Smarte Arbeitsbeschaffung durch Überwachung

5. Juni 2009 | Kategorie: Kommentare

Wohin mit all den Leuten, die derzeit am Tropf des Staates hängen? Die Antwort ist ganz einfach und steht in den Zeitungen – natürlich nicht so direkt. Hartz-4 Empfänger sollen künftig überwacht werden, weil es so viel Betrug gibt, heißt es da. Und ganz nebenbei schafft es Arbeitsplätze…

Die Bundesanstalt für Arbeit hatte mal wieder so eine ganz tolle Idee. Um den Missbrauch von Sozialleistungen einzugrenzen, soll es auch Observationen als Maßnahmen bei „Verdacht auf einen besonders schwerwiegenden Leistungsmissbrauch“ geben. Was unter „besonders schwerwiegend“ zu verstehen sei, hat sich mir nicht erschlossen, doch aber, dass die Behörden Außendienste einrichten oder private Firmen mit der Kontrolle beauftragen wollen. Auch das Befragen von Nachbarn und Kindern wird in Erwägung gezogen. Was treibt der Nachbar den lieben langen Tag? Bald wissen wir es. Und endlich gibt ein neues Arbeitsbeschaffungsprogramm in unserer Dienstleistungsgesellschaft.

Ja, die Welt scheint gerechter werden zu wollen. Im Fernsehen flimmern Umfragen zu diesem Thema über die Schirme. Doch die Leute sind sich nicht so einig. Eine Kollegin sagte, es könne nicht angehen, dass Leute den Staat betrügen. Recht hat sie. Es kann aber auch nicht angehen, zuviel zu essen und zuviel Alkohol zu konsumieren. Das sollte man auch dringend überwachen und sofort der Krankenkasse melden. Die Nachbarkinder könnten die Weinflaschen im Müllcontainer zählen und der Pfandautomat im Supermarkt die Bierdosen, smart ausgelesen mit dem ganz persönlichen Fingerabdruck. Es kann ja auch nicht sein, dass Kindern Alkohol verkauft wird. Richtig. Muss man aber dafür Kinder zu testkaufenden Kindersoldaten einsetzen? Aber sicher dat!
Und zwischendurch gibt es Werbung von IBM, die vorhaben, die Welt smarter zu machen. Das wird sie aber erst, wenn alle Daten miteinander verknüpft werden können. Daran arbeiten viele innovative Unternehmen. Über die technischen Möglichkeiten werden wir uns vielleicht noch zu wundern haben.
Ja, liebe Leserinnen, liebe Leser, um unser Leben lebenswerter, gerechter und vor allem sicherer zu machen, würde ich an der Börse auf Überwachungstechnik setzen und ein paar Euro in private Spionagedienste investieren. Hier wäre ein wahres Wirtschaftswunder zu erwarten. Wenn die ARGE (Das Wort scheint von arg zu stammen) Betrügern jetzt stärker auf den Pelz rücken will, werden EBIT und EBITDA und der Kurs der zukünftigen IPO`s an der Börse steigen. Für das Observieren braucht man aber Leute, die ja direkt aus dem zweiten Arbeitsmarkt gefischt werden könnten. Spargel schießt nur drei Monate im Jahr, aber Bilder schießen kann man den ganzen Tag. Freundliche fünf Euro in der Stunde könnten so Millionen Menschen in Lohn und Brot bringen. Ich sehe schon die Erfolgsmeldungen. Vielleicht schafft ja auch eine Petz-Prämie einen kleinen finanziellen Anreiz?

Wozu gibt es eigentlich diese Überwachungskameras? Sie können mir nicht nur bis auf die Unterhose schauen, sondern ihre Daten auch noch direkt über superschnelle DSL-Leitungen an die zuständige Stellen und die zuständigen Sacharbeiter übermitteln. Das bringt eine weitere Million neuer Arbeitsplätze. Ganz nebenbei könnten die Kameras gleichzeitig auch noch den BMI-Wert des observierten Objekts (Subjekts?) feststellen. In Amerika wird gerade daran gearbeitet, Mimik, Gestik, Körperausdünstungen und Augenbewegungen mit Kameras zu erfassen, um Kriminelle zu erkennen. Das steht geschrieben in der FTD. Vielleicht erfassen die Kameras bald auch unsere Gedanken und schicken diese an die Zentrale unseres Sicherheitsministers?

Ja, die Welt könnte wirklich smarter werden. Und mir so schlecht. Pinkelt man im Park in eine Ecke, freut sich zwar der Baum, doch hagelt es dann einen Strafzettel. Spuckt man einen Kaugummi neben die Mülltonne, flattert ein Ablassbrief in Höhe von fünf, später 20 Euro in den Briefkasten. Zu Recht! Pupst man, schreibt mir Sigmar Gabriel, Renate Künast oder das Ordnungsamt. Und wenn der kleine Zwerg von nebenan petzt, dass ich mir Zigaretten gekauft habe, bekomme ich freundliche Post von der der Krankenkasse und eine Beitragserhöhung. Ach ist das nett. Und da ich dieses zu ahndende Verbrechen an einem Kiosk verübt habe, werden die Aussagen des Kleinen mit den Ergebnissen der Kameras aus dem Kiosk verglichen. Smart.

Dafür braucht man aber viele Leute, die sich den ganzen Tag Videos anschauen – fast wie zu Hause. Vielleicht ist darunter auch das gerne von Olaf Scholz zitierte Wort Vollbeschäftigung gemeint? Ganz nebenbei erholt sich die Staatskasse bzw. können mehr Unternehmen „gerettet“ werden.

Ach, die Welt würde besser. Niemand würde mehr Hartz-IV bekommen, weil ja alle mit dem Auswerten von Daten beschäftigt wären. Das nenne ich doch ein echtes Konjunkturprogramm. Wenn das der Erhard wüsste…

Die Ideen der Überwachung erinnern mich irgendwie an die Zeit in der DDR, bloß war man damals zum Glück technisch noch nicht so weit gewesen. Sonst wäre vielleicht die Welt da drüben auch smarter geworden. Ich frage mich aber die ganze Zeit, warum das früher alles kein Problem war und erst heute zum ständigen Problem wird. Vielleicht waren die Deutschen früher anständiger? Und wieso heute nicht mehr?

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