Anleihen: Durchgeknallt im Zinsen-Wald

4. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Während alle Welt auf den DAX starrt, ist bei deutschen Staatspapieren der Teufel los. Welcher Depp kauft eigentlich dieses teure Zeug?

Na, das wäre doch mal eine Schlagzeile wert, dass der Bund-Future von einem Rekord zum Nächsten rennt – wenigstens doch eine kleine Schlagzeile. Bitte! Bitte! Na gut, dann eben hier auf diesem Blog. 153… 154… 155 Prozent… Am Freitag ist er über 156 Prozent gestiegen. (Quelle: finanzen.net)

bund-future10

Okay, es ist wirklich viel interessanter, wenn in Rendsburg in der Silvesternacht einer versucht, sein Fahrrad an der Tankstelle zu tanken. Ist wirklich passiert. Oder andere Ausrutscher zu Silvester. Aber der Rentenmarkt? Der ist doch so langweilig wie Merkels abgelesenen Neujahrsansprachen.

Klar, es gibt keine Rente mehr, vor allem nicht die, die man versprochen bekam. Gemeint ist mit dem Rentenmarkt der Anleihemarkt. Schließlich ist der in Deutschland genauso groß wie der DAX. Die Bundesrepublik hat ausstehende Anleihen von über einer Billion Euro draußen. Pfeif drauf, wenn man einen DAX auf die Pupille tätowiert bekam!

Vor einigen Monaten gab es auf kurze Laufzeiten bis zwei Jahre keine Rendite mehr. Dann fraß sich das Phänomen weiter, bis es am Freitag Nachmittag die fünfjährigen Laufzeiten erwischt hat. Die Renditen wurden erstmals mit 0,003% negativ, zwar minimalst, dennoch hatte ich Gänsehaut, als das passierte. (Quelle: investing.com)

D5yrendite

Dabei hieß es doch schon, der Anleihemarkt wäre in einer Blase, als der Bund noch bei 130 Prozent stand.

Wenn also jemand diese Papiere zu aktuellen Kursen kauft, zahlt ihm Herr Schäuble, oder später Finanzminister Trittin weniger zurück, inklusive Kupon, als er aufgewendet hat. Die Verluste sind hier wirklich garantiert. Wer ist so verrückt?

Die finanzielle Repression? Große Geldsammelstellen wie Versicherungen und Pensionskassen müssen ja „sicher“ die Kundengelder anlegen, also sichere bundesdeutsche Staatspapiere mit garantiertem Verlust bei Negativ-Renditen. Herrliche neue Welt? Und dann jammern sie wegen niedriger Zinsen und bekommen Rettungspakete gespannt. Und es sind diejenigen, die auf weitere Kurssteigerungen gesetzt haben. 10-jährige Papiere sind im letzten Jahr um 12% teurer geworden. Haben Sie davon etwas in den Nachrichten gehört? Nö! Vielleicht wiederholt sich das auch in diesem Jahr? Wir wissen es nicht. Und ich möchte das auch nicht austesten.

Wettet man auf den Austritt Deutschlands aus der Eurozone und die Aufwertung der neuen Währung ? Oder ist eine Bundesanleihe, egal was sie derzeit kostet, immer noch besser als alles andere? Oder sind es gar die Schweizer, die Franken drucken und dafür Bundesanleihen kaufen, um den Franken zum Euro über 1,20 zu halten? Fragen über Fragen.

Wenn die Renditen auch auf 10-jährige deutsche Staatsanleihen ausgelöscht sind, wird der Bund-Future über 160 Prozent stehen, aber nichts davon in der Zeitung.

Der Bund-Future ist eine künstliche Anleihe mit einem Kupon von 6% und einer Laufzeit von 10 Jahren. 100% Rückzahlung und die Kupons von 10 Jahren (60%) addieren sich folglich auf 160%. Viel fehlt ja nicht mehr an der 160% für den Bund-Future. Die Renditen auf zehn Jahre liegen jetzt schon nur noch bei 0,49 Prozent.

Finanzminster Wolfgang Schäuble bekommt von dappigen Anlegern auch noch Geld, wenn er den Schuldenberg erhöhen sollte. Irre? Irre! Herrlich, wenn man sich so entschulen kann. Deshalb die schwarze Null…

EZB freut sich

Wie es aussieht, will die EZB mit dem Aufkauf von Staatspapieren die Zinsen weiter drücken, offiziell um die Wirtschaft anzukurbeln. Komisch… Wenn ein Toter mit permanenten Stromstößen (Nullzinsen) von 10.000 Volt sich nicht bewegt, dann ist der wahrscheinlich auch tot oder hat zumindest vor, das zu bleiben.

