Arbeitslose kämpfen verzweifelt um Rückkehr in Statistik

5. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(Glosse von Frank Meyer) Arbeitslose und deren heutige vielfältigen Erscheinungsformen gelten als Last auf der Sozialkasse, als Hindernis optimistischer Prognosen und Bremsklotz für jeden Aufschwung. Kein Wunder, dass viele davon täglich in Deutschland spurlos verschwinden. Ein Fall für Aktenzeichen XY-arbeitslos!

Es gibt sie, obwohl es sie gar nicht gibt: Menschen zwischen 55 und 64 Jahren. Bekommen diese seit einem Jahr Hartz-4 und während dieser Zeit kein Jobangebot, gibt es sie nicht – zumindest nicht in der Arbeitsmarktstatistik. Ausgeschlossen, vergessen, wegradiert. Doch nun schlagen sie zurück.

Nach neuesten Erkenntnissen sind in Deutschland auf diese Art 105.000 Arbeitslose spurlos verschwunden. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Doch bedauerlicherweise sind die kurz vor Jahreswechsel in der Süddeutschen Zeitung wieder aufgetaucht – so auch Erna Kaluschke (60).

Seit zwei Jahren kämpft die Frau um ihr Recht, als Arbeitslose in der Statistik aufgeführt zu werden. „Was bin ich?“, „Bin ich überhaupt?“, so ihre tägliche Frage. Und wenn ja, wie viele? Kaluschke ist weder arbeitslos noch Rentnerin. Und sie ist nicht allein. Sie ist eine von vielen Opfern, die sich als „Pre-Silver-Ager“ bezeichnen, einem aufgeschwatzten Begriff für reifere Damen und Herren unter den Rädern des Aufschwungs und der Statistik. Viele Ältere sehen sich als „Past-Baby-Boomer“, ohne Boom, versteht sich. Eine Expertenkommission versucht schon seit Jahren, die Begrifflichkeiten zu eruieren. Die Hilfsorganisation „105.000 Verschwundene e.V.“ stellte sich auf Anfrage unseres Blogs unwissend.

Frau Kaluschke ist wütend.

„Das hätte es früher nicht gegeben!“

ruft sie zornig in die Mikrofone der anwesenden Journalisten auf ihrem ersten Protestmarsch der OA-Bewegung. (Occupy-Arbeitsmarktstatistik) Wir wollen da wieder rein, entrüstet sich ein rüstiger Mittfünfziger. Als Robert Lemke sein „Was bin ich?“ im Fernsehen funkte, war es einfacher, sich einzuordnen. Es gab Arbeiter, Arbeitslose, Rentner und faule Säcke! Die Alternativen heute:

Arbeitssuchend, Hartz-IV-Arbeitslos, Hartz-4-Beschäftigt, Hartz-IV-Fall, neu arbeitslos Gewordener, Hartz-IV-Bezieher, geringfügig Beschäftigter, Gering-qualifiziert mit niedriegschwelliger Beschäftigungsoption, Zeitarbeiter, Frührentner, Minijobber, Hartz-IV-Neuzugang und Rückkehrer. Und Erna Kaluschke.

Kaluschke hat eine statistische Lebenserwartung von 82 Jahren, so die frischen Zahlen des Europäischen Statistikamtes. Jährlich lebt sie zwei Monate länger. Statistisch gesehen bekommt die Mutter einer Tochter noch 0,38 Kinder in den nächsten Jahren. Doch ihr wirkliches Problem ist aber, dass sie bis zu ihrem 65. Lebensjahr gedulden muss, um den Status einer Rentnerin anerkannt zu bekommen. Bis dahin kämpft sie weiter wie die anderen Hunderttausenden, deren Forderung heißt: Wir haben ein Recht, in die Arbeitslosenstatistik aufgenommen zu werden.

„Wenn man von Almosen schon nicht leben kann, dann wenigstens offiziell!“

ergänzt die 58-jährige.

In Nürnberg ignoriert man deren Forderungen mit Achselzucken. Noch.


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Ein Kommentar auf "Arbeitslose kämpfen verzweifelt um Rückkehr in Statistik"

  1. Stuelpner sagt:

    Aber das ist nur ein Teil, die anderen ca. 5Mio. Nichtarbeitslosen, wie 1Eu Sklaven, 165Eu Sklaven usw. zählen ebenfalls als nichtarbeitslos, sowie die H4er die krank geschrieben sind u.v.m.
    Meiner Meinung nach (gibts noch Meinungsfreiheit oder ist die auch schon in Brüssel) zeigt diese Glosse, das Niveau dieser Seite.
    Über dem Ag und Au und anderen wertlosen Dingen 😉 denkt man hier auch an die „Anderen“ die zum Großteil unverschuldet Opfer dieser neoliberalen sozialen Marktwirtschaft geworden sind und auf deren Kosten die Reichen reich geworden sind und immer reicher werden. Auf deren Kosten zwielichtige Gestalten nach ihrem achso schlimmen Fehler jährlich 200TEu Gehalt bekommen bis ans Lebensende, auf deren Kosten die Bundeswehr in der halben Welt die Demokratie bringt, vorallem wenn sie nicht gewollt ist. usw.
    Wo ist die soziale Verantwortung der Unternehmer (ja sowas gabs früher) und die des Staates der diese Opfer eigentlich vertritt und erst durch sie ist.
    Man kann nur hoffen das viele aufwecken und sehen, das ein Leben als Zeitarbeitssklave und prekär Beschäftigter, menschenunwürdig ist und auch der Menschrechtscharta widerspricht.
    Viele die jetzt auf diese Nochmenschen herab sehen, werden eines Tages mitten unter ihnen stehen.
    Danke Frank für diesen Artikel
    Stuelpner

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