten in die vierte Liga absteigt, freut sich dennoch am ersten Spieltag über die Tabellenführung… (Seite 2)

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9 Kommentare auf "Auch du Genosse, bleibst gehebelt!"

  1. 4fairconomy sagt:

    Wenn die Nachfrage nach Unternehmenskrediten sinkt, muss sich dies auch im Preis abbilden, welcher die Sparer für die überschüssige Liquidität erhalten, welche sie „produzieren“. Konkret muss die Bildung von mehr Ersparnissen als die Unternehmer verwerten können rasch und ohne Verzögerung zu negativen Zinsen auf Ersparnisse, welche nicht angelegt werden können, führen. Die ist das not-wendige Signal, welches ein antizyklisches Verhalten auslöst, in dem weniger gespart wird und mehr Kredite nachgefragt werden, bis sich ein neuer, der Konjunktur entsprechendes Gleichgewicht einstellt, wobei die Zinssätze durch keinen Mindestpreis an die Gleichgewichtsbildung verhindert werden dürfen. Mit der Fixierung eines Mindestzins von null für die Besitzer von überschüssiger Liqudität nimmt die in eine Katastrophe mündende Entwicklung ihren logisch zwingenden Lauf: Wachstums- und Verschuldungszwang, zunehmende Verteilungsungleichheit und Geldmengenwachstumszwang.

    Es sollte doch nachdenklich stimmen, dass es beim wichtigsten Preis einer Volkswirtschaft eine Mindestpreisgarantie gibt, welche bei „Überproduktion“ Verluste verhindert – und damit eine notwendige Korrektur im Verhalten der Marktteilnehmer.

  2. John Doe sagt:

    „Die offenbar im Grimm‘schen Märchenwald zusammengeschriebenen Nachrichten des Staatsrundfunks setzen dennoch weiter auf fröhlich verkündete Erfolgsnotizen.“

    Ich unterstelle einfach mal, dass mit dem Vorwurf nur die öffentlich rechtlichen Sender gemeint sind.

    Hm, ich habe mir mal die Ergüsse zum Thema Börse, Wirtschaft der privatrechtlichen Sender angetan. Da gibt es einen Herrn mit einem gewaltigen Gebiß, der mit überwältigendem Pathos und mit einem gerüttelten Maß an Mysthik die beschriebenen „Erfolge“ feiert. Zum meinem Glück habe ich vergessen welcher privatrechtlich organisierte Sender sich mit dem die Vorkommnisse an der Börse kommentierenden Herrn schmückt. Finanzielle, wie auch gesundheitliche Schäden lassen sich zumindest damit reduzieren.

    Sollte der Vorwurf des „Staatsrundfunks“ auch die privatrechtlich organisierten Sender mit einschließen, dann macht der Vorwurf Sinn „Haudrauf-Rabauken“ seien am Werk, die nur heiße Luft verkaufen.

    Welche conditio sine qua non steckt hinter dem ganzen Gehabe?

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo John Doe,

    der Blödsinn ist natürlich nicht auf die öffentlich rechtlichen Anstalten (eine schöne Bezeichnung übrigens) beschränkt. Allerdings sind die privaten Kanäle nicht direkt steuerfinanziert.

    Aber schon Peter Lustig empfahl seinerzeit zu Recht den Kindern: Abschalten.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • John Doe sagt:

      Hi liebes Bankhaus,

      schön, dass wir derselben Meinung sind, dass auch auf den privat rechtlich organisierten Kanälen derselbe „Blödsinn“ erzählt wird.

      Ich kann mit der Bemerkung, dass ja die privaten Kanäle nicht steuerfinanziert seien, überhaupt Nichts anfangen. Wenn beide nur „Blödsinn“ erzählen, dann dürfte es doch vollkommen egal sein, wie die Finanzierung ausgestaltet ist. Ändert sich die Qualität des „Blödsinn“, wenn die Finanzierung nicht steuerfinanziert ist? Ich kenne nur die Regel: „Blödsinn bleibt Blödsinn, da helfen keine privaten Gelder!“

      Meine Frage war, was die conditio sine qua non hinter diesem „Blödsinn“ sei. Sollte hinter dem Hinweis die Forderung stehen, dass mit Steuergeldern finanzierte Organisationen keine Lügen verbreiten sollen, dann stellt sich tatsächlich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Dann sind wir aber sofort bei der Frage nach dem cui bono. Wem nutzt es ein gescheitertes Geschäftsmodell, auf Monetarisierung oder Finanzialisierung, Deregulierung und Liberalisierung basierend, am Leben zu halten.

      Welche conditio sine qua non steht hinter dem „Blödsinn“ der mit privaten Geldern finanzierten Kanälen? Haben Sie eine Idee, die noch über meinen Ansatz hinaus geht?

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo John Doe,

        wir finden die Tatsache, ob man gezwungen wird, für Unsinn zu bezahlen – ob man ihn konsumiert oder nicht – durchaus für bedeutsam.

        Ansonsten gilt, wie in vielen Zeitungen der Grundsatz „wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Daher stammt vermutlich auch die oft debil wirkende Berichterstattung über Finanzmärkte. Wer einen Blick in die Werbeanzeigen der Blätter wirft oder sich den Spots im Fernsehen aussetzt, weiß zumindest, über welche Themen nicht sonderlich kritisch berichtet werden wird.

        Aber das ist im Grunde derart alter Tobak, dass wir Ihre Frage ehrlicherweise in die Kategorie „rhetorische Frage“ eingestuft haben.

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

  4. bts_freak sagt:

    Ist es nicht normal, dass bei schwächelnden Nachfrage der Privatwirtschaft nach Krediten der Staat einspringen MUSS um das Geld irgendwie in den Wirtschaftskreislauf zu bringen? Wenn er das nicht täte, hätten wir vstl. eine vernichtende Deflation (v.a. in Hinsicht einer Rezession), da der Zinsfluss heraus aus unserem System ja exponentiell wächst.

    Ich denke also, wenn der Staat einspringt ist das auf jeden Fall die richtige Lösung, ansonsten hätten wir hier bald keinen Spaß mehr. So haben wir wenigstens noch ein paar Jahre Spass ;).

    • Thomas71 sagt:

      Es müsste erst mal der Beweis erbracht werden, dass der Staat wirklich mit Kreditausdehnung auf schrumpfende Kreditnachfrage der Privatwirtschaft reagiert.

      Gruss,
      Thomas71

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