Jetzt aber, wo der Anleihemarkt so dick, rund und teuer geworden, wird es Zeit, dass die EZB zu höchsten Preisen aufkauft – um neues Geld entstehen zu lassen. Nebenbei sinken die Zinsen um weitere Zehntel Prozente oder auf unter Null. Sie kauft die Papiere und erfindet das Geld dafür aus dem Nichts. Sollte der Anleihemarkt aber zu klein sein, müsste sie auch Aktien kaufen. das hat sie durch die Blume auch schon angedeutet. Und dann den Müll aus den Mülltonnen, die Tonnen selbst, Steine, kilometerweise Feldweg und das Wasser aus dem Rhein zu Champagnerpreisen. Wegen der Wirtschaft?

P.S. Irgend so ein junger Radiomoderator, ich schätzte sein Alter auf höchstens 12 Jahre, mit 40 Jahren Berufserfahrung meinte, wenn die Zinsen in den USA steigen werden, dann böte das künftig bessere Renditechancen. Deshalb stiege der US-Dollar. Oha! Dass ein Zinsanstieg auf dieses Niveau derbe Verluste für alle diejenigen bedeutet, die in den letzen Jahren diesen überteuerten Krempel gekauft haben, wusste er offenbar nicht. Das sind Milliarden an potentiellen Kursverlusten, sollten die Renditen dorthin ansteigen. Dann halt nur eines: Aufkaufen… Aber egal.



 

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2 Kommentare auf "Anleihen: Durchgeknallt im Zinsen-Wald"

  1. Avantgarde sagt:

    Der junge Radiomoderator könnte aber Recht behalten……allerdings mit ein paar sehr unangenehmen Nebenwirkungen….
    Bei steigenden Zinsen können nämlich nicht unerheblich in US-Dollar nominierte Kredite schlicht ausfallen – und somit die verbleibende Dollarmenge an Wert gewinnen: Ganz besonders die PHYSISCHEN Papierdollar, da diese nicht ausfallen können.
    Und ihr wißt ja selbst wie groß der Dollarkreditberg ist…..wenn der erst mal ins Rutschen kommt gibt es kein Halten mehr – 2008/9 Reloaded.
    Die „Renditechancen“ wären also da 🙂
    Allerdings in einem Umfeld welches sich niemand wünschen kann.

    Wir können wirklich nur hoffen, daß nicht eines Tages wirklich mal jemand den Stöpsel aus dem Kreditozean zieht…und der Glaube an immaterielle Wirtschaftsgüter noch recht lange erhalten bleibt.

  2. Sandra sagt:

    ein übergreifender Kommentar zum Börsengeschehen, Mode und Zeitgeist

    In jeder Mode entspricht Gerechtigkeit der verbundenen Moral und Gesetz der Mode. Stirbt ein Trend verteilen die Herren der Mode auf die Masse um. Daher gilt im Allgemeinen von jeglicher Investition in einen absterbenden Trend Abstand zu nehmen, da sich diese als wenig erfolgreiche Investitionsentscheidungen ‚entpuppen‘.

    Stirbt ein langläufiger Trend (z.B. Zeitgeist der Gesellschaft) wird dies ob der Auswirkungen oft als große Sache angesehen. Rein technisch gesehen sind die Verfahrensmuster wiederkehrend (siehe Börse).

    Umverteilung auf die Masse durch Trendbestimmung:
    z.B.
    – Diskussion von Erbschaftssteuer für Familienunternehmen (zum Mitläufertrend: brechen mit Tradition und Gemeinschaftssinn)
    – Erfüllen des Bedürfnisses nach ‚Gerechtigkeit‘ der Masse
    – Sicherung der Wählerstimmen und der politischen Einflußfunktion (Setzen des Handlungsrahmens)
    Ergebnis: Die, die dem Trend folgen, zerstören die eigene Infrastruktur (Täter) und sind danach Opfer, da sie dies gemeinsam ausbaden müssen.

    Was kann man tun?
    Die Mode so gut wie möglich erkennen und an sich vorbeirauschen lassen. An sich wäre ich wirklich sehr interessiert, wenn es dieses mal anders ist, wenn sich dieses eine Mal die Herren der Mode Gedanken machen müßten. Dazu kann man sie nur zwingen, indem alles, was auch versucht wird, nicht funktioniert – da die Masse es als unwirtschaftlich begreift und versteht.

